Alles für den Tanz! Junge Auswanderin hilft afrikanischen Talenten

Weinböhla/Südafrika - Von Südafrika nach Belgien: Sizo (13) und Nkosi (16) wollten für einen zweieinhalbminütigen Tanzauftritt auf einem internationalen Dance-Contest um die halbe Welt reisen. Doch weil ihr Schicksal dabei gleich mehrfach aus der Reihe tanzte, wurde aus der ersten großen Reise ihres jungen Lebens ein spektakulärer Abenteuertrip - gespickt mit Pleiten, Pech und Pannen: Visaprobleme, bummelnde Behörden, Flugumbuchungen und -verspätung, verlorene Reisepässe. Dass sie am Ende erfolgreich gegen die Tücken des Schicksals antanzen konnten, muss wohl ein barmherziger Tanz-Gott hingebogen haben.

Sind seit über einem Jahr eine kleine Familie: Nadja (30), Bonwa (37) und Söhnchen Janus (1).  © Norbert Neumann

Ihr Leben ist ein Tanz. Vor sechs Jahren lernte Nadja Bartel (heute 30) aus Weinböhla (bei Dresden) in Südafrika den Tanzlehrer Bonwabise "Bonwa" Mbontsi (heute 37) kennen: "Es war Liebe auf den ersten Blick."

Seitdem tanzen beide gemeinsam durchs Leben. Nadja wanderte zu Bonwa nach Pietermaritzburg aus, etwa 1 600 Kilometer von der Hauptstadt Kapstadt entfernt. Im März 2023 heirateten sie mit 45 Gästen aus Deutschland. Vor einem Jahr kam Söhnchen Janus zur Welt.

Nadja war unter anderem zwei Jahre lang an der Palucca Tanzschule in Dresden ausgebildet worden, interessierte sich für afrikanische Tänze. Gemeinsam mit ihrem Mann arbeitet sie in dem Tanzprogramm "BoNana" (Einander sehen).

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"Wir geben Schulkindern dreimal in der Woche Tanzunterricht", erzählt Nadja.

"Wir nennen sie Super Troupers - Superkünstler - weil viele in ihrem noch kurzen Leben schon viele Herausforderungen meistern mussten."

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Nadja wurde an der staatlichen Palucca Hochschule für Tanz in Dresden ausgebildet: Namensgeberin ist die Ausdruckstänzerin und Tanzpädagogin Gret Palucca  © Bildmontage: Imago/Sylvio Dittrich, DPA/Löwe

Tanzduett hat sich für die Meisterschaften qualifiziert

Abschiedsfoto vorm Abflug: Sizo mit seiner Oma (l.) und Schwester sowie Nkosi (r.) vor ihrem Wohnbungalow im Township von Pietermaritzburg.  © Bonwabise Mbontsi

Die zwei Besten im Kurs qualifizierten sich mit einem Tanzduett für die EU-Meisterschaften am 5. Juli in Belgien - Sizo (13) und Nkosi (16).

Doch damit die Minderjährigen nach Europa durften, brauchten sie Bestätigungen von Eltern und Schule, von der Polizei beglaubigte Dokumente und Visa.

"Am Visum wäre es fast gescheitert, weil Papiere fehlten", sagt Nadja. Nicht Südafrika, sondern ausgerechnet das Landratsamt Meißen bummelte, stellte ein Dokument verspätet aus.

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"Deshalb mussten wir die Flüge mehrfach umbuchen, was am Ende 2 000 Euro teurer wurde." Die Kosten für den Tanztrip wurden übrigens aus Spenden von der Familie (allein von Nadjas Eltern kamen mehrere Tausend Euro), Bekannten und Tanzfreunden sowie aus dem Turnverein Weinböhla bezahlt.

Während Sizo und Nkosi bereits auf gepackten Koffern saßen, konnte Nadjas Mann die Visa erst am vorigen Donnerstag von der anderthalb Fahrstunden entfernten deutschen Botschaft in Durban abholen. Freitag startete der Flug, doch erst am Samstag um 22 Uhr landeten sie in Berlin - mit 12 Stunden Verspätung!

"Weil kein Zug mehr fuhr, habe ich ein großes Auto gemietet, damit wir alle in der Nacht nach Belgien fahren konnten", sagt Nadjas Vater Uwe (55).

Plötzlich waren die Pässe Tanz-Talente weg

Heute tanzen sie noch davor, später vielleicht einmal als Profis auf der Bühne der Semperoper: Sizo (13, o.) und Nkosi (16) aus Südafrika zeigen noch einmal ihre Wettbewerbs-Moves bei einem Tagestrip in die sächsische Landeshauptstadt.  © Norbert Neumann

Doch dann waren plötzlich die Pässe verschwunden - bei der Gepäckannahme auf dem Berliner Flughafen vergessen. Egal, die Meisterschaften warteten nicht.

Also auf nach Belgien. Das Navi war auf Merelbeke (bei Gent) eingestellt, wo alljährlich die Dance Waves Competition steigt. Bei der renommierten Wettbewerbsserie messen sich alle Altersgruppen aller Tanzlevel miteinander.

Die einen wollen die Jury mit Hip-Hop oder Modern Dancing ködern, andere - so wie Sizo und Nkosi - setzen auf Contemporary, zeitgenössischen Tanz.

"Um vier Uhr in der Frühe waren wir angekommen, konnten vor dem Wettbewerb gerade noch ein paar Stunden schlafen", erzählt Nadja.

Immerhin sollten ihre zwei Schützlinge putzmunter gegen Tänzer aus Belgien, Frankreich, Deutschland, Portugal und den Niederlanden antreten. Dann wieder Turbulenzen, als die beiden Südafrikaner gegen ein neues Handicap antanzen mussten: Beide durften nur in einer gemeinsamen Altersklasse starten.

