Historische "Snake Farm": Wo Kobras gemolken werden
Von Carola Frentzen
Bangkok (Thailand) - Hinter einer dicken Glasscheibe greift ein Schlangenexperte routiniert in eine Kiste und hält Sekunden später mithilfe eines Metallhakens eine hochgiftige Monokelkobra in den Händen.
Das Toxin dieser in Südostasien heimischen Schlange zerstört das Gewebe und kann für Menschen tödlich sein, wenn ein Biss unbehandelt bleibt. Der Mann trägt einen Gesichtsschutz, geht aber ansonsten mit bloßen Händen zu Werke.
Gekonnt packt der junge Thailänder die etwa eineinhalb Meter lange Giftnatter hinter dem Kopf und führt sie zu einer dünnen Kunststoffmembran, die über einem Glasgefäß angebracht ist. Die rund zwei Dutzend Zuschauer in der historischen "Snake Farm" in Bangkok (Thailand) halten den Atem an. Dann beißt die Schlange zu.
Aus sicherem Abstand verfolgen die Besucher, wie die Fangzähne die Membran durchstoßen und kurz darauf langsam Gift herausfließt - gelblich, trüb und ziemlich zäh. Die Schlangen werden "gemolken", wie der Vorgang im Fachjargon heißt: Der Kopf des Tieres wird dabei direkt hinter dem Schädel fixiert.
Beim Biss in die Membran pressen sich die Giftdrüsen, die hinter den Augen liegen, zusammen – und das Gift fließt über die Fangzähne mittels eines Trichters in ein Glas.
Die Farmen und das erzeugte Gift sind essenziell für die Antiserum-Produktion
Ein wichtiger Faktor ist dabei die 1923 eröffnete Schlangenfarm des Queen Saovabha Memorial Institute (QSMI) in Thailands Hauptstadt. Sie ist die zweitälteste Einrichtung dieser Art weltweit, nach dem 1901 eröffneten Instituto Butantan in Brasilien.
Seit 1994 werden hier auch Schlangen gezüchtet. Ziel ist es, "eine stabile, gesunde und artengesicherte Quelle für Schlangengift zur Herstellung von Antivenom zu sichern", wie es auf der Webseite des Instituts heißt, das zum thailändischen Roten Kreuz gehört.
"Die verschiedene Schlangenarten haben eine sehr unterschiedliche Giftzusammensetzung, weshalb zur Behandlung jeweils spezifische Gegengifte benötigt werden", erklärt die WHO in einem Bericht zu der Forschungseinrichtung, mit der sie eng zusammenarbeitet.
Die Schlangenfarm des QSMI spiele eine unverzichtbare Rolle bei der Antiserum-Produktion und halte sich dabei strikt an internationale Standards, lobt die UN-Behörde.
Viele Schlangenbisse gelangen heimlich in die Blutlaufbahn
Der Fokus liegt auf hämotoxischen Giften, wie sie bei Vipern typisch sind, und neurotoxischen Giften, die vorwiegend bei Giftnattern vorkommen. Erstere stören die Blutgerinnung und schädigen das Gewebe, zweitere verursachen Lähmungen und neurologische Symptome bis hin zum Atemstillstand.
"Das Gift ist entweder durchsichtig oder gelblich, und es beinhaltet eine komplexe Mischung aus Toxinen und Enzymen", erläutert eine Tafel im angrenzenden, höchst informativen Schlangenmuseum.
Hier sind zahlreiche imposante Exemplare in riesigen Glasbehältern konserviert, von der gefürchteten Königskobra, die mit ihrem Toxin sogar Elefanten überwältigen kann, bis hin zu einer schwach giftigen Art mit dem kuriosen Namen Puffgesicht-Wasserschlange. Kaum eine Frage zu den faszinierenden Reptilien bleibt unbeantwortet.
Während es normalerweise nach einem Biss zu Schmerzen und Schwellungen kommt, bleiben die Bisse mancher Spezies vom Opfer fast unbemerkt - etwa im Fall des in Südostasien heimischen Blauen Krait (auch Malaiischer Krait genannt).
Das Gift gelangt still und heimlich in die Blutbahn. Unbehandelt sind die meisten Betroffenen wenige Stunden später tot.
Titelfoto: Fotomontage/Carola Frentzen/dpa/123RF/castelhano

