Netz - Seit wenigen Tagen läuft der Low-Budget-Horrorfilm "Backrooms" in den deutschen Kinos - und trifft bei vielen Zuschauern einen Nerv. Doch auf welchem psychologischen Phänomen basiert der Überraschungserfolg?
Wer schon einmal nachts durch eine verlassene Schule gelaufen ist oder einen stillen Hotelflur betreten hat, kennt das Gefühl: Diese Orte wirken vertraut - und gleichzeitig doch fremd. Genau diesen widersprüchlichen Eindruck beschreibt das Phänomen der liminalen Räume.
Der Begriff "liminal" geht auf das lateinische Wort "limen" ("Schwelle") zurück. Gemeint sind Übergangszonen wie Treppenhäuser, Korridore, Wartehallen und Einkaufszentren: Orte, die eigentlich für Bewegung und Durchgang gedacht sind, nicht für Aufenthalt.
Findet man sie menschenleer vor, sind sie ihrer Funktion beraubt - und stellen die Frage, warum sie überhaupt existieren. Es entsteht das Gefühl, sich zwischen zwei Welten zu befinden.
"Liminal Spaces" sind kein klassisches Horror-Genre, sie funktionieren eher psychologisch. Das Unbehagen entsteht nicht durch Monster oder Gewalt, sondern vielmehr durch die Irritation des Vertrauten. Unser Gehirn erkennt die Umgebung, kann aber die Situation nicht einordnen. Diese Spannung erzeugt einen Moment zwischen Nostalgie, Einsamkeit und potenzieller Bedrohung.
In den sozialen Medien entwickelte sich daraus ab etwa 2019 ein eigenes Internet-Phänomen. Auf Plattformen wie 4chan teilten zahlreiche Nutzer Fotos von verlassenen Schwimmbädern, Hotellobbys oder Bürogebäuden. Die Bilder wirkten wie Erinnerungen an Orte, die man nie besucht hatte - ein Effekt, der oft als "Anemoia" beschrieben wird.
Der bekannteste Ausdruck dieser Ästhetik sind die sogenannten "Backrooms" - Ausgangspunkt für den gleichnamigen Kinohit. Ein damals hochgeladenes Foto - hier auf Reddit zu sehen - zeigt einen fensterlosen Raum mit gelben Teppichböden, Kunstlicht und schief wirkenden Wänden. Dazu entstand die Idee, man könne durch einen Fehler in der Realität in ein endloses Labyrinth solcher Räume geraten.
Offizieller deutscher Trailer zum Horrorfilm "Backrooms"
"Backrooms": Vom YouTube-Mythos zum Kinohit
Aus einem einzelnen Bild entwickelte sich eine der erfolgreichsten modernen Internet-Legenden. Die "Backrooms" wurden in Fan-Wikis, Kurzgeschichten, Spielen und Videos immer weiter vertieft und ausgebaut. Dabei blieb die zentrale Idee erstaunlich simpel: Nicht eine womöglich umherstreifende Kreatur ist der Horror, sondern die endlose Architektur selbst.
Den entscheidenden Popularitätsschub erhielt das Konzept durch den jungen Filmemacher Kane Parsons (21), der ab 2022 eine Reihe von Found-Footage-Kurzfilmen mit verblüffend professionellen visuellen Effekten inszenierte.
Die Videos erreichten Hunderte Millionen Aufrufe und sprachen ein Lebensgefühl an, das vor allem die Generation Z kennen dürfte.
Moderne Städte bestehen zunehmend aus anonymen Orten, die überall gleich aussehen. Gleichzeitig verbringen insbesondere jüngere Menschen immer mehr Zeit in digitalen Räumen, die zwar vertraut erscheinen, aber oft keine echte Verankerung bieten.
Die "Backrooms" übersetzen dieses Gefühl in eine Horror-Metapher. Sie sind eine Welt ohne Orientierung, ohne Ausgang und ohne menschliche Nähe. Sie zeigen unsere eigene Welt, nachdem etwas Wesentliches verschwunden ist.
Der aktuelle Kinofilm, produziert von A24, wurde mit einem vergleichsweise kleinen Budget realisiert und entwickelte sich schnell zum internationalen Kassenschlager. Bereits wenige Tage nach dem Start überschritt er die Marke von 200 Millionen Dollar weltweit - damit ist er schon jetzt der erfolgreichste Film in der Geschichte des Studios.