Junge Frauen in der DDR zwangseingewiesen und gequält: "Haben einem die Röhrchen unten reingerammt"

Leipzig - Unterdrückung war in der DDR an der Tagesordnung: Es gab viele Mittel, die Bürger des sozialistischen Staats gefügig zu machen. Obwohl über die Jahre stets Gleichberechtigung propagiert wurde, erlebten Frauen mancherorts eine besonders perfide Art der Gewalt, wie die Dokumentation "Trauma 'Tripperburg' - Gewalt gegen Frauen in der DDR" zeigt.

Sowohl in der ehemaligen Klinik Leipzig-Thonberg (l.) als auch in der damaligen Poliklinik Mitte in Halle gab es Stationen, auf denen zwangseingewiesene Mädchen Unvorstellbares ertragen mussten.
Sowohl in der ehemaligen Klinik Leipzig-Thonberg (l.) als auch in der damaligen Poliklinik Mitte in Halle gab es Stationen, auf denen zwangseingewiesene Mädchen Unvorstellbares ertragen mussten.  © Bildmontage: Stadtarchiv Leipzig, Stadtarchiv Halle

Geschlechtskrankheiten waren in der DDR im Grunde ein Tabuthema, doch ab Anfang der 1960er-Jahre ging der Staat mittels einer Verordnung "zur Verhütung und Bekämpfung" dieser dagegen vor.

Im Zuge dessen wurden auch geschlossene Stationen ins Leben gerufen, deren Zweck es war, Menschen mit sexuell übertragbaren Krankheiten zu behandeln.

Frauen, die sich dem widersetzten, wurden zwangseingewiesen. Frauen, die sich aus Sicht des Staatsapparates nicht den sozialistischen Vorstellungen entsprechend verhielten, ebenfalls - obwohl sie meist kerngesund waren.

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Laut Historikerin Dr. Steffi Brüning seien vor allem als Herumtreiberinnen geltende Mädchen und Frauen dorthin gebracht worden, 70 bis 90 Prozent von ihnen litten jedoch nie an einer Geschlechtskrankheit. "Darum ging es nicht. Es ging darum, Frauen durch Strafe und Zwang zu disziplinieren", so ihre erschreckende Erkenntnis.

In den im Volksmund "Tripperburgen" genannten Stationen wurden sie täglich gegen ihren Willen gynäkologisch untersucht und misshandelt. Das Ziel dieses brutalen Vorgehens war es, die Frauen zu isolieren und so zu sozialistischen Persönlichkeiten zu erziehen.

Dr. Steffi Brüning ist an der Aufarbeitung der Geschehnisse in den "Tripperburgen" beteiligt.
Dr. Steffi Brüning ist an der Aufarbeitung der Geschehnisse in den "Tripperburgen" beteiligt.  © Ferdinand Kowalke / Constantin Dokumentation

Junge Frauen mussten jeden Morgen zum schmerzhaften Abstrich

Heute beherbergt das frühere Gelände der Leipziger Klinik Einrichtungen der Behindertenhilfe.
Heute beherbergt das frühere Gelände der Leipziger Klinik Einrichtungen der Behindertenhilfe.  © Ferdinand Kowalke / Constantin Dokumentation

Eine der Betroffenen ist Sabine K., die 1977 im Alter von 15 Jahren in eine solche Station in Leipzig eingewiesen worden ist. Um ihrem Alltag, in dem der Vater trank und gewalttätig wurde, zu entfliehen, ging sie oft aus, blieb nächtelang weg.

Bei einer Privatparty habe schließlich eines Tages die Volkspolizei vor der Tür gestanden. Weil sie sich nicht ausweisen wollte, nahmen die Polizisten sie mit, sagten: "Da, wo du jetzt hinkommst, kommst du so schnell nicht wieder weg."

