30 Jahre friedliche Revolution: Wie eine 20-Jährige zur größten Staatsfeindin avancierte

Leipzig - Viele, die die Wendetage erlebt haben, schauen heute auf die turbulenten Ereignisse vor 30 Jahren fast ungläubig zurück. Zu fest schien damals die Macht der SED zementiert. Doch im Herbst '89 passierte das Unglaubliche: Binnen weniger Monate war das 40-jährige DDR-Regime Geschichte - weggefegt von den Bürgern, die sich erhoben und mit friedlichen Aktionen und Demonstrationen die Geschicke des Landes in die eigenen Hände nahmen. Unsere Serie zeichnet den Weg in die Freiheit nach. Lest heute die Geschichte einer mutigen Demonstrantin.

"FÜR EIN OFFNES LAND MIT FREIEN MENSCHEN" - Katrin Hattenhauer (rechts im Bild) entfaltete das Transparent am 4. September 1989 gemeinsam mit Gesine Oltmanns auf dem Nikolaikirchhof.
"FÜR EIN OFFNES LAND MIT FREIEN MENSCHEN" - Katrin Hattenhauer (rechts im Bild) entfaltete das Transparent am 4. September 1989 gemeinsam mit Gesine Oltmanns auf dem Nikolaikirchhof.  © picture alliance/Wolfgang Kumm

"FÜR EIN OFFNES LAND MIT FREIEN MENSCHEN" - nur wenige Sekunden war dieses Transparent am 4. September 1989 auf dem Nikolaikirchhof zu sehen, bevor es von Stasi-Schergen zu Boden gerissen wurde. Doch die Bilder dieser Szene gingen um die Welt. Es war eine 20-jährige Frau, die den Mut hatte, die insgesamt vier Transparente zu malen und sie an der Stasi vorbei auf den Kirchplatz zu schmuggeln.

Katrin Hattenhauer wollte eigentlich Theologie studieren. Doch nachdem sie im Januar 1989 selbstgedruckte Flugblätter einer Demo für Frieden und Menschenrechte verteilt hatte, musste sie auf staatlichen Druck das Theologische Seminar verlassen. Von diesem Tag an war die zierliche Frau mit den langen Haaren und der Brille einer der wichtigsten Aktivposten der Leipziger Opposition - und für die Stasi eine Staatsfeindin.

"Das waren die Bettlaken meiner Großmutter, die haben wir in meiner damaligen Wohnung an der Meißner Straße zu Transparenten gemacht", erzählt die inzwischen in Berlin und Oxford lebende Bürgerrechtlerin. Und das unter größter Vorsicht und Geheimhaltung! Denn Hattenauer wurde damals rund um die Uhr von der Stasi überwacht. "Selbst in meinem Haus hatten die Posten bezogen, saßen teilweise auf der Treppe, was sehr unangenehm war, weil das Klo eine halbe Treppe tiefer war."

Um unbeobachtet das Haus verlassen zu können, nutzte Hattenhauer, die unterm Dach wohnte, einen Kaminkehrer-Ausstieg. "Ich bin dann immer die ganze Häuserzeile lang über die Dächer gegangen und am anderen Ende der Straße herabgeklettert - das blieb tatsächlich eine ganze Weile von der Stasi unentdeckt", erzählt sie.

Die mutige Transparentmalerin: Katrin Hattenhauer arbeitet heute als Künstlerin in Berlin und England.
Die mutige Transparentmalerin: Katrin Hattenhauer arbeitet heute als Künstlerin in Berlin und England.  © Ralf Seegers

Für die Aktion am 4. September war der Weg über die Dächer allerdings keine Option.

Mit ihren Freunden vom Netzwerk Frieden und Menschenrechte heckte Hattenhauer einen anderen Plan aus. "Wir haben uns die Transparente eng um den Bauch gewickelt und sind ganz normal zur Haustür raus." Die Observanten hefteten sich wie immer an die Fersen der Staatsfeinde. An der Straßenbahnhaltestelle dann der Coup: "Wir sind in die Straßenbahn eingestiegen .... und in dem Moment, als sich die Türen schlossen, wieder rausgesprungen."

Während die verdutzten Stasi-Leute mit der Tram gen Zentrum fuhren, machten sich Hattenhauer und Freunde aus dem Staub und kamen auch unbehelligt an der Nikolaikirche an. "In der Kirche haben wir die Transparente dann verteilt und abgemacht, dass wir sie nach dem Friedensgebet auf dem Nikolaikirchhof kurz hintereinander aufrollen, dass immer, wenn eines zu Boden gerissen wird, das nächste zu sehen ist."

Die Bilder der Aktion gingen Dank der zur Leipziger Messe anwesenden West-Journalisten um die Welt. Und obwohl ihnen die Stasi-Leute die Transparente aus den Händen rissen, wurden weder Hattenhauer noch die anderen Beteiligten an diesem Abend festgenommen. "Zur Messe wollte die DDR solche Bilder vermeiden, deshalb haben sie wohl mit der Verhaftung gewartet", ist sich die Bürgerrechtlerin sicher.

Stasi-Schergen reißen Katrin Hattenhauer das Transparent aus der Hand. Eine Woche nach der Aktion wird sie verhaftet.
Stasi-Schergen reißen Katrin Hattenhauer das Transparent aus der Hand. Eine Woche nach der Aktion wird sie verhaftet.  © ap/Rainer Klostermeier

Die Abrechnung folgte eine Woche später.

Nach dem Friedensgebet am 11. September kesselten Polizei und Stasi die aus der Nikolaikirche kommenden Oppositionellen sofort ein. "Jemand wickelte meine Haare um sein Handgelenk, zog mich nach unten und ehe ich mich versah, war ich auf dem Transport", schildert Hattenhauer die dramatischen Minuten.

Mit anderen Beteiligten der Transparent-Aktion am Montag zuvor landete die junge Frau in der Stasi-Untersuchungshaftanstalt Beethovenstraße. Noch genau erinnert sich Hattenhauer an ihren Vernehmer, einen besonders perfiden Stasi-Offizier. "Nach einer Woche hat der mich angeblich meine Entlassungsunterlagen unterschreiben lassen. Ich habe dann auf Zelle darauf gewartet, dass ich gehen kann. Als sich aber auch Stunden später nichts tat, habe ich an die Tür gewummert. Auf meine Frage nach der Entlassung haben die nur höhnisch gelacht und gesagt, dass ich mich da wohl verhört hätte ..."

Noch Wochen saß Katrin Hattenhauer im Stasi-Knast, verpasste so auch die entscheidende Montagsdemo am 9. Oktober. "Das Gefängnispersonal war an diesem Abend äußerst angespannt und von draußen kamen Geräusche rein, wie wenn viele Menschen laufen." Dass 70. 000 Menschen um den Ring gezogen waren, erfuhr die junge Frau erst Tage später.

Am 13. Oktober öffneten sich dann auch für Hattenhauer und die anderen Inhaftierten die Zellentüren. "Ich habe zuerst gedacht, die verarschen uns wieder und bin auf meiner Pritsche sitzen geblieben." Ihr Stasi-Vernehmer verabschiedete Hattenhauer dann auch mit der süffisanten Bemerkung, dass sie VORERST freigelassen werde. "Der war offenbar davon überzeugt, dass die Sache noch mal kippt und seine Leute wieder die Oberhand gewinnen ..."

Wende-Chronik: Meilensteine auf dem Weg zu Friedlichen Revolution

Volkspolizisten nehmen nach dem Friedensgebet einen Demonstranten an der Nikolaikirche fest.
Volkspolizisten nehmen nach dem Friedensgebet einen Demonstranten an der Nikolaikirche fest.  © transit / Jens P. Riedel

15. Januar 1989

Rund 500 Menschen treffen sich auf dem Leipziger Marktplatz zu einer Demonstration für mehr Demokratie. Oppositionsgruppen hatten zuvor heimlich 4 000 Flugblätter gedruckt und diese in Hausbriefkästen verteilt. Den anschließenden Schweigemarsch löst die Polizei auf und nimmt 53 Personen fest.

13. März 1989

Zur Leipziger Frühjahrsmesse nutzen erstmals zahlreiche Ausreisewillige das Friedensgebet in der Nikolaikirche, um ihr Anliegen zu beschleunigen. Rund 650 Menschen demonstrieren durch die Innenstadt und rufen "Wir wollen raus". Die SED versucht danach, das Problem mit der Aktion "Auslese" zu lösen - etwa 4 000 Personen bekommen die "beschleunigte Ausreise" in die BRD.

7. Mai 1989

Oppositionsgruppen kontrollieren in mehreren sächsischen Städten bei der Kommunalwahl die Stimmenauszählung und können so der SED Wahlfälschung nachweisen. In Leipzig kommt es am Abend zu Protestdemonstrationen, die von Polizei und Stasi aufgelöst werden. 76 Teilnehmer werden verhaftet.

4. Juni 1989

Leipziger Umweltgruppen organisieren einen Pleißepilgerweg, um auf vergiftete Flüsse und verpestete Luft aufmerksam zu machen. Zum Umwelt-Gottesdienst kommen rund 1000 Menschen. Trotz des behördlichen Verbots machen sich mehrere Hundert danach auf den Pilgerweg - 83 werden verhaftet.

10. Juni 1989

Oppositionsgruppen haben zum Straßenmusikfestival nach Leipzig eingeladen. Obwohl die Behörden das Festival verbieten, reisen Hunderte Straßenmusiker aus der ganzen DDR an. Gegen Mittag schreitet die Volkspolizei ein, nimmt die meisten Musikanten fest und verfrachtet sie auf Lastwagen. Das völlig überzogene Vorgehen der Sicherheitskräfte löst auch bei normalen Passanten massive Proteste aus.

7. - 9. Juli 1989

Auf dem "Statt-Kirchentag" - einer Gegenveranstaltung zum offiziellen Kirchentag der sächsischen Landeskirche - versammeln sich 2 500 Oppositionelle aus der ganzen DDR in der Leipziger Lukaskirche und beraten das weitere Vorgehen.

Mehr als 1000 Menschen demonstrierten am 4. September 1989 im Anschluss an das Friedensgebet auf dem Nikolaikirchhof - die einen für ihre Ausreise, die anderen für Reformen.
Mehr als 1000 Menschen demonstrierten am 4. September 1989 im Anschluss an das Friedensgebet auf dem Nikolaikirchhof - die einen für ihre Ausreise, die anderen für Reformen.  © epd
Polizisten mit Helm, Schild und Gummiknüppel haben den Nikolaikirchhof abgeriegelt, dennoch versammeln sich Hunderte Menschen zum Protest.
Polizisten mit Helm, Schild und Gummiknüppel haben den Nikolaikirchhof abgeriegelt, dennoch versammeln sich Hunderte Menschen zum Protest.  © Alexander Bischoff

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