Nadja: "Weil Sizo erst 13 und damit noch Kind, Nkosi aber schon 16 Jahre alt ist, wurden beide als Jugendliche eingestuft." Heißt, die Ansprüche der Jury kletterten.

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Landeten auf Anhieb auf einem respektablen siebten Platz: Sizo und Nkosi zeigen stolz ihre Medaillen von der Dance Waves Competition. Spenden für die teurer gewordene Tanzreise kann man über das Instagram-Profil bonanadance.  © Norbert Neumann

Sizo und Knosi tanzten ihr Leben

Der Tanzwettbewerb war auch seltene Gelegenheit, die Eltern in der alten Heimat wiederzutreffen: Bonwa (37) und Janus (1) bei der Familienzusammenführung mit Auswanderin Nadjas (30, l.) Vater Uwe (55, M.) und Mutter Jana (54, r.).  © Norbert Neumann

Dann hieß es endlich: Let's dance! Plötzlich standen die Super Troupers neben der Crème de la Crème der besten Tanzzauberer Europas. Hunderte Augen schauten zu. "Wir tanzten unser Leben", sagt Nkosi.

Und irgendwie auch ein bisschen um ihr Leben.

Alle Verzweiflung, Probleme, aber auch Frohsinn und ihr gewachsenes Selbstbewusstsein wurden in der Performance in synchrone Tanzschritte umgewandelt, zu Überschlägen in der Luft und gipfelte schließlich in einem furiosen Akrobatikakt.

Dabei fliegt Sizo förmlich auf Nkosis Schultern. Zweieinhalb Minuten lang. Applaus, Anerkennung, Schulterklopfen - und ein guter Platz sieben aus dem Stand.

Inzwischen hat sich auch der ehrliche Finder der Pässe über die Deutsche Botschaft gemeldet. "Es war ein Pole, der sie wegen Misstrauens gegenüber deutschen Behörden lieber an sich genommen hat", sagt Nadja. An einem sächsisch-polnischen Grenzübergang sollen die Dokumente nächste Woche gegen einen kleinen Finderlohn ausgetauscht werden.

Nach der Pflicht steht für Sizo und Nkosi jetzt die Kür auf dem Programm. Am kommenden Freitag um 14 Uhr sind sie bei einem Tanztheaterprogramm in der Nassauhalle Weinböhla zu sehen.

"In dem Stück geht es um das afrikanische Schutzprogramm für Nashörner", verrät Nadja. Eintritt frei. Für den 20. Juli ist dann der Rückflug nach Südafrika geplant - mit vielen neuen Erfahrungen und den beiden Meisterschaftsmedaillen im Gepäck.

Ausdruckstanz gegen schlechte Erfahrungen: Benachteiligte südafrikanische Kinder lernen im "BoNana"-Tanzprogramm auch, wie sie in einem Alltag zwischen Drogen und Gewalt standhaft bleiben.  © privat

Aufgeblüht statt wortkarg

Sizo (13) träumt davon, Profitänzer zu werden.  © Norbert Neumann

Sizophila "Sizo" Mthembu (13) wächst in einer Township von Pietermaritzburg auf. Seine Eltern leben getrennt. Die Mutter sieht er nur alle zwei Wochen, weil sie auswärts arbeitet.

In einem Minibungalow lebt Sizo mit seiner Oma und seiner Cousine in ärmlichen Verhältnissen. Sein Vater lebt drei Fahrstunden entfernt. "Ich musste zu ihm fahren, um die schriftliche Erlaubnis einzuholen, mit Sizo nach Deutschland fliegen zu dürfen", sagt Tanzlehrer Bonwa.

"Sizo kam durch seine Schwester zu unserem Tanzprogramm, war anfangs unheimlich schüchtern und wortkarg", erzählt Nadja. "Ich habe ihn während der ersten drei Jahre kaum reden hören - und wenn, dann nur sehr leise.

Durch das Tanzen blühte Sizo auf, konnte seine Tanzleidenschaft und Freude zeigen und lernte auch, seine Meinung zu sagen."

In Dresden möchte er jetzt die unterirdische SLUB-Unibibliothek und die Palucca Schule sehen. "Ich mag den Käse hier und Gummibärchen", gesteht Sizo. "Später möchte ich Profitänzer werden."

Ruhe statt Gewalt

Nkosi (16) will den Tanz zum Beruf machen.  © Norbert Neumann

Die Eltern von Nkosingphile "Nkosi" Mkwanzi (16) leben getrennt. Er hat drei Geschwister, die Mutter ist arbeitslos. Auch eine Schwester lebt mit ihrem Kind in dem Einzimmer-Bungalow. Die finanzielle Situation der Familie ist angespannt.

"Wir haben Nkosi schon manchmal mit einer Mahlzeit oder Geld für neue Schulkleidung ausgeholfen, weil die alte löchrig war", erzählt Nadja Bartel. Zudem wuchs der 16-Jährige im Umfeld permanenter Gewalt auf. So musste Nkosi miterleben, wie Diebe die Wohnung seiner Nachbarsfamilie überfielen, dabei eine Mutter und ihr Kind töteten.

Für den Tanzwettbewerb ist er zum ersten Mal geflogen, fuhr erstmals mit einem Zug und der Straßenbahn. Derzeit wohnt er mit Sizo im Zimmer von Nadjas Bruder im elterlichen Haus.

"Er hilft mit, hat schon Reis für uns gekocht, Gemüse geschnitten", sagt Nadjas Mutti Jana (54).

"Hier ist abends alles so schön still draußen", bemerkte Nkosi und ist sich bei einem ganz sicher: "Später möchte ich einmal Tanzchoreograph werden."

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