"Für alle, die nicht wissen, wie man sich benimmt": Fliesenteppich an S-Bahn-Eingang macht Ansage an Reeperbahn-Besucher

Hamburg - Im Rahmen des 400-jährigen Jubiläums der Hamburger Reeperbahn wurde am Mittwoch ein neues Kunstwerk am S-Bahn-Eingang der Partymeile enthüllt. TAG24 hat herausgefunden, was es mit dem bunten Fliesenteppich auf sich hat.

Am Mittwoch wurde das neue Kunstwerk an der S-Bahn-Säule der Reeperbahn feierlich eingeweiht.  © Alice Nägle/TAG24

Mittwoch, 10.30 Uhr, eine Burlesque-Tänzerin performt laut einen Rock-Song mitten auf dem Gehweg. Das passiert nirgendwo anders als auf Hamburgs weltberühmter Straße, der Reeperbahn.

Die Kultmeile feiert in diesem Jahr 400-jähriges Jubiläum und hat deshalb an der in der Mitte beheimateten gleichnamigen S-Bahn-Haltestelle ein besonderes Geschenk erhalten: einen bunten Fliesenteppich, der die "10 Kiezgebote" abbildet - eine kreative Abfolge von Verhaltensregeln der Vergnügungsstraße.

Ausgewählt für die Anbringungen wurde die S-Bahn-Säule aus zwei Gründen. Zum einen nutzen "11,6 Mio. Menschen diese Haltestelle im Jahr", betonte Anjes Tjarks (45, Grüne), Senator für Verkehr und Mobilitätswende bei der feierlichen Einweihung am Mittwoch. Zum anderen wolle man allen Gästen der Reeperbahn eine Freude, aber gleichzeitig auch eine Ansage machen.

Reeperbahn Mit Schiffstauen fing alles an: Reeperbahn wird 400 Jahre alt - und so wird gefeiert

"Für alle, die nicht wissen, wie man sich zu benehmen hat", schmunzelte der Politiker. "Das ist ein gelungener Ort und ein gelungenes Kunstwerk. Es macht unsere S-Bahn einzigartiger."

Das unterschreibt auch Julian Staron vom Quartiersmanagement BID Reeperbahn+, die das Projekt gemeinsam mit den beiden Designern initiiert haben. Die 55-Jährige hat sich noch einmal extra ins Zeug gelegt, um die Idee zum Jubiläum zu verwirklichen. Und es sei alles andere als einfach gewesen, gab sie im Gespräch mit TAG24 zu.

"Ich konnte nicht glauben, dass mir niemand sagen konnte, wem diese Säulen gehören", erklärte sie. "Ich dachte, es kann nicht sein, dass die so schäbig hier rumstehen. Deswegen habe ich mich dann ein bisschen festgebissen und wollte es herausfinden."

Und das tat sie. Es handle sich um Lüftungsschächte der Anlage der Reeperbahn, weshalb die Verantwortung dafür letztlich auf Bundesebene liege. Umso mehr erfülle es die Staron nun mit Stolz, das fertige Projekt an den grauen Betonpfeilern zu betrachten. "Ich glaube, wir haben damit bleibende Werte geschaffen."

Anzeige

Fliesen mit Bedeutung gegen Graffiti-Schmierereien

Die Jubiläumssäule (M.) beinhaltet alles bedeutende aus 400 Jahren Reeperbahn. Gerahmt ist sie in die Kacheln der "10 Kiezgebote".  © Alice Nägle/TAG24

Angst vor Graffiti-Schmierereien habe die Quartiersmanagerin nicht. "Deswegen Fliesen. Dafür ist das super", sagte sie TAG24. Die Reinigung sei dementsprechend nicht schwer.

Dennoch hätten die Fliesen für sie noch eine viel tiefere Bedeutung. Sie stünden für ein "Nach-Hause-Kommen". "Das ist eigentlich ein Material, das du im Innenraum vermutest."

Es solle den Gästen einfach einen schönen Empfang im "Wohnzimmer St. Pauli" bereiten und gleichzeitig mitteilen: "So benehmen sich Gäste, die bei uns zu Besuch sind."

Reeperbahn Polizeieinsatz auf der Reeperbahn: Mann mit Waffe gesichtet

Die Künstler hinter den pinken Fliesen ist das Ehepaar Anna Genger und André Schröder. Er designte alle Kacheln der "10 Kiezgebote". Sie gestaltete die Jubiläumsfliese inmitten des Gesamtkunstwerks. Diese beinhaltete laut der Designer alles, was die Reeperbahn seit vier Jahrhunderten ausmache.

"Es ist eine Ehre, die Jubiläumsfliese machen zu dürfen", so die gebürtige St.-Paulianerin gegenüber TAG24. "Die Kleine, die übersehen wurde jahrelang und die Putzfrau aus dem Elbschlosskeller", schwelgte sie in Erinnerung. "Dass wir hier ein Zeichen setzen dürfen, ist eine Ehre. Ich habe zu meinem Mann gesagt: Wenn das hier bleibt, kann dein kleiner Sohn in 50 Jahren stolz darauf sein, was sein Papa gemacht hat."

Designerin Genger: "Wer die Fliesen beschädigt, sollte nach Mexiko auswandern"

Burlesque-Künstlerin Eve Champagne (M.) performte den am Mittwoch veröffentlichten Song "Vierhundert Jahre Reeperbahn". Der Text stammt aus der Feder von Künstlerin Anna Genger (h.).  © Alice Nägle/TAG24

St. Pauli und besonders die Reeperbahn ist teilweise aber dennoch kein einfaches Pflaster, das weiß auch die Designerin.

Mutwilligen Vandalen macht Genger eine klare Ansage. "Wer denkt, dass die Kameras auf der Reeperbahn die einzige Sicherheit sind, der ist schlecht informiert. Die Jungs kennen sich. Wir sind ein Dorf, wir passen aufeinander auf. [...] Wer die Fliesen beschädigt, sollte nach Mexiko auswandern."

Genau das sei auch das Besondere am Stadtteil: Kaum einer verhalte sich wie ein klassischer "31er" - jemand, der zum eigenen Vorteil zur Polizei rennt.

"St. Pauli ist genauso beschissen wie der Rest der Welt auch", so der kurze Realitäts-Check der Hamburgerin.

Aber: "Es gibt hier ein paar Piepnelken, die es tatsächlich verdienen würden, dass mal einer ihrer Kollegen zur Presse geht. Aber St. Pauli macht das nicht. Und das fasziniert mich Tag für Tag."

Zur Feier des Tages hat die Künstlerin außerdem einen Song geschrieben, der ab Mittwoch auf allen Streamingplattformen zu hören ist. Mit "Vierhundert Jahre Reeperbahn" will sie einen weiteren Beitrag zum Geburtstag des Kiezes leisten.

Mehr zum Thema Reeperbahn: