10 Jahre "Mit K": So sehr hat Kraftklub den Chemnitz-Ruf geprägt

Chemnitz - Vor ziemlich genau zehn Jahren erlebte Chemnitz einen musikalischen Urknall. Die junge Indie-Band Kraftklub veröffentlichte Anfang 2012 ihr Debüt-Album "Mit K". Die Platte schoss im Februar auf Platz 1 der deutschen Charts, prägt die Musikszene bis heute und veränderte den Ruf der einstigen Karl-Marx-Stadt (mit K).

Ein Kind der Band Kraftklub war das Kosmonaut-Festival am Stausee Rabenstein.
Ein Kind der Band Kraftklub war das Kosmonaut-Festival am Stausee Rabenstein.  © Sven Gleisberg

Rotziger Indie-Rap aus Chemnitz - für den Bayerischen Rundfunk wurde Kraftklub zum "Botschafter einer ganzen Generation". "Mit K" veränderte auch das Leben von Antonia Scherf (26): "Als Leipzigerin war ich Anti-Chemnitz. Dann hörte ich Kraftklub und wurde neugierig auf die Stadt. Jetzt studiere ich unter anderem Medienkommunikation an der TU Chemnitz. Ich kann mir heute vorstellen, hier zu leben."

Scherf, von der es ein berühmtes Foto vom "Wir sind mehr"-Konzert 2018 gibt, glaubt, dass Kraftklub noch mehr Studenten bei der Wahl des Studienortes beeinflusst hat: "Die Band lenkt Aufmerksamkeit auf Chemnitz." Das sieht TU-Sprecher Mario Steinebach (57) ähnlich: "Kraftklub ist ein Botschafter unserer Stadt."

"Ein wichtiges Album für Chemnitz", nennt Brühl-Aktivist Christian Neubauer (33) "Mit K". "Menschen nehmen Chemnitz nicht mehr nur als Stadt der Plattenbauten und Nazis wahr, sondern als aktive Musikszene."

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Grünen-Sprecherin Coretta Storz (35) mag an Kraftklub, "dass sie weniger für Kaßberg, mehr für Sonnenberg stehen". Richtig, die neugestaltete Bazillenröhre vom Bahnhof zum Sonnenberg trägt sogar eine Kraftklub-Liedzeile: "Ich wär' gern weniger wie ich, ein bisschen mehr so wie du." Zum Kosmonaut-Festival in Rabenstein - von Kraftklub ins Leben gerufen - schaffte es Coretta Storz nie: "Leider. Ich wollte dort das Gefühl einer hippen Großstadt genießen."

Der Chemnitzer Erik Neubert (25) war bei allen sieben Kosmonaut-Festivals. "Es brachte Stars nach Chemnitz. Vorher hieß es: Wer Erfolg haben will, muss Chemnitz verlassen. Dann kommen diese Jungs in Collegejacken, reißen bundesweit etwas. Und wir, die jungen Chemnitzer, sagen: 'Ja! Das fühlen wir!'"

Antonia Scherf (26) zeigt stolz das Album "In Schwarz". Wegen Kraftklub studiert die Leipzigerin in Chemnitz.
Antonia Scherf (26) zeigt stolz das Album "In Schwarz". Wegen Kraftklub studiert die Leipzigerin in Chemnitz.  © Kristin Schmidt
Antonia Scherf war beim "Wir sind mehr"-Konzert in Chemnitz ganz obenauf. Die Band Kraftklub hatte das Konzert angeschoben.
Antonia Scherf war beim "Wir sind mehr"-Konzert in Chemnitz ganz obenauf. Die Band Kraftklub hatte das Konzert angeschoben.  © Sebastian Willnow/dpa
Die Band Kraftklub zog Tausende Fans zum Konzert "Am Kopp" 2017.
Die Band Kraftklub zog Tausende Fans zum Konzert "Am Kopp" 2017.  © Uwe Meinhold
Grünen-Sprecherin Coretta Storz (35) mag Kraftklub.
Grünen-Sprecherin Coretta Storz (35) mag Kraftklub.  © Ralph Kunz
Die Band lenkt Aufmerksamkeit auf Chemnitz, findet auch TU-Sprecher Mario Steinebach (57).
Die Band lenkt Aufmerksamkeit auf Chemnitz, findet auch TU-Sprecher Mario Steinebach (57).  © TU Chemnitz/Jacob Müller

Cooles Chemnitz

Kommentar von Bernd Rippert

Erinnert Ihr Euch an den 6. April 2012? Damals spielten die Bands Kraftklub und K.I.Z. auf dem Balkon des Terminal 3. Ein bisschen Werbung im Internet reichte, um so viele Fans anzulocken, dass die Polizei sogar die Brückenstraße sperren musste. Für mich war dieser Auftritt die Geburtsstunde eines neuen, eines erfrischenden Chemnitz.

Mit dem sensationellen Debütalbum "Mit K" vereinten die jungen Musiker auf geniale Weise Indie-Rock und Rap. Noch wichtiger waren und sind ihre rotzfrechen Texte, die den so lange vernachlässigten Jugendlichen aus der Seele sprechen.

Vor allem stellten die "Original Ostler" mal klar, woher sie kommen und wo sie bleiben: "Ich will nicht nach Berlin" nannte sich eine der ersten Hymnen aus dem Hause Brummer/Kummer. Ein Statement für Karl-Marx-Stadt.

Eine ganze Generation sog dieses musikalische Selbstbewusstsein ein. Künstler und Kulturschaffende wurden selbstbewusster. Es war plötzlich cool, Chemnitzer zu sein.

Ob sich der Faden bis zur Kulturhauptstadt spinnen lässt, weiß ich nicht. Aber geschadet hat die Band der Bewerbung sicher nicht.

Titelfoto: Uwe Meinhold

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