Ben Becker verrät: Das schmerzt ihm manchmal beim Publikum

Berlin - Ben Becker (61) gilt als Exzentriker, Ausnahmetalent und Enfant terrible der deutschen Schauspielerszene. Mit seinem Bühnenprogramm füllt der charismatische Charakterkopf ganze Kirchen. Nun geht der 61-Jährige mit "Ich, Judas" auf Jubiläumstournee. TAG24 sprach mit dem eigenwilligen und markanten Darsteller-Genie über Rituale, Routine, Nischenthemen und Grenzgänger.

Ben Becker (61) füllt mit der Erfolgsinszenierung seit Jahren auserwählte Kirchen.  © FacelandCom

TAG24: Sie feiern mit "Judas" ein Jubiläum. Was bedeutet es für Sie, ein solches Projekt über so viele Jahre immer wieder auf die Bühne zu bringen?

Ben Becker: "Ich habe eine große Liebe zu diesem Abend. Wenn mich der Text nicht mehr interessieren würde, hätte ich ihn längst ad acta gelegt. Aber er ist so komplex, dass mir der Spaß daran nicht vergeht. Ich entdecke immer wieder Neues, neue Türen öffnen sich - und genau deshalb bleibt das Stück lebendig. Kein Abend ist wie der andere. Auch wenn die Dramaturgie feststeht, lebt jede Aufführung neu auf. Solange das so ist, bereitet mir das große Freude."

TAG24: Nach zehn Jahren und zahlreichen Aufführungen: Ist da nicht irgendwann Routine drin?

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Ben Becker: "Eine gewisse Erfahrung ist natürlich da, aber Routine im eigentlichen Sinne gibt es nicht. Ich habe anderthalb Jahre mit 'Judas' pausiert und jetzt, wo wir wieder mit den Vorbereitungen beginnen, merke ich: Die Nervosität ist immer noch da. Das ist auch gut so. Selbst nach all den Jahren."

TAG24: Haben Sie Rituale, mit denen Sie sich auf einen solchen Abend vorbereiten? Die Performance ist ja sehr intensiv.

Ben Becker: "Eigentlich nicht. Man umarmt vielleicht noch einmal die engsten Mitarbeiter, bekommt einen letzten Schulterklopfer und dann geht der Vorhang auf. Ach, und wenn ich die Kirche betrete, begrüße ich selbstverständlich meinen Freund und Mitstreiter, der über mir ans Kreuz genagelt ist."

TAG24: Sie widmen sich häufig in Solo-Abenden eher ungewöhnlichen, vielleicht auch nischigen Themen. Was reizt Sie an einer Figur wie Judas, die als Inbegriff des Verräters gilt?

Ben Becker: "Ich weiß gar nicht, ob das heute so nischig ist. Die Fragen, die der Abend stellt, sind hochaktuell: Wer trägt Schuld? Wer darf über wen urteilen - und warum? Warum findet so wenig echte Kommunikation und friedliche Auseinandersetzung statt? Diese Themen waren immer relevant und sind es heute vielleicht mehr denn je. Auch wenn die Geschichte über 2000 Jahre alt ist, sind die Fragen nach Verantwortung, Schuld und unserem Umgang miteinander absolut gegenwärtig."

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Ben Becker im Interview mit TAG24 über "Ich, Judas"

Der 61-Jährige gilt als Spezialist für zerrissene Charaktere.  © Jens Kalaene/dpa

TAG24: Worin liegt Ihrer Meinung nach diese zeitlose Aktualität?

Ben Becker: "In der ganz grundlegenden Frage: Wie gehen wir miteinander um? Das betrifft uns alle - im Privaten wie im Globalen. Jeder kann darin etwas finden, das ihn angeht. Ich spreche bewusst nicht von Antworten, sondern von Fragen."

TAG24: Ist die Frage manchmal wichtiger als die Antwort?

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Ben Becker: "Sehr oft sogar. Schon der Mut, sich einer Frage zu stellen, ist entscheidend. Leider sind Antworten heute oft sehr schnell parat. Das kann gefährlich sein, Menschen verletzen oder sogar ganze Völker gegeneinander aufbringen. Sich mit dem auseinanderzusetzen, was uns umgibt, was wir beobachten und das auch infrage zu stellen."

TAG24: Was wünschen Sie sich, das Ihr Publikum am Ende des Abends mit nach Hause nimmt?

Ben Becker: "Vorsicht im Verurteilen. Sich selbst zu fragen: Wie handle ich? Warum finde ich etwas gut oder schlecht? Wenn jemand das Theater - oder in diesem Fall die Kirche, denn 'Judas' findet ausschließlich in Gotteshäusern statt - mit einer Frage verlässt, die ihn weiter beschäftigt, dann habe ich als Künstler viel erreicht. Das ist kein Abend, nach dem man einfach sagt: 'Das war schön, auf Wiedersehen.' Es ist eher ein nachhaltiges Kunsterlebnis."

TAG24: Sie spielen das Stück seit vielen Jahren. Gab es Reaktionen aus dem Publikum, die Sie überrascht oder irritiert haben?

Ben Becker: "Buhrufe oder Störungen gab es bislang nicht. Was leider vorkommt, ist, dass Menschen ihr Handy zücken und filmen - das schmerzt ein wenig, aber es ist kein Grund, eine Vorstellung zu unterbrechen. Ansonsten kommen die Menschen ja nicht, um mich zu beschimpfen. Und wenn doch, dann würde es zumindest ein spannender Abend werden."

TAG24: Das Publikum erlebt den Abend oft in sehr besonderen Räumen, etwa in Kirchen oder Domen.

Ben Becker: "Ja, das schafft eine eigene Atmosphäre. Die Menschen kommen mit einer bestimmten Haltung und das prägt den Abend sehr."

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