"Ein klassischer Ausstellungsraum kann das nicht": Künstlerkollektiv nutzt Kirchen als Leinwand
Hamburg - Es ist dunkel in der Kulturkirche Altona. Dann pulsiert plötzlich Licht durch den sakralen Raum, Farben jagen über die Gewölbe, Johann Sebastian Bach trifft auf moderne Beats und über allem windet sich ein uraltes Symbol: der Ouroboros, die Schlange, die sich selbst in den Schwanz beißt. Die neue immersive Licht-Show "Infinity" des international renommierten Schweizer Künstlerkollektivs "Projektil" hat am Donnerstagabend Premiere in Hamburg gefeiert.
Dabei ist "Infinity" keine Fortsetzung der beiden vorherigen Produktionen "Genesis I" und "Genesis II", die in den vergangenen Jahren Erfolge feierten und sich mit der Schöpfungsgeschichte auseinandersetzten.
Vielmehr verschiebe sich der Fokus: "Wenn Genesis nach dem Woher fragt, dann beschäftigt sich 'Infinity' mit dem Davor und Danach", so Roman Beranek, Creative Director von Projektil, im TAG24-Interview.
"Für mich ist Infinity so etwas wie eine wissenschaftlich-poetische Annäherung an die Sinnfrage unserer Existenz. Nicht erklärend, sondern erlebbar. Es geht weniger um eine Geschichte und mehr um ein Gefühl für Dimension, Zeit und das eigene Verhältnis zum Universum."
Die Veranstaltungsorte spielen für das Kollektiv eine ganz zentrale Rolle. "Unsere Shows entstehen immer aus dem Raum heraus. Ein Ort muss Volumen, Höhe und eine starke räumliche Identität mitbringen", erklärt Beranek. Kirchen eigneten sich dafür besonders, weil sie seit Jahrhunderten dafür gebaut wurden, "dass Menschen nach oben und nach innen schauen".
Mithilfe von Licht, Projektionen und Klang entfaltet sich die Show dabei über den Gewölben: bunte Geometrien, Fußabdrücke im Sand, Zahnräder, DNS-Stränge und Notenzeilen verschmelzen zu einem Gesamterlebnis
"Ein sakraler Raum trägt bereits Bedeutung, Stille und Konzentration in sich. Er erzählt nicht ausgestellt, sondern erlebt. Das kann ein klassischer Ausstellungsraum so nicht leisten", so der Creative Director weiter.
Wer die Altonaer Kulturkirche kennt, soll diese ganz neu erleben. Damit die Projektionen der eingesetzten Hochleistungslaser perfekt zu den Proportionen des historischen Gebäudes passen, wurden im Vorfeld die gesamte Decke und alle Strukturen vermessen.
"Infinity" soll kein spirituelles Statement sein
Erstmals präsentiert Projektil die Kirchenshow in zwei unterschiedlichen Fassungen: "Infinity Inspiration", hier begleitet ein Sprecher die Show mit Texten des britischen Philosophen Alan Watts (†1973), und "Infinity Contemplation".
"Die Idee entstand aus Beobachtungen. Manche Besucher möchten geführt werden, andere wollen sich vollständig fallen lassen", so Roman Beranek.
"Die Version mit Text bietet eine sanfte gedankliche Öffnung, inspiriert von den Worten Watts. Die Version ohne Sprache lässt maximalen Raum für eigene Projektion."
Trotz der sakralen Kulisse versteht sich "Infinity" nicht als spirituelles Statement. Es gehe nicht um Belehrung, sondern um Offenheit. "Die Show ist ein Angebot", betont Beranek.
Jeder bringe seine eigenen Fragen mit und nehme seine ganz persönlichen Antworten wieder mit hinaus: "Für manche ist es meditativ, für andere philosophisch, für wieder andere einfach überwältigend schön. Genau diese Offenheit ist Teil des Konzepts."
Die rund 30-minütige Show läuft noch bis zum 24. März 2026. Vorstellungen finden jeweils von Mittwoch bis Sonntag statt. Tickets gibt es unter feverup.com.
Titelfoto: Tag24/Madita Eggers

