Hanna tot in reißendem Fluss: Unschuldiger Sebastian 945 Tage als Killer eingesperrt

Aschau im Chiemgau - 945 Tage sitzt Sebastian T. (23) im Gefängnis, weil er die Medizinstudentin Hanna W. (†23) getötet haben soll. Die angeblichen Beweise sind teilweise widerlegbar, die junge Frau wohl durch ein Unfallgeschehen ums Leben gekommen. Und es kommt Gemauschel zwischen Richterin und Staatsanwaltschaft ans Licht.

Mordopfer Hanna W. wurde nur 23 Jahre alt.
Mordopfer Hanna W. wurde nur 23 Jahre alt.  © Polizeipräsidium Oberbayern Süd

Es ist der Abend des 2. Oktober 2022. Hanna und ihre Freunde treffen sich zum Vorglühen. Sekt und Wodka Soda wird getrunken, bevor es gegen 23 Uhr in den Club "Eiskeller" zum Feiern geht.

Die ausgelassene Party endet in einer Tragödie: Am nächsten Morgen wird die Leiche der 2,06 Promille aufweisenden Hanna in der Prien gefunden - ohne Hose, nur mit Slip, Oberteil und Turnschuhen bekleidet.

Aufgrund des komplizierten Verletzungsbilds mit Abschürfungen, Platz- und Risswunden sowie seltenen Brüchen im Schulterbereich geht die Polizei von einem Tötungsdelikt aus. Auch die Rechtsmedizin stützt diese Theorie.

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Regina Rick, Verteidigerin des später Verurteilten, legt hingegen dar, dass Hanna zwölf Kilometer durch das Hochwasser führende Gewässer mit meterhohen Abstürzen getrieben wurde, die Verletzungen durch das Treiben und Anprallen rühren dürften.

Die 23-Jährige feierte in der Nacht ihres Todes im Club "Eiskeller".
Die 23-Jährige feierte in der Nacht ihres Todes im Club "Eiskeller".  © Uwe Lein/dpa

Mord an Hanna W. in Aschau: Freundin belastet Hauptverdächtigen

In der Prien wurde Hannas Leiche gefunden.
In der Prien wurde Hannas Leiche gefunden.  © NDR/Thomas Bresinsky

Rechtsmediziner Prof. Dr. Klaus Püschel kritisiert seine Münchner Kollegen: "Nach meiner Überzeugung ist hier nicht das erfolgt, was immer erfolgen soll: Ein Testen verschiedener Hypothesen mit gleichem Nachdruck", sagt er in der NDR-Doku "Tod nach der Disco - Der Eiskeller-Fall".

Ein Profiler kommt zur Erkenntnis, dass die Medizinstudentin von einem sexuell motivierten Täter von hinten attackiert worden sein dürfte, dieser sich auf sie setzte und wild mit einem stumpfen Gegenstand auf sie einschlug. Ein mutmaßlicher Irrtum, was zu diesem Zeitpunkt noch niemand ahnt.

Die Polizei nimmt Hunderte Hinweise entgegen und bittet so einen von mehreren Zeugen wahrgenommenen Jogger, sich zu melden. Da sich Iris T. erinnert, dass ihr damals 20 Jahre alter Sohn Sebastian in der Tatnacht am Joggen gewesen ist, rät sie ihm, sich bei der Polizei zu melden.

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Ein nett gemeinter Ratschlag mit fatalen Folgen.

Sebastian T. war der Hauptverdächtige.
Sebastian T. war der Hauptverdächtige.  © Sven Hoppe/dpa

ARD Crime Time: Richterin spricht sich mit Staatsanwaltschaft ab

Iris T. schickte ihren Sohn selbst zur Polizei.
Iris T. schickte ihren Sohn selbst zur Polizei.  © NDR/Thomas Bresinsky

Er soll seine Laufrunde einzeichnen und gibt an, nachts aufgewacht zu sein und nicht mehr habe schlafen zu können, weshalb er joggen ging. Und er soll sagen, was er denkt, was in der Nacht mit Hanna passiert sein könnte. Später gibt er angetrunken einer - wie er auch unter mangelnder Intelligenz leidender - Freundin an, dass er es "dann halt gewesen" sei, wenn es das ist, was die Polizei hören will. Er wird zum Hauptverdächtigen. Und wandert in die JVA.

Seiner Mutter erzählt er von diesem Stand. "Ich dachte, ich bin im falschen Film", so Ines T.

Die Staatsanwaltschaft reimt sich ein Szenario zusammen, in dem Sebastian T. auf seiner Joggingrunde in der totalen Dunkelheit und aus einiger Entfernung Hanna gesehen, die allein nach Hause laufende Frau von hinten überwältigt und umgebracht hat.

Obwohl die 23-Jährige stark geblutet haben muss, werden weder am angeblichen Tatort, noch an der Kleidung des angeklagten Täters Spuren gefunden. Die Vorsitzende Richterin Jacqueline Aßbichler stimmt sich dennoch und bereits vor Abschluss der Beweisaufnahme mit der Staatsanwaltschaft ab - ohne die Verteidigung zu informieren.

Am Landgericht Traunstein wird Sebastian T. am 25. November 2025 freigesprochen. Bis zu diesem Tag saß er 945 Tage unschuldig im Gefängnis. Eine angekündigte Amtshaftungsklage und mögliche Konsequenzen des Justizministeriums stehen noch aus.

945 Tage sitzt Sebastian zu Unrecht wegen Mordes im Gefängnis.
945 Tage sitzt Sebastian zu Unrecht wegen Mordes im Gefängnis.  © NDR/Thomas Bresinsky

Die dreiteilige Doku "ARD Crime Time: Tod nach der Disco - Der Eiskeller-Fall" ist ab sofort in der Mediathek abrufbar. Folge 1 läuft am 26. Januar (23.45 Uhr) im Ersten, die Folgen 2 und 3 nacheinander am 4. Februar ab 23.25 Uhr im NDR.

Titelfoto: Bildmontage: NDR/Thomas Bresinsky (2) ; Polizeipräsidium Oberbayern Süd (1)

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