Meine Begegnungen mit Georg Baselitz: Kopfüber in die Kunst

Künstler Georg Baselitz. Er starb am Donnerstag im Alter von 88 Jahren.  © Sebastian Kahnert/dpa

Dresden/Chemnitz - Der Maler Georg Baselitz starb am Donnerstag mit 88 Jahren. Mit ihm verliert die deutsche Kunst einen ihrer widerspenstigsten Erneuerer - und Sachsen einen Künstler, der seiner Herkunft in Distanz immer verbunden blieb.

Geboren als Hans-Georg Kern in Deutschbaselitz (heute: Kamenz), war der Künstler geprägt von der zerstörten Nachkriegslandschaft Sachsens. Er entwickelte eine Malerei des Bruchs, sichtbar in seinen seit 1969 auf den Kopf gestellten Motiven. 1957 hatte Baselitz, wie er sich fortan nannte, der DDR den Rücken gekehrt. In Dresden wie auch in Chemnitz, in den dortigen Kunstsammlungen, war er nach Wende und Wiedervereinigung präsent, vor allem im Dresdner Albertinum und im Kupferstich-Kabinett, wo seit den 1990er-Jahren und zu Jubiläen zentrale Werkgruppen gezeigt wurden.

In der großen Ausstellung "Hintergrundbilder" 2013 im Residenzschloss setzte sich der Maler mit berühmten Vorbildern auseinander. Doch blieb die Beziehung spannungsvoll: 2015 zog Baselitz aus Protest gegen das geplante Kulturgutschutzgesetz sämtliche Dauerleihgaben aus deutschen Museen ab - allein in Dresden verschwanden rund zehn Arbeiten aus dem Albertinum, ein "einschneidender Verlust" für die Sammlungen.

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(Nicht nur) aus sächsischer Sicht war Baselitz ein wichtiger, unbequemer Partner - einer, der Nähe immer nur im Widerspruch zuließ. TAG traf Georg Baselitz mehrfach zum Interview, wobei er offen über sich und seine Arbeit sprach.

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Deshalb stehen die Bilder von Georg Baselitz auf dem Kopf

Zuletzt saß Georg Baselitz, wie hier bei einer Ausstellungseröffnung 2024, im Rollstuhl.  © imago/SKATA

Unter anderem erklärte er…

… warum seine Bilder auf dem Kopf stehen.

"Es war ein bisschen gespenstisch damals und von Widersprüchen begleitet, als ich mir das einfallen ließ. Das kam nicht über Nacht, es war ein Prozess, der über Monate ging. Ich liebte damals Naturstudien sehr, besonders die von Anselm Feuerbach. Wenn man aber eine Naturstudie malt oder ein Porträt, dann kommt immer irgendein Experte, der das Bild mit dem Originalmotiv vergleicht und sagt, dies und das ist aber verkehrt. Ich dachte mir, dreh doch das Bild einfach um, dann fällt der Vergleich als Wettbewerb weg. Ein auf dem Kopf stehendes Bild hat mit der schlichten Realität nichts mehr zu tun. Das war der Grund. Ich habe es ausprobiert und es ging. Was meine Maltechnik angeht, so arbeite ich meistens mit einer auf dem Boden liegenden Leinwand. Da ist die Richtung egal."

… warum er von Schuldgefühlen gequält wurde, nachdem er die DDR 1957 verlassen hatte.

"Ja, diese Schuldgefühle gibt es. Es ist letztlich das Empfinden, dass das Weggehen als Lösung meiner Probleme zu einfach gewesen ist. Es war egoistisch, denn ich habe dabei nur an mich gedacht und nicht an meine Familie. Ob mein Weggehen für die Verwandten negative Folgen haben könnte, habe ich nicht bedacht. Ich war damals 18 Jahre alt, ungestüm und völlig unängstlich, habe das Land im Protest gegen die Verhältnisse verlassen. Nach der Wende habe ich meine Akten bei der Gauck-Behörde einsehen können. So habe ich nicht nur erfahren, dass ich damals observiert wurde. Auch meine Verwandten standen dort drin, sie waren alle betroffen. Hätte ich das damals geahnt, wäre es vielleicht anders gekommen."

