Neid: Das steckt hinter dem Problem und so kriegt Ihr es in den Griff

Dresden - Neid bringt Leid? Nicht immer! Der Gefühlsmix aus Wut, Angst und einem Quäntchen Traurigkeit kann ziemlich zerstörerisch, aber auch anspornend sein. Mit den neuen Freiheiten für Geimpfte ist der Neid derer entfacht, die noch nicht an der Reihe sind. Impfneid wird vielleicht das Unwort des Jahres 2021. Eine diffuse Neid-Debatte ist in vollem Gange, doch ist sie auch berechtigt? TAG24 fragt, woran sich die Diskussion entspinnt und entschlüsseln den Mythos um das wohl verpönteste aller Gefühle.

Das Leben könnte so neidlos sein. Warum müssen wir uns nur immer mit anderen vergleichen?
Das Leben könnte so neidlos sein. Warum müssen wir uns nur immer mit anderen vergleichen?  © Montage: 123RF/Ion Chiosea (2)

Das neue Auto des Nachbarn, der Urlaub der Kollegin oder die hübsche Freundin des Kegelbruders - all das kann neidisch machen. Neuerdings treibt viele gar ein Piks auf die Palme: Impfneid. Was, Du bist schon geimpft - wie geht das denn?

Neid ist eine unberechenbare Triebfeder im Leben: Hinter 60 Prozent der Mobbing-Fälle steckt Neid. Junge Menschen empfinden am häufigsten Neidgefühle, sind dabei meist auf romantische Erfolge anderer neidisch. Neid-Attacken nehmen im mittleren Alter ab und zielen dann eher auf Geld und berufliche Erfolge ab. Jeder beneidet jedoch eher Personen des eigenen Geschlechts.

Hobby-Sportler sind seltener auf die in unerreichbarer Ferne liegende Leistung von Olympioniken neidisch, Otto Normalverbraucher weniger auf Top-Manager als auf Hartz-IV-Empfänger - weil sie sich ihnen näher sehen.

Hinter Neid steckt die Angst, nicht das zu erreichen, was der andere erreicht hat.

Manche verzichten lieber, als dem anderen etwas zu gönnen

Kartons mit Corona-Impfdosen des US-Pharmakonzerns Johnson & Johnson.
Kartons mit Corona-Impfdosen des US-Pharmakonzerns Johnson & Johnson.  © dpa/Ronny Hartmann

Mitunter treibt Neid bizarre Blüten: So verzichteten Angestellte in einem Experiment auf eine Lohnerhöhung, nur um zu verhindern, dass schlechter bezahlte Kollegen auf ihr Lohnniveau hinauf gestuft wurden.

Ähnlich wie in der Impfneid-Debatte: Lieber sollen alle verzichten, als dass sich einige schon früher an Lockerungen laben dürfen. Manche empfinden das als besonders ausgeprägten Gerechtigkeitssinn. Andere als bloßen Neid.

Während man Gefühle wie Wut, Zorn oder Angst zugibt, ist Neid verpönt. Dabei wirkt er manchmal als Motor. So rappelte sich Rennfahrer Niki Lauda (†70) nach seinem Unfall 1976 schnell wieder hoch, um sich vom Erzrivalen James Hunt (†45) nicht den Weltmeistertitel abluchsen zu lassen. Das misslang zwar knapp, aber Lauda gab zu: "Hunt blieb der einzige Mensch, den ich je beneidet habe."

Das Gegenteil von Neid ist übrigens Wohlwollen. Oder wie der Rheinländer sagt: "Mer muss och jünne künne" - man muss auch gönnen können.

Woran entzündet sich der Impf-Neid?

Erik Hahn (37), Professor für Medizinrecht an der Hochschule Zittau/Görlitz.
Erik Hahn (37), Professor für Medizinrecht an der Hochschule Zittau/Görlitz.  © PR

Mittlerweile traten Lockerungen für Geimpfte und Genesene in Kraft: Ausgangs- und Kontaktbeschränkungen fallen weg. Bei Treffen mit anderen Personen werden sie nicht mitgezählt. Sie müssen in Läden oder beim Friseur keinen Test mehr vorlegen und nach einem Auslandsurlaub zumeist nicht mehr in Quarantäne. Und das alles, während andere noch sehnsüchtig auf einen Impftermin warten müssen. Ist das gerecht oder spaltet das die ohnehin schon aufgerührte Gesellschaft?

