Hamburg - Sieben Jahre diente Jan Kelle (36) seinem Land, drei Einsätze führten ihn in Kriegsgebiete. Für die Liebe verließ der 36-Jährige die Bundeswehr - und fiel in ein tiefes Loch.
Als Webdesigner führte Kelle ein ruhiges, glückliches Leben. Doch dann kam am 2. April 2010 das "Karfreitagsgefecht", bei dem drei deutsche Fallschirmjäger in Afghanistan von der Taliban getötet wurden.
"Ein Kumpel von mir war dabei. Er ist gesund wieder nach Hause gekommen, körperlich gesund. Aber ich hatte ein richtiges Problem damit, dass ich nicht dabei war, dass ich ihm nicht helfen konnte", sagt der Hamburger im Gespräch mit TAG24.
Es beschäftigte den 36-Jährigen so sehr, dass er sich 2012 schließlich verpflichtete. Er habe helfen, seinen Beitrag leisten wollen. "Ich habe eine Vollausbildung gemacht und war in einer Infanterie-Einheit. Einer Kämpfertruppe der Bundeswehr. 2013 ging es dann direkt nach Afghanistan. Das war mein erster Einsatz", so Kelle.
"Ich war extrem stolz, gerade auch als ich aus Afghanistan wiederkam. Aber es war trotzdem eine super komische Situation" erinnert sich der Ex-Soldat.
Plötzlich seien eben keine Kameraden mehr um einen herum gewesen. "Es ist super ruhig, du hast keinen Auftrag mehr", sagt der heutige Feuerwehrmann.
Jan Kelle bekam im Auslandseinsatz eine schlimme Nachricht
Trotzdem verlängerte Kelle seine Zeit beim Bund nach vier Jahren um weitere vier. 2016 und 2017 ging es für ihn jeweils für viereinhalb Monate nach Mali.
Über Gefechte will er nicht sprechen. "Du bist da in einem Kriegsgebiet und du siehst da wirklich Tod und Elend. Und ganz schlimme Armut", sagt Kelle.
"Wir sind da durch die Stadt gefahren und dann hast du auf der einen Seite Leichen im Graben gesehen. Zwei Meter weiter war dann ein Markt aufgebaut und drei Meter weiter war eine riesige Luxusvilla mit einem Pool auf dem Dach. Das hat überhaupt nicht zusammengepasst", so der ehemalige Infanterist.
Trotzdem habe er auch schöne Erfahrungen gesammelt. "Wenn du unterwegs bist und Hilfsgüter verteilst. Da sind kleine Kinder, die sich so extrem über eine Wasserflasche freuen", erinnert er sich.
Den Wendepunkt brachte eine Nachricht seiner damaligen Partnerin, die ihn vier Tage vor dem Ende des letzten Auslandseinsatzes erreichte.
"Sie hat gesagt, dass sie sich von der Beziehung entfernt hat, dass das irgendwie keinen Sinn mehr macht. Das war für mich das Schlimmste", erzählt der Influencer.
Jan Kelle: "Ich war gerne Soldat, ich war auch ein sehr guter Soldat"
Kelle wollte um seine Liebe kämpfen und stellte etliche Verkürzungsanträge, bis er 2019 endlich entlassen wurde. "Ich war gerne Soldat, ich war auch ein sehr guter Soldat, das weiß ich. Und ich hätte das auch gerne noch sehr, sehr lange durchgezogen, aber für die Beziehung habe ich dann gesagt: Okay, ich muss hier irgendwie herauskommen", so der Hanseat.
"Dann fing diese Depression an und diese Ahnungslosigkeit, wer ich überhaupt bin. Was ich hier will, was ich mache. Ich hatte keinen Auftrag mehr", erinnert sich Kelle.
Er gab der Beziehung die Schuld, beendete sie und merkte kurze Zeit später, dass es ein Fehler war. Doch seine Partnerin nahm ihn nicht mehr zurück.
"Es waren sehr, sehr schwere Monate. Aber nach etwa zwei Jahren war so der Moment da, wo ich dachte: Geil, ich bin wieder angekommen im Leben, ich bin wieder wer, ich habe meinen Plan", so der 36-Jährige.
Bei der Feuerwehr fand der Ex-Soldat sich selbst wieder. "Ich leiste meinen Beitrag. Ich habe das erst für mein Land getan. Jetzt tue ich das für meine Stadt. Ich bin froh, jetzt nur noch auf Stadtebene zu agieren und quasi die kleinen Kriege zu bekämpfen", bilanziert Kelle.
Wie sehr er in dieser Aufgabe aufgeht, zeigt er als Feuerwehr-Influencer, der innerhalb weniger Monate über 100.000 Follower sammelte.