"Ich war klatschnass und zittrig": Dresdner spricht über Reisen mit unsichtbarer Erkrankung

Dresden - Für viele Menschen bedeutet Reisen vor allem Vorfreude. Für andere sind Flughäfen, Menschenmengen und ungewohnte Situationen hingegen mit Stress, Angst und großer Unsicherheit verbunden. Während ein Rollstuhl oder eine Gehhilfe einen Unterstützungsbedarf meist auf den ersten Blick erkennen lassen, gibt es auch chronische Erkrankungen, die nicht sofort sichtbar sind. Welche Herausforderungen das Reisen für Betroffene mit sich bringt und wie ein Sonnenblumenband dabei helfen kann - TAG24 hat nachgehakt.

Nico lebt mit einer Angststörung und weiß aus eigener Erfahrung, welche Herausforderungen das Reisen für Menschen mit unsichtbaren Erkrankungen mit sich bringt.  © Steffen Füssel

Wie belastend das Reisen mit einer unsichtbaren Erkrankung sein kann, weiß auch Nico. Der 32-Jährige lebt mit einer Angststörung und erzählt im Gespräch mit TAG24, dass vor allem spontane Änderungen für ihn eine große Herausforderung darstellen.

"Ungeplante Zwischenstopps, Verspätungen und dergleichen verunsichern mich und triggern meine Angst enorm", so der Dresdner. In solchen Situationen habe er besonders mit Herzrasen zu kämpfen. "Wenn ich unterwegs bin, plane ich gern alles durch [...], dementsprechend werfen solche Abweichungen mir die Sicherheit über Bord."

Bisher sei er deshalb ausschließlich mit Freunden verreist. Sie geben ihm Sicherheit - einen "mobilen Safe Space", wie er es nennt. Dennoch gibt es immer wieder Momente, in denen die Angst plötzlich auftaucht.

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Eine Situation ist ihm dabei besonders im Gedächtnis geblieben: Eine Turbulenz während eines Fluges löste bei ihm starke Panik aus.

Zwar habe er es geschafft, sich selbst wieder zu beruhigen, doch die Situation hinterließ Spuren: "Ich war klatschnass und zittrig." Den restlichen Flug verbrachte er anschließend völlig angespannt.

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Vor allem spontane Änderungen beim Reisen stellen Nico häufig vor Herausforderungen.  © Steffen Füssel

Ein Erkennungszeichen für unsichtbare Einschränkungen

Content Creatorin @juliavonmay lebt seit vier Jahren mit einer Posttraumatischen Belastungsstörung (PTBS) und einer Angststörung. Sie wünscht sich, dass das Sunflower-Programm auch in Deutschland deutlich bekannter wird.  © Bildmontage: Instagram/juliavonmay

Im Gespräch erzählt Nico, dass es ihm schwerfällt, andere Menschen um Hilfe zu bitten. Das liege auch an Erfahrungen aus der Vergangenheit: Während einer Panikattacke habe er bereits ganz unterschiedliche Reaktionen erlebt - von Menschen, die sich fürsorglich um ihn kümmerten, bis hin zu Personen, die ihn ignorierten oder sogar vor ihm wegliefen, als er um Unterstützung bat.

Genau hier setzt die britische Organisation Hidden Disabilities Sunflower Scheme Limited an. Sie hat das sogenannte Sunflower-Band ins Leben gerufen - ein Erkennungszeichen für Menschen mit nicht sichtbaren Behinderungen oder chronischen Erkrankungen.

Dazu zählen unter anderem Angst- und Panikstörungen, Autismus, ADHS, Depressionen, Hör- oder Sehbeeinträchtigungen, Epilepsie, Long COVID sowie viele weitere Erkrankungen oder Einschränkungen, die von außen nicht erkennbar sind.

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Das Band soll Mitarbeitende - insbesondere an Flughäfen, an Bord von Flugzeugen und an Bahnhöfen, aber auch in Krankenhäusern, Supermärkten oder Veranstaltungsstätten - darauf aufmerksam machen, dass die tragende Person möglicherweise zusätzliche Unterstützung benötigt. Das kann zum Beispiel mehr Zeit bei Abläufen, verständliche Erklärungen, Hilfe bei der Orientierung, einen ruhigen und verständnisvollen Umgang in stressigen Situationen oder die Möglichkeit umfassen, sich bei Reizüberflutung kurz zurückzuziehen.

Content Creatorin @juliavonmay wurde durch ihre Community auf das Sunflower-Band aufmerksam und hat damit bereits positive Erfahrungen gemacht. Die 30-Jährige lebt seit vier Jahren mit einer Posttraumatischen Belastungsstörung (PTBS) und einer Angststörung und spricht auf Social Media offen über die damit verbundenen Herausforderungen im Alltag. "Reisen ist für mich häufig mit Reizüberflutung, Anspannung und der Sorge verbunden, inmitten vieler Menschen die Kontrolle zu verlieren", erzählt sie im Gespräch mit TAG24.

Während eines Fluges wusste die Crew dank des Sunflower-Bands über ihre Situation Bescheid und bot Julia an, sich bei Bedarf jederzeit für einen Moment in die Bordküche zurückzuziehen. "Allein diese Möglichkeit hat mir Sicherheit gegeben und den Flug deutlich entspannter gemacht", so Julia.

In Deutschland ist das Sonnenblumenband noch wenig verbreitet

Mittlerweile beteiligen sich mehr als 330 Flughäfen in über 90 Ländern am Hidden Disabilities Sunflower-Programm. Auch der Flughafen Dresden prüft derzeit eine Mitgliedschaft.  © Thomas Türpe

Die Initiative hat sich inzwischen weltweit etabliert: Mehr als 330 Flughäfen in über 90 Ländern beteiligen sich am Hidden Disabilities Sunflower-Programm. In Deutschland steckt das Konzept hingegen noch vergleichsweise in den Anfängen. Auch Julia hat die Erfahrung gemacht, dass viele Menschen die Bedeutung des Sunflower-Bands bislang nicht kennen.

Den Anfang machte 2023 der Flughafen Berlin Brandenburg (BER) als erster deutscher Flughafen. Inzwischen haben sich auch weitere große Airports wie München, Stuttgart und Frankfurt der Initiative angeschlossen.

Ein Sprecher des Flughafens Dresden teilte auf TAG24-Anfrage mit, dass das Projekt bekannt sei und eine mögliche Mitgliedschaft derzeit intern geprüft werde. Zudem betonte der Konzernsprecher, dass an den Flughäfen Dresden und Leipzig/Halle bereits ein PRM-Service (Persons with Reduced Mobility) angeboten werde, der Menschen mit Beeinträchtigungen betreut.

Auch die Deutsche Bahn erklärte auf TAG24-Nachfrage, dass Gespräche mit der Initiative laufen, um "eine mögliche Mitgliedschaft der DB auszuloten". Unabhängig von einer Mitgliedschaft seien die Mitarbeitenden der Bahn mit Kundenkontakt bereits "auf nicht sichtbare Behinderungen und die besonderen Bedürfnisse dieser Zielgruppe" geschult, so der Bahnsprecher.

Nico begrüßt die Initiative. Er würde sich jedoch auch wünschen, dass es ein solches Erkennungszeichen für Ansprechpartner in öffentlichen Einrichtungen gibt, an die er sich in schwierigen Situationen wenden kann, ohne sich erklären oder bewertet fühlen zu müssen.

Auch selbst setzt er sich für mehr Aufklärung und Sichtbarkeit ein und spricht auf seinem TikTok-Profil @immensueberfordert sowie auf Instagram regelmäßig über seinen Alltag mit Angststörung.

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