Früher Bückware, heute wertvolles Erbgut: DDR-Kult-Kochbuch seit fast 60 Jahren im Trend

Leipzig/Potsdam - Das Phänomen ist schwer zu erklären: Die DDR gibt es seit drei Jahrzehnten nicht mehr, aber zwei Koch- und Backbücher aus jener Zeit sind immer noch gefragt. Die einen wollen sich an die Küche der Kindheit erinnern, andere schwelgen in Nostalgie und Erinnerungen.

In "Wir kochen gut" werden die Grundlagen des Kochens erklärt. Allein bis zur Wende wurden mehrere Millionen Exemplare beider "Küchen-Standardwerke" verkauft.
In "Wir kochen gut" werden die Grundlagen des Kochens erklärt. Allein bis zur Wende wurden mehrere Millionen Exemplare beider "Küchen-Standardwerke" verkauft.  © Bernd Settnik/dpa

Wie wird eine ordentliche Rinderroulade zubereitet, wann gelingt das Rotkraut so wie, es bei Oma sonntags auf den Tisch kam und ist ein Biskuitboden wirklich nur etwas für sehr geübte Bäcker?

Seit fast sechs Jahrzehnten geben zwei Bücher aus dem Leipziger Buchverlag für die Frau, der in diesem Jahr seinen 75. Geburtstag feiert, darauf Antworten.

Per Mundpropaganda erfahren auch aus dem Westen Zugereiste von den beiden Standardwerken aus DDR-Zeiten. Trotz Internet und YouTube wird nach wie vor gern ins Bücherregal zu den beiden Ratgebern gegriffen.

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1952 erschien in dem Leipziger Verlag für die Frau der Titel "Unser Kochbuch" von Paula Elisabeth Fuchs, der in kurzer Zeit 20 Auflagen erreichte, sagte Verlagssprecherin Susann Jaensch. Der heutige Küchenklassiker "Wir kochen gut" von 1962 basiere zum Teil auf diesem Grundkochbuch. 1967 erschien dann "Das Backbuch".

Bis zur Wende wurden beide Titel in mehreren Millionen Exemplaren verkauft. In der DDR Geborene wissen: Wie viele Dinge im Mangel-Sozialismus waren sie nur schwer im Handel zu finden, sondern eher Bückware – nur durch gute Beziehungen erhältlich.

Die beiden Bücher sind lange nach dem Ende der DDR immer noch die Flaggschiffe des Verlags. "Generationen von DDR-Bürgern sind damit groß geworden", erklärt der Historiker Stefan Wolle (70), wissenschaftlicher Leiter des DDR-Museums in Berlin, die andauernde Beliebtheit und die heute noch wachsende Fangemeinde.

Was bitte sind Pasta und Mozzarella?

Auch in so manchem Redakteur-Regal finden sich die ostdeutschen Kochbuch-Klassiker noch wieder, hier zwei Ausgaben von 1986.
Auch in so manchem Redakteur-Regal finden sich die ostdeutschen Kochbuch-Klassiker noch wieder, hier zwei Ausgaben von 1986.  © privat

Kochbücher über französische oder italienische Küche – die Länder waren zu DDR-Zeiten ja "Klassenfeinde" – waren im DDR-Buchhandel nicht erhältlich. Kulinarische Reisen seien mit dem Kochlöffel allenfalls in die sozialistischen Bruderländer möglich gewesen.

Die Kochbuch-Klassiker "Wir kochen gut" und "Das Backbuch" standen zu DDR-Zeiten gefühlt in jedem Haushalt. Vor der Wende hießen in den Ausgaben Pasta noch Nudeln, gekocht wurde mit einfachen Öl und nicht mit dem aus Oliven und Mozzarella war ein völlig unbekannter Genuss. Fotos waren meist schwarz-weiß, einige auch in Farbe.

Heute sind in dem Buch "Wir kochen gut" etwa 1000 Rezepte aufgeführt: Klassiker wie Ungarischer Gulasch, Frikassee oder Königsberger Klopse sind dabei, aber auch gebratene Languste, Fasan oder flambierte Kirschen. Sie seien präzise und anschaulich beschrieben, erläutert Sprecherin Jaensch.

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Mittlerweile sind beide Titel auch in Reprint-Ausgaben aus den 1970-er Jahren auf dem Markt. "Für alle Nostalgiker und Fans, die die alte Ausstattung der Klassiker lieben", sagt sie.

Zum Verlagsjubiläums wird es im Mai einen Komplett-Relaunch von "Wir kochen gut" und "Das Backbuch" geben: für die neue Generation von Koch- und Backenthusiasten, die sich Grundkenntnisse im Kochen und Backen aneignen wollen.

Andere erinnern sich wehmütig an die Gerichte, die sie von früher kennen und die sie nachkochen wollen. "Wir müssen uns neue Zielgruppen erschließen, damit die Klassiker auch in Zukunft weiter leben", sagt Jaensch.

Auch Sterneköche suchen sich Inspiration im DDR-Klassiker

Für Sternekoch Jörg Frankenhäuser ist das "Kochbuch" vom Verlag der Frau aus den 70er Jahren gleichzeitig Inspiration als auch Kindheitserinnerung.
Für Sternekoch Jörg Frankenhäuser ist das "Kochbuch" vom Verlag der Frau aus den 70er Jahren gleichzeitig Inspiration als auch Kindheitserinnerung.  © Bernd Settnik/dpa

Zu DDR-Zeiten wurden in dem Verlag vor allem Ratgeber herausgegeben: zum Kochen, Backen, Schneidern, aber auch zu Kindererziehung und Ehe. Heute sind im Programm auch Titel wie die Thüringer Küchenbibliothek, in der seit 1993 bereits 14 Bücher erschienen. Weit über eine halbe Million Exemplare wurden verkauft.

"Nur wenige Verlage, die im Osten kurz nach dem Krieg gegründet wurden, existieren heute noch", sagt Geschäftsführer Lutz Gebhardt, zu dessen Verlagsgruppe grünes herz (Ilmenau) seit 2015 der Leipziger Verlag gehört.

Im Oktober ist ein Buch mit den Lieblingsrezepten der Leser geplant. Gesucht werden nach Verlagsangaben kulinarische Schätze: Rezepte, die von Generation zu Generation weitergegeben werden.

Im DDR-Museum in Berlin stehen die Koch- und Backbücher aus sozialistischen Zeiten in der Kücheninstallation. "Die meisten Clicks auf unserer Internetseite haben wir bei Beiträgen zu DDR-Kochrezepten", sagt Wolle. "Die sind immer gefragt."

Der Patron des Potsdamer Sterne-Restaurants "Kochzimmer", Jörg Frankenhäuser, freut sich, dass er endlich im Besitz des Kochbuches aus dem Leipziger Verlag ist. "Meine Mutter rückt ihr Exemplar nicht raus. Es wird nur vererbt", sagt der 45-Jährige.

Das Buch liegt derzeit griffbereit auf dem Schreibtisch im Büro des Restaurants. "Es wurde mit viel Fleisch gekocht. Und dann immer mit einer Mehlschwitze", erinnert er sich an die Kindheit.

Frankenhäuser liebt aber heute die nach DDR-Rezept zubereiteten gefüllten halben kalten Eier. "Die macht meine Mutter am besten. Deshalb fahre ich nach Beelitz", sagt er. Für seine Neue Preußische Küche blättert er ab und zu in dem Buch und sucht Anregungen: "Natürlich modern zubereitet."

Titelfoto: Bildmontage / Bernd Settnik/dpa

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