Leipzig - Als Jeffrey K. (33) am Montag mit seinem Auto unschuldige Passanten in der Leipziger Innenstadt tötete, kamen die Menschen nur wenige Meter weiter in der Nikolaikirche zusammen, um am Friedensgebet teilzunehmen. 24 Stunden später versammelten sich dort erneut etwa 800 Menschen, um sich bei einer Gedenkandacht angesichts der Tragödie gegenseitig Kraft zu geben. Unter ihnen: Leipzigs Oberbürgermeister Burkhard Jung (68, SPD), der selbst einige Worte an die Anwesenden richtete.
"Was gestern geschah, mitten im Alltag, mitten in unserer Stadt, mitten unter uns, ist für mich völlig unbegreiflich", sagte das Stadtoberhaupt in seiner Ansprache. "Wir betrauern diejenigen, die wir verloren haben. Wir denken an die Verletzten, die noch einen langen Weg vor sich haben – körperlich und viele seelisch. Wir denken an die Angehörigen, denen wir heute am wenigsten geben können, von dem, was sie brauchen, nämlich ihre Menschen zurück."
Jung bedankte sich bei den Einsatzkräften der Polizei und Feuerwehr, dem Rettungsdienst und Kriseninterventionsteam sowie Ersthelfern und Passanten, die alles gegeben hätten, um für ihre Mitmenschen da zu sein. "Das ist Gemeinschaft. Das ist das, was uns ausmacht."
Er betonte, dass an diesem Dienstag nicht der Tag für Antworten sei, sondern der Tag, um zu trauern. Gleichzeitig bemerkte er jedoch auch: "Wir können unsere Städte nicht zu Festungen umbauen."
Bereits kurz nach der Tragödie waren Fragen aufgekommen, warum die Zufahrt zur Grimmaischen Straße, die Jeffrey K. entlanggefahren war, nicht besser gesichert war. Auch der Deutsche Städte- und Gemeindebund hatte am Montag erklärt, dass sich derartige Taten trotz Sicherheitskonzepten nie vollständig verhindern ließen.
OB Jung: "Leipzig trauert, aber Leipzig steht zusammen"
"Der öffentliche Raum gehört uns", verkündete nun der Oberbürgermeister. "Ich glaube zutiefst daran, Leipzig ist eine Stadt, die weiß, was Gemeinschaft bedeutet. Eine Stadt, die in ihrer Geschichte gelernt hat, dass Menschen zusammen mehr ertragen können als allein. Und dieses Wissen brauchen wir jetzt, diese Stärke brauchen wir jetzt – füreinander, für die Betroffen und für unsere Stadt."
"Leipzig trauert, aber Leipzig steht zusammen", so Jung zum Abschluss seiner Rede. Neben dem Oberbürgermeister nahmen auch Sachsens Ministerpräsident Michael Kretschmer (50, CDU) sowie Innenminister Armin Schuster (64, CDU) an der Andacht teil.
Die Leipziger Nikolaikirche wurde im Herbst 1989 zum zentralen Ausgangspunkt der Friedlichen Revolution. Die Montagsdemonstrationen, bei denen mitunter mehr als 300.000 Menschen für Demokratie, freie Wahlen und die Wiedervereinigung Deutschlands über den Leipziger Ring zogen, entwickelten sich aus den Friedensgebeten, die bereits Anfang der 80er jeden Montag in der Kirche stattfanden – so auch an diesem Montag.
Der 33-jährige Jeffrey K. war zum selben Zeitpunkt mit seinem Auto vom Augustusplatz aus mit hoher Geschwindigkeit durch die Menschenmenge auf der Grimmaischen Straße gefahren. Zwei Menschen kamen ums Leben, viele weitere wurden teils schwerst verletzt. K. wurde noch vor Ort festgenommen. Ein Ermittlungsrichter verkündete am Dienstag die Unterbringung in einem psychiatrischen Krankenhaus.