Hape Kerkeling hält ESC für "eine ziemlich schwule Idee"

Von Gregor Tholl

Köln - Entertainer Hape Kerkeling (61) ist seit vielen Jahren eng mit dem Eurovision Song Contest verbunden. In der neuen ARD-Doku "70 Jahre ESC – More than Music" ordnet er den Wettbewerb ein.

Entertainer Hape Kerkeling (61) hat sich in der neuen ARD-Doku zum Eurovision Song Contest geäußert.  © Britta Pedersen/dpa

"Also die Idee zu sagen, wir bringen europäische Stars auf eine Bühne und die singen in einem Gesangswettbewerb Chansons [poetische Lieder, bei denen der Text im Vordergrund steht, Anm. d. Red.], das finde ich erst mal 'ne ziemlich schwule Idee", sagt Kerkeling mit einem Lächeln.

Der 61-Jährige moderierte 1989, 1990 und 1991 den deutschen ESC-Vorentscheid. Im Jahr 2010, als Deutschland mit Lena Meyer-Landrut (34) gewann, war er Deutschlands sogenannter Punktesprecher und saß neben etwa Mary Roos (77) in der deutschen Jury.

Spätestens seit Acts wie Dana International (1998) oder Conchita Wurst (2014) hat der ESC den Ruf, ein besonders queeres und LGBTIQ-freundliches Event zu sein. Transfrau Dana International (57) gewann mit "Diva" für Israel, die Drag-Kunstfigur Conchita Wurst, hinter der Thomas "Tom" Neuwirth (37) steckt, holte mit "Rise Like A Phoenix" den Sieg für Österreich.

Hape Kerkeling Hape Kerkeling pfeift auf Italien: Warum er jetzt so gnadenlos mit dem Land abrechnet

Neuwirth erzählt in der Doku, als er sein späteres Siegerlied das erste Mal gehört habe – mit diesem James-Bond-Nummer-Akkord am Anfang –, habe er gedacht: "Das ist die Chance meines Lebens." 

Dass er aber haushoch gewinnen würde, habe er sich nicht vorstellen können, sagt Neuwirth. "Ich dachte mir: Das wird schon passen. Aber Europa ist sicher nicht so weit, eine Dragqueen mit Bart da gewinnen zu lassen." Was ihm der Sieg gezeigt habe? "Dass die Menschen, die in einem Land Politik machen, nicht immer alles repräsentieren, was in diesem Land vor sich geht."

Anzeige

Hape Kerkeling sicher: ESC ist ein offen queeres Event

1991 moderierte Kerkeling den deutschen Vorentscheid zum Grand Prix Eurovision de la Chanson, dem Vorgänger des Eurovision Song Contests (ESC). (Archivfoto)  © Nestor Bachmann/dpa

Kerkeling nennt in der Doku Conchitas damaligen Auftritt "mutig". Dragqueen Olivia Jones (56) bezeichnet Wursts Sieg 2014 als "tolles Zeichen" für Freiheit und Toleranz: "Und als sie dann noch den Pokal gehoben hat, hatte ich natürlich Gänsehaut." Denn man müsse berücksichtigen, dass sowas dann auch in Ländern ausgestrahlt werde, in denen LGBTIQ-Menschen immer noch diskriminiert und drangsaliert werden.

Der Entertainer ist sich zudem sicher, dass der Eurovision Song Contest Mitte der 90er, Anfang der 2000er zum offen queeren Event geworden sei. Doch: "Ein verstecktes queeres Event war es eigentlich schon seit Beginn."

Der auch "Dr. Eurovision" genannte Kulturwissenschaftler Irving Wolther betont, der Grand Prix habe schon früh mehr oder weniger subtil queere Botschaften gesendet. "In Frankreich beispielsweise wurde der Auftritt von Jean-Claude Pascal (†64) 1961 schon als Hymne für gleichgeschlechtliche Liebe gedeutet."

Hape Kerkeling "Schellen jedenfalls die Alarmglocken": Womit Hape Kerkeling hart ins Gericht geht

Damals unterlagen homosexuelle Handlungen in weiten Teilen Europas, etwa in der Bundesrepublik, noch Strafgesetzen.

Die Doku "70 Jahre ESC – More than Music" steht ab dem 8. Mai auf Abruf in der ARD-Mediathek bereit. Am 11. Mai wird der Film zudem im Ersten ausgestrahlt.

Mehr zum Thema: