Von Birgit Zimmermann
Leipzig - Das Völkerschlachtdenkmal in Leipzig ist mit seinen 91 Metern Höhe nicht nur Europas größtes Denkmalbauwerk, der Koloss ist auch eines der gigantischsten Zeugnisse des deutschen Nationalismus. Aus jeder Pore seiner Fassade aus Granitporphyr dringen Pomp und Patriotismus. Seit einigen Monaten leitet der Brite Crawford Matthews (34) das Denkmal. Wie fühlt er sich an diesem deutschtümelnden Arbeitsplatz? Und was hat er mit dem Denkmal vor?
"Wir haben viele große Pläne", sagt Crawford in seinem etwas düsteren Arbeitszimmer in einem Seitentrakt der weitläufigen Denkmalanlage.
Der Historiker Matthews ist Experte für englisch-preußische Geschichte. Für seine Doktorarbeit kam er 2016 nach Deutschland.
Leipzig besuchte er allerdings nicht zuerst wegen des Denkmals, sondern wegen eines Fußballspiels von RB Leipzig gegen die Glasgow Rangers. Er hat schottische Wurzeln. Zusammen mit seinem Vater ging er damals auch ins "Völki", wie das Denkmal im Volksmund häufig genannt wird.
"Mein erster Gedanke war, dass es zu Größe und Bedeutung der Schlacht passt", erzählt Matthews. "Aber dann kamen schnell Fragen auf. Ich wusste, dass die Erinnerungskultur ein bisschen schwierig ist."
Als nach dem Mauerfall in Leipzig diskutiert wurde, wie mit dem Koloss – der seinerzeit in einem schlechten Zustand war – umzugehen sei, gab es Forderungen, das Denkmal zu beseitigen. Stattdessen wurde es bis 2024 für fast 40 Millionen Euro saniert.
Ein neuer Blick auf die Geschichte
"Das Denkmal ist sehr beeindruckend. Aber die Größe ist auch ein bisschen abstoßend", sagt Matthews. Als Individuum fühle man sich vor dem monströsen Bau ganz klein.
Genau das sei die Absicht der Erbauer gewesen, sagt der Museumschef. "Es geht um die Gesellschaft". Allerdings sei das Denkmal eben auch sehr unkritisch nationalistisch. "Es ist mir wichtig, dass wir das aufbrechen", sagt Matthews.
Das Völkerschlachtdenkmal gehört offiziell zum Stadtgeschichtlichen Museum Leipzig. Dessen Direktor Anselm Hartinger freut sich, dass mit dem neuen Chef ein frischer Blick dazugekommen ist – weg von der reinen Leipziger Sicht hin zu einer internationalen Perspektive.
Museumsdirektor Hartinger betont, dass auch das Völkerschlachtdenkmal vielschichtiger sei als häufig angenommen. Trotz der pompös-schwülstigen Anmutung sei das Denkmal von Trauer um die Gefallenen der Völkerschlacht erfüllt.
Das Völki als Community-Ort? Was Matthews vor hat
Die verschiedenen Bedeutungsebenen des Denkmals freilegen – das will auch der neue Kurator. Dass das Thema Krieg jetzt wieder von beklemmender Aktualität ist, spiele den Museumsmachern in die Karten. "Wir können die historischen Unterlagen nutzen in den aktuellen Debatten. Das heißt nicht, dass wir aus der Geschichte lernen können, wie wir es in Zukunft machen. Aber wir können Orientierung geben", sagt Matthews.
Im "Völki" will er nächstes Jahr die Ausstellung zur Schlacht zwischen der Koalition aus Russland, Preußen, Österreich und Schweden gegen die napoleonischen Truppen aus einem Nebengebäude in das Denkmal umsiedeln. Zwar kommen jährlich rund 300.000 Gäste in den Monumentalbau. Doch viele ließen die Schau zur Völkerschlacht links liegen. Ihr Ziel ist die Aussichtsplattform des begehbaren Denkmals, die einen fantastischen Blick über Leipzig bietet.
Außerdem ist das Denkmal bei Joggern sehr beliebt, die seine vielen Stufen außen für Treppenläufe nutzen. Bei Minusgraden im Winter wimmelt es auf dem Wasserbecken vor dem "Völki" nur so vor Schlittschuhläufern. Der neue Leiter Matthews sagt, dass er diese wenig museale Art der Nutzung gut findet. "Es wäre ein Wunsch von mir, das Völkerschlachtdenkmal zu einem Community-Ort zu machen."