"Aus Sicht eines Einzelnen, der aufgrund der bisherigen Priorisierungsregeln nicht geimpft wurde, ist ein gewisser Neid für mich absolut nachvollziehbar", gibt Erik Hahn (37) zu, Professor für Medizinrecht an der Hochschule Zittau/Görlitz.

"Bei Geimpften fallen jedoch eine Reihe von Gründen für Grundrechtseinschränkungen weg. Ihnen muss daher zwangsläufig wieder mehr gestattet sein. Zumindest, solange die Impfung auch gegenüber Mutationen hilft, kann allein der Wunsch nach 'Solidarität' mit bisher ungeimpften Personen Quarantäne oder Testpflicht nicht rechtfertigen."

Insbesondere viele Jüngere müssen sich beim heiß ersehnten Impf-Piks weiter gedulden. Dabei verzichten sie seit einem Jahr Pandemie solidarisch gegenüber Älteren, müssen jetzt erneut zurückstecken. Sie fänden es gerechter, wenn Lockerungen aufgeschoben und für alle gleichzeitig gestartet wären. Denn während sich ihre geimpften Freunde und Familienangehörige abends im Park treffen können, gelten für sie weiter Ausgangsbeschränkungen.

Doch welche Nachteile bringt es Ungeimpften eigentlich, wenn Geimpfte wieder mehr Freiheiten genießen dürfen? Sollte man sich nicht lieber mit ihnen freuen? Denn wenn dadurch Wirtschaft und (Schank-)Wirtschaften wieder schnell in Schwung kommen, profitieren alle davon.

Was den einen motiviert, macht den anderen einsam

Prof. Dr. Christian Warneke (41), Personalpsychologe an der Hochschule für Angewandte Wissenschaften Hamburg.
Prof. Dr. Christian Warneke (41), Personalpsychologe an der Hochschule für Angewandte Wissenschaften Hamburg.  © PR/lichtbildstudio.com

Wie entsteht Neid? TAG24 fragte Prof. Dr. Christian Warneke (41), Personalpsychologe an der Hochschule für Angewandte Wissenschaften Hamburg.

Bedingung ist, dass man sich mit anderen vergleicht und dabei - zumindest subjektiv betrachtet - feststellt, dass jemand etwas oder mehr hat als man selbst. Das kann das neue Auto des Nachbarn, aber auch die berufliche Beförderung eines Kollegen sein - also nicht immer etwas Materielles. Dann entsteht das Gefühl, einen Tick in seinem Selbstwert bedroht zu sein und sieht die positive Sicht auf sich selbst beeinträchtigt.

Neid kann sich sehr unterschiedlich zeigen. Manche bekommen einen Kloß im Hals und grübeln über Ungerechtigkeit. Er kann jedoch auch Schlafstörungen und schlimmstenfalls Herzrasen und depressive Gefühle der Ohnmacht auslösen.

Was bestärkt den Neid?

Er ist dann besonders schwer zu ertragen, wenn die betreffende Person uns besonders ähnlich ist. So konnte man es beim Impfen anfangs noch verstehen, dass vulnerable Gruppe in Heimen oder Pfleger auf der Intensivstation eher an der Reihe waren. Das ließ sich einfacher akzeptieren. Betroffene waren meist älter und gesundheitlich angeschlagener oder deutlich mehr Ansteckungsrisiken ausgesetzt als man selbst. Aber wenn es jetzt zum Beispiel um Lehrer oder Kontaktpersonen von Schwangeren geht, kann das Impf-Neid auslösen, gerade wenn einem die Gründe nicht bekannt sind oder nicht einleuchten.

Wenn Neid zum Trainer wird: Wer das Potenzial von Neid erkennt, kann aus sich die beste Version seiner selbst machen.
Wenn Neid zum Trainer wird: Wer das Potenzial von Neid erkennt, kann aus sich die beste Version seiner selbst machen.  © 123RF/Dmitriy Shpilko

Wo war Neid evolutionsbiologisch nützlich?

Es gibt zwei Formen von Neid. Gutartiger Neid kann motivierend sein. Das war in der menschlichen Entwicklung Voraussetzung für Antrieb. Das Eingeständnis, der spürbar Unterlegene zu sein, kann Energie entfachen, um über sich hinauszuwachsen und genauso erfolgreich zu werden wie andere. Im schlechten Fall lässt uns Neid aber die Erfolge anderer klein reden und madig machen, Gerüchte streuen und wir werden bösartig. Keiner würde seinen Neid offen eingestehen, denn Neid ist sozial verpönt.

Was hilft gegen bösen Neid?

Sympathie mildert Neid. Wenn man sich mit dem beförderten Kollegen gut versteht, ist man seltener neidisch auf ihn. Im Einzelfall könnte der Beneidete auch auf seine Neider zugehen. Oder man macht sich objektiv klar, warum er besser ist und deshalb befördert wurde - vielleicht, weil er mehr fachliche oder zwischenmenschliche Kompetenz besitzt, mehr Überstunden oder Fortbildungen absolvierte. Wenn ich triftige Gründe für eine Entscheidung kenne, ist sie nachvollziehbar und macht seltener neidisch.

Wer ist besonders neidanfällig?

Neid entsteht unabhängig vom Bildungsgrad. Wer ein schwaches Selbstwertgefühl hat, neigt eher zu Neid. Anfällig sind auch Menschen mit höheren Werten in Neurotizismus, der durch emotionale Labilität, Schüchternheit und Gehemmtheit charakterisiert ist. Neid kann sie wie eine starke Gefühlswelle erfassen. Coolere Charaktere sind emotional weniger anfällig, von Neid übermannt zu werden. Neid macht am Ende einsam: Neidische Leute sind oft auch unangenehme Zeitgenossen, weil sie schlechte Stimmung verbreiten.

Ist Neid vielleicht ein typisch deutsches Problem?

Für die einen ein fröhliches Pärchen, für andere eine Neid-Vorlage: Deutsche haben oft ein Problem mit Reichtum und Reichen.
Für die einen ein fröhliches Pärchen, für andere eine Neid-Vorlage: Deutsche haben oft ein Problem mit Reichtum und Reichen.  © 123RF/kzenon

Die Deutschen gelten laut Studien als besonders neidische Nation. Insbesondere Ostdeutsche haben ein extrem negatives Bild von "Reichen", beschreiben sie als egoistisch, materialistisch und rücksichtslos.

Der Grund sei ein Teufelskreis: Kaum einer kennt wohlhabende Leute, Millionenerben oder Spitzenmanager. Diese spielen ihren Reichtum zudem in einer Atmosphäre des Neids herunter. Man bleibt lieber unter "seinesgleichen", um keine Missgunst zu provozieren.

Wer dagegen selbst "Reiche" kennt, sieht eher die positiven Seiten: 71 Prozent bewerten sie als fleißig und intelligent, 58 Prozent billigen ihnen Einfallsreichtum zu.

In Frankreich ist Sozialneid gegen reiche Menschen (Definition: besitzen neben einer Immobilie noch mindestens eine Million Euro, Pfund oder Dollar Vermögen) noch stärker ausgeprägt, sogar doppelt so stark wie in Großbritannien.

Bei Briten und Amerikanern genießen Millionäre eher hohes Ansehen (Ausnahme: junge US-Amerikaner). Das liegt auch daran, dass in diesen Ländern Reichtum eher zur Schau gestellt wird als hierzulande. In den USA bewundert man zudem die schon Geimpften, wenngleich die Impfbereitschaft vor allem unter Republikanern und Evangelikalen schrumpft.

In Israel kann niemand die deutsche Neiddebatte nachvollziehen. Zugegeben, dort gab es ausreichend Impfstoff. Über soziale Medien informierte man sich, in welchem Impfzentrum noch Vakzine vorrätig waren. Die Israelis haben verinnerlicht: Auch der Piks der anderen dient langfristig dem eigenen Schutz.

Die Impfkultur des Landes ist legendär. Während die BRD 1961 die höchste Rate an Polioinfektionen verzeichnete, gab es in der DDR die Schluckimpfung gegen Kinderlähmung. Israel impfte bereits 1959 gegen Polio, nahm der Krankheit damit wie im gesamten Ostblock ebenso den Schrecken. Staatspräsident David Ben Gurion verlieh dem US-Vakzin-Erfinder und Virologen Jonas Salk sogar bei einem Staatsbesuch eine Ehrenmedaille.

Der deutsche Jude Paul Ehrlich - Namensgeber des Bundesinstituts für Impfstoffe - entwickelte ein Heilserum gegen Diphtherie.

Eine der sieben Todsünden

Wer zu oft neidisch ist, kommt der Bibel zufolge in die Hölle.
Wer zu oft neidisch ist, kommt der Bibel zufolge in die Hölle.  © 123RF/ibreaker213

"Wer Neid sät, der Elend erntet": Die Bibel geißelt Neid an mehreren Stellen. Bei Katholiken gilt Neid als eine der sieben Todsünden - neben Zorn, Hochmut, Geiz, Wollust, Faulheit und Völlerei.

Neid war sogar Ursache für den ersten Mord der Menschheitsgeschichte. Im Buch Mose wird von Kain erzählt, der im Zorn seinen Bruder Abel erschlug. Der Grund: Gott hatte dessen Opfergaben vorgezogen.

Alle Todsünden sind eine Anklage schlechter Charaktereigenschaften. Nach der Lehre der katholischen Kirche zieht die schwere Sünde die Höllenstrafe nach sich, wenn man ohne vollkommene Reue und Buße stirbt.

Auch im Koran wird dazu aufgerufen, Neid zu besiegen. Laut Prophet Mohammed kann Neid zu Unheil und Tod führen.

Neid ist also eher nicht die "aufrichtigste Form der Anerkennung", wie Wilhelm Busch keck schreibt, sondern wohl die niedrigste Form von Selbstmitleid.

So bekommt man die Missgunst in den Griff

So kriegt man sein Neid-Problem in den Griff.
So kriegt man sein Neid-Problem in den Griff.  © 123RF/Ion Chiosea

Mich plagt Neid, was kann ich tun? Prof. Christian Warneke hat vier Tipps für Neidische.

1. Unerschütterliche Haltung aufbauen: "Entwickeln Sie die Haltung, dass Sie nichts aus der Bahn werfen kann. Stecken Sie sich eigene Ziele, um nicht mehr auf andere schielen zu müssen." Damit werden Gefühle von Minderwertigkeit und Unsicherheit reduziert.

2. Positiv vergleichen: "Wenn das Selbstwertgefühl angeknackst ist, hilft es, 'nach unten' zu vergleichen. Wer noch keinen Impftermin bekommen hat, sollte zum Beispiel an die Situation in Ländern denken, in denen das Impfen noch nicht einmal begonnen hat. Das mindert den Schmerz und löst positive Gefühle wie Dankbarkeit aus."

3. Selektives Ignorieren: "Man redet sich ein, das beneidete Objekt sei gar nicht so wichtig. Fragen Sie sich: Brauche ich für mein Lebensglück wirklich so ein großes Auto wie der Nachbar, den ich beneide? Oder kann ich nach einer verpassten Beförderung nicht über andere berufliche Wege zum Ziel kommen?" Ergründen Sie, was Ihnen wirklich fehlt. Will ich das neidvoll Ersehnte überhaupt oder steckt ein verborgener anderer Wunsch dahinter? Oft steckt hinter dem Neid auch eine Angst.

4. Nicht hadern, sondern handeln: Geben Sie dem Neid die Chance, eine nachhaltige Veränderung zu werden. "Man kann sich für seine Ziele anstrengen oder muss lernen und akzeptieren, dass man bestimmte Dinge nicht ändern kann. So wie Radsport-Olympiasiegerin Kristina Vogel, die nach einem Unfall gelähmt im Rollstuhl sitzt, ihre Energie nicht damit verschwendet, Sachen zu bedauern, die sie nicht ändern kann, sondern sich kraftvoll auf Dinge konzentriