Leipzig - Mal wieder war Gregor Gysi (78) am Freitagabend im MDR-"Riverboat" zu Gast und hat über die Bücher geplaudert, die ihn in seinem Leben am meisten geprägt haben. Darunter war auch ein ganz spezielles, das ihm einst wohl die Schamesröte ins Gesicht getrieben hat.
Der "Die Linke"-Politiker ist in einem Haushalt voller Bücher aufgewachsen, seine Eltern waren beide Verleger und Kulturpolitiker in der damaligen DDR.
Er lebte in seiner Kindheit und Jugend in einer Straße in Berlin, die Zwei-Familien-Häuschen von Sozialwohnungen getrennt habe, erzählt er im Gespräch mit Moderatorin Kim Fisher (56).
"Mein bester Freund wohnte gegenüber. Durch meine Eltern hatten wir Tausende Bücher, und er hatte zwei durch seine Mutter, ein Kochbuch und eine Bibel - und trotzdem ist er Oberarzt geworden", betont der 78-Jährige.
Unter den Tausenden Büchern fanden er und seine Schwester irgendwann ein chinesisches mit dem Titel "Kin Ping Meh".
"Da werden alle denkbaren Stellungen zwischen Mann und Frau dargestellt. Meine Eltern hatten das versteckt, aber meine Schwester und ich wussten natürlich, wo das Buch steht. So fing meine Welt zur Literatur an", bringt Gysi den Saal zum Jubeln.
Und er hat damit auch Kim Fishers volle Aufmerksamkeit, die ihre Moderationskarten weglegt und sich ihm zuwendet. "Herr Gysi, ich glaube, wir kommen jetzt richtig in Fahrt miteinander. Wie oft haben sie noch an dieses Buch zurückgedacht?"
Gregor Gysi will Chancengleichheit für alle Kinder und Jugendlichen
Offenbar öfter, denn bis heute frage er sich, wo es geblieben sein könnte. Immerhin haben er und seine Schwester damals nicht schlecht gestaunt, welche Verrenkungen so möglich waren.
In Gysis aktuellem Buch "Mein Leben in 13 Büchern" kommt dieser Schmöker vermutlich nicht vor, stattdessen Werke unter anderem von Goethe, Rosa Luxemburg und Karl Marx.
Die Anekdote nutzt der Berliner aber dennoch für eine wichtige Botschaft, denn ihm ist durchaus bewusst, dass er es aufgrund seiner Herkunft viel leichter hatte als sein Kindheitsfreund. "Es gab leider in der DDR eine politische Ausgrenzung - ich bin froh, dass die weg ist."
Heute gebe es eine soziale Ausgrenzung. "Das finde ich völlig falsch. Wer Kinder nach der vierten Klasse trennt, grenzt sozial aus. Ich will nur Chancengleichheit für alle Kinder und Jugendlichen beim Zugang zu Bildung, Ausbildung, Kunst, Kultur und Sport", hat er den Applaus des Publikums auf seiner Seite.
Die ganze "Riverboat"-Folge mit Gregor Gysi und weiteren tollen Gästen könnt Ihr in der MDR-Mediathek anschauen.