Welche Bilder aus der Gemäldegalerie dem Maler am besten gefallen

Baselitz 2008 in der Dresdner Galerie Gebr. Lehmann vor seinem Gemälde "The Bridge Ghost's Supper". (Archivbild)  © Carla Arnold

… was ihm die Dresdner Museen bedeuteten.

"In den Dresdner Kunstsammlungen bin ich zum ersten Mal mit Kunst in Berührung gekommen. Das war bald, nachdem die Sowjetunion Mitte der 50er-Jahre viele der bei Kriegsende verschleppten Kunstwerke zurückgegeben hatte. Wir kamen mit der Schulklasse geschlossen aus Kamenz nach Dresden. Es war überhaupt mein erster Museumsbesuch, bis dahin kannte ich solche Galerie-Bilder nicht. In der Folgezeit habe ich andere Museen kennengelernt, manche davon größer und wichtiger als die in Dresden. Und doch bilden die Dresdner Bilder seither die Grundlage meines Urteils über Malerei, sozusagen dessen Stamm."

… welche Bilder aus der Gemäldegalerie er am liebsten mochte.

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"Natürlich habe ich meine Favoriten, sei es Giorgiones 'Schlummernde Venus' oder Rembrandts 'Ganymed in den Fängen des Adlers'. Die Authentizität und Homogenität sind das Besondere an den Dresdner Sammlungen. Da sind die wunderbarsten Rembrandt-Bilder, die es gibt, und da ist Canaletto. Seine Bilder gehören für mich zu den wichtigsten Bildern überhaupt. Diese Präzision in den Dresden-Motiven: Man sieht etwas, das es nicht mehr gibt, und ahnt, wie es gewesen sein muss. Wunderbare Bilder."

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Welche Künstler haben Georg Baselitz beeinflusst

Georg Baselitz in der Ausstellung "Hintergrundgeschichten" (2013) mit einer Reproduktion "Sixtinische Madonna" von Raffael und seinem Gemälde "Statement" (1999). (Archivbild)  © Robert Michael

… und welches ihm gar nicht gefiel (Raffaels "Sixtinische Madonna").

"Ob man Bilder mag oder nicht mag, ist keine intellektuelle Entscheidung, das ist eine Sache der Empfindung. Es ist nicht nur dieses Bild, es ist Raffael allgemein und in gewisser Weise die Hochrenaissance an sich, was mich abstößt. Raffael gilt in der Kunstgeschichte als das Maß aller Dinge für das Zeichnen und für die Wiedergabe der Natur. Mich hat das immer gestört, anfangs, weil ich diese Art des Zeichnens und Malens nicht beherrschte. Als ich es dann konnte, hat es mich nicht überzeugt. Wenn ich in solche Ausstellungen gehe, ist es mir immer zu dick aufgetragen. Es ist mir einfach zu viel Hollywood. Noch dazu hat die Kunstvermarktung die Schraube überdreht. Den Raffael-Engeln kann man weltweit kaum noch entkommen."

… welche Künstler ihn beeinflussten.

"Dix ist mir sehr nah, in seinem Werk vor dem Krieg wie danach. Aber da ist noch mehr: Irgendwann habe ich entdeckt, dass es quasi eine Dresdner Schule gibt. Es hat mich verwundert, dass viele der Künstler ihre Bilder nicht ausmalten. Da gab es Auslassungen, da blieb weiße Fläche. Ich fand heraus, dass diese Technik auf Oskar Kokoschka zurückzuführen war, der in den 20er-Jahren in Dresden lehrte. Dieser Einfluss auf meine Bilder war groß. Es ist auch heute noch so: Wenn ich diese Dresdner Malerei betrachte, fühle ich mich zu Hause."

… und eine Antwort auf die grundlegendste aller Fragen hatte er auch: Warum malt man überhaupt?

"Weil es uns bereichert. Die Musik bereichert uns auch, aber im Konzertsaal ist es dunkel. Das Museum ist ein heller Ort, da können Sie sehen, wie sehr die Kunst die Menschen berührt."

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