Heute vor 76 Jahren, am 16. Juni 1950, wurde ein Käfer zum politischen Symbol: Im Frühjahr 1950 kämpfte die DDR gegen eine Kartoffelkäferplage - doch in der Sprache der Zeit hieß der Schädling plötzlich "Amikäfer" und galt als Biowaffe.
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Am 16. Juni 1950 rückte durch eine Schlagzeile in der DDR ein Insekt in den Fokus, das zum damaligen Zeitpunkt für große Teile der Landwirtschaft zum echten Problem wurde: der Kartoffelkäfer (Leptinotarsa decemlineata). Der Schädling befällt Kartoffelpflanzen und kann ganze Ernten gefährden.
In der damaligen öffentlichen Sprache tauchte dabei auch der Begriff "Amikäfer" auf. Gemeint war damit derselbe Kartoffelkäfer - allerdings in einer politisch gefärbten Bezeichnung.
Hintergrund: Die DDR-Führung konnte die Kartoffelkäferplage nicht kontrollieren und griff sie daher zu Propagandazwecken auf. Schließlich wurde behauptet, die Käfer seien von den USA gezielt als biologische Waffe eingesetzt und durch amerikanische Flugzeuge über der DDR abgeworfen worden, um die ohnehin bereits mangelhafte Landwirtschaft zu sabotieren.
Dabei ist der Schädlingsbefall keineswegs neu. Der aus Amerika stammende Kartoffelkäfer (auch Coloradokäfer genannt) hatte sich nämlich bereits in den 1930er-Jahren in Europa ausgebreitet und erreichte Deutschland etwa 1936.
Vereinfachung komplexer Probleme und propagandistische Mobilisierung
Immerhin sollen einige Bauern unter anderem beobachtet haben, dass die Käfer vermehrt nach auffälligen Fluggeräuschen auftraten, oder an ungewöhnlichen Fundorten. Ein idealer Nährboden für Propaganda, den die DDR für sich nutzte, um sich vom Westen abzugrenzen, auch von den USA.
So erschien am 16. Juni 1950 in der Tageszeitung Neues Deutschland (heute: nd) die Schlagzeile: "Außerordentliche Kommission stellt fest: USA-Flugzeuge warfen große Mengen Kartoffelkäfer ab." In diesem Zusammenhang entstand der Begriff "Amikäfer".
Durch die emotionale Aufladung des Begriffs wuchs das Misstrauen der DDR-Bevölkerung gegenüber den USA. Gleichzeitig machte diese Schuldzuweisung die landwirtschaftlichen Schwierigkeiten leichter erklärbar. Schließlich war ein "Feindbild" kommunikativ einfacher zu vermitteln als biologische oder agrarwissenschaftliche Ursachen.
Die Bezeichnung hatte aber auch eine mobilisierende Funktion.
Denn dadurch wurde die allgemeine Aufmerksamkeit erhöht, was letztlich dabei half, öffentliche Kampagnen gegen den Schädling stärker zu unterstützen und mehr Menschen zur Mithilfe zu motivieren.
Kampf gegen die Ernteverluste
Unabhängig von der politischen Sprache war die Situation auf den Feldern tatsächlich ernst. Kartoffeln gehörten zu den wichtigsten Grundnahrungsmitteln, entsprechend groß war der Handlungsdruck.
Die DDR setzte deshalb auf ein Bündel an Maßnahmen:
- großflächiges Absammeln der Käfer und Larven
- Einsatz von Pflanzenschutzmitteln
- organisierte Aktionen in Gemeinden, Betrieben und Schulen
Ziel war es, die Ausbreitung schnell einzudämmen und Ernteausfälle zu minimieren.
Aus heutiger Perspektive ist klar: Der Kartoffelkäfer war kein neues oder politisch verursachtes Problem. Er war bereits lange zuvor in Europa verbreitet und vermutlich aufgrund der trockenen, warmen Wetterlage ein Jahr zuvor zur Insektenplage geworden. Der "Amikäfer" steht daher weniger für den Schädling selbst als für den historischen Kontext, in dem er benannt und bekämpft wurde.