Sabine landete in der geschlossenen Abteilung in Leipzig-Thonberg - und blieb ganze 31 Tage. Jeden Morgen wurden bei ihr und bei den anderen Mädchen ein Abstrich entnommen.

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Es habe verschieden große Röhrchen dafür gegeben, manche Schwestern hätten die größten genutzt, um ihnen wehzutun. Wehrten die jungen Frauen sich, hielten die oft ebenso brutalen Stubenältesten ihre gespreizten Beine fest.

Nachdem ihre Mutter sie nach 31 Tagen schließlich abgeholt hatte, wurde das Thema totgeschwiegen. Sabine selbst war davon überzeugt, dass ihr ohnehin niemand geglaubt hätte. Stattdessen fing sie an zu trinken - "weil ich nichts mehr spüren wollte", sagt sie.

Die Poliklinik in Halle ist heute kein Krankenhaus mehr, dort ist vor einigen Jahren Wohnraum entstanden.
Die Poliklinik in Halle ist heute kein Krankenhaus mehr, dort ist vor einigen Jahren Wohnraum entstanden.  © Ferdinand Kowalke / Constantin Dokumentation

Mädchen und Frauen waren oft kerngesund

Angelika Börner spricht heute über die schlimmen Erfahrungen, die sie in den 1960er-Jahren in Halle machen musste.
Angelika Börner spricht heute über die schlimmen Erfahrungen, die sie in den 1960er-Jahren in Halle machen musste.  © Ferdinand Kowalke / Constantin Dokumentation

Viele Frauen haben nach dem Ende der DDR ihre Patientenakten angefordert und erst dadurch erfahren, dass sie nie krank waren und damals völlig unnötig mit Medikamenten behandelt wurden.

Auch Angelika Börner war der festen Überzeugung, eine schlimme Geschlechtskrankheit in sich zu tragen. Sie wurde ebenfalls als Teenager zwangseingewiesen.

Ihre ganze Familie sei damals Mitglied in der SED gewesen, überzeugt vom System. Nur sie selbst habe nie Interesse gezeigt, galt daher als missraten. "Ich wollte mein Leben leben."

Als sie zu Hause aus Wut einmal geäußert habe, dass sie zu ihrer Tante nach Westdeutschland abhauen wolle, haben ihre eigenen Eltern veranlasst, dass sie 1965 in die Poliklinik in Halle eingewiesen wurde.

"Die haben einem die Röhrchen unten reingerammt", erzählt sie von den schmerzhaften Behandlungen. Mit erbarmungslosen Strafen wurden die Mädchen und Frauen gefügig gemacht, darunter Prügel und Essensentzug.

"Drei Tage ins dunkle Zimmer musste ich rein, weil ich mich so aufgeregt hatte, was die gemacht haben", so die Frau aufgelöst. Drei Tage ohne Essen und Wasser. "Ich hab dann Wasser aus der Toilette getrunken."

Sie habe oft übers Abhauen nachgedacht, aber: "Es ging nicht, ich hatte niemanden." Zu ihren Eltern konnte sie nicht, die hatten sie ja erst dorthin gebracht, und die Polizei hätte ihr nicht geglaubt. Die Hölle dauerte für Angelika 54 Tage.

Sie wurde als Jugendliche in Halle zwangseingewiesen, in dem festen Glauben, eine Geschlechtskrankheit zu haben.
Sie wurde als Jugendliche in Halle zwangseingewiesen, in dem festen Glauben, eine Geschlechtskrankheit zu haben.  © Ferdinand Kowalke / Constantin Dokumentation

Erst seit einigen Jahren erfolgt eine Aufarbeitung der Geschehnisse. Die ganze Doku, in der auch weitere Betroffene ihre Geschichten erzählen, könnt Ihr am heutigen Montagabend um 23.35 Uhr im Ersten oder in der Mediathek sehen.

Titelfoto: Bildmontage: Stadtarchiv Halle, Ferdinand Kowalke / Constantin Dokumentation

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