Von Oliver Pietschmann
Höchst - Sie hängen zu Hunderten unter dem Giebel eines alten Bahnhofsgebäudes im Odenwald. Hin und wieder saust eine Fledermaus aufgeschreckt durch den Raum, ansonsten sind die Tiere tagsüber eher träge. Ihre Zeit ist die Nacht!
Dann fliegen die Säuger mit ihren spitzen Zähnen und kleinen Augen los, um Insekten zu vertilgen.
Anlehnungen in Vampirfilmen zum Trotz stehen Menschen und Blut nicht auf der Beuteliste. Aber: "Man kann nicht behaupten sie würden keiner Fliege was zu leide tun", sagt Dirk Diehl. Er betreut das spannende Projekt der hessischen Gesellschaft für Ornithologie und Naturschutz im Mausohr-Bahnhof im Höchster Stadtteil Mümling-Grumbach.
In dem 1894 gebauten, denkmalgeschützten und stillgelegten dreigeschossigen Bahnhof leben Diehl zufolge im Sommer rund 1300 Fledermäuse. "Es ist eine der größten Kolonien in Hessen", erklärt er.
"Der Klimawandel macht den Tieren zu schaffen", schildert Diehl. Bei höheren Temperaturen verbrauchen sie mehr Energie.
Bedeutet: Je wärmer es sei, desto schlechter könnten die Fledermäuse schlafen und würden mehr Energie zuführen.
Bahnhofsgebäude im Odenwald: Fledermäuse stört der Bahnverkehr nicht
Auf dem Speiseplan stehen Insekten und Spinnen, wenn die kurzsichtigen Tiere mit ihrer Ultraschall-Echo-Ortung auf die Jagd gehen. Im Frühjahr mit Maikäfern sei das kein Problem. 30 bis 40 stünden dann auf dem Speiseplan der Fledermäuse. Aber durch die Trockenheit seien viele große Laufkäfer weg. "Wenn die Maikäfer weg sind, wird es eng."
Man wisse seit dem Jahr 2000, dass die Tiere vor Ort seien. Damals hätten rund 300 unter dem Giebel gelebt. Das Dach sei undicht gewesen und Regen auf den verkoteten Boden gefallen, was Folgen für die darunterliegenden Räume hatte. Das Dach ist jetzt dicht, unter dem Giebel riecht es dennoch muffelig nach Fledermaus-Extrementen.
Wer sich das bei einer Veranstaltung oder Führung ansehen will, muss nicht unter das Dach. Auf dem Dachboden sind Diehl zufolge Infrarotkameras und man kann das Treiben oben auch im Erdgeschoss auf einer Leinwand entsprechend leicht verfolgen.
Das Große Mausohr wohnt dem Naturschutzbund Nabu zufolge über viele Generationen in großräumigen, ungestörten Dachböden. Die Tiere nutzen die Räume als warme Ersatzhöhlen in Kirchen, Schlössern oder anderen großen Gebäuden.
"Es ist die größte heimische Fledermausart", sagt Diehl über die Hausbewohner neben einer aktiven Bahnstrecke. Die vorbeirauschenden Züge würden die Tiere bei ihrem Aufenthalt im Sommer nicht stören. Als jedoch mal die Schienen erneuert und Schotter für das Gleisbett gerüttelt wurde, seien sie nervös geworden. "Das fanden sie gar nicht lustig."
Veranstaltungen und Führungen im Bahnhof im Höchster Stadtteil Mümling-Grumbach
Den Charme des Bahnhofs will die Gesellschaft erhalten. Wer das Gebäude mit dem Schild "Fledermaus Freundliches Haus" betritt, den erwartet ein historisches Bahnhofsambiente.
Es gibt auch Veranstaltungen wie "Fledermaus & Bahnhof", bei denen das Eisenbahnambiente deutlich im Mittelpunkt steht, aber auch über die Infrarotkameras live auf den Dachboden zu den Aktivitäten der Bewohner dort geschaltet wird.
Veranstaltungen gibt es Diehl zufolge im Mai, Juni, August und September. "Die Öffnungszeiten sollen ausgebaut werden." Auch Schulklassen sollen für den Bahnhof und die Tiere interessiert werden.
Das laufe aktuell "mit angezogener Handbremse". Die Mittel für das Projekt in dem 2012 versteigerten Bahnhof werden eingeworben. Fördergelder gab es Diehl zufolge für den Denkmalschutz. Ansonsten gebe es nur "viele Versprechungen ohne Folgen".
Fledermäuse gibt es dem Naturschutzbund BUND zufolge bereits seit mehr als 50 Millionen Jahren.
In Deutschland gebe es 25 verschiedene Arten, von denen jedoch nur zwei derzeit nicht als gefährdet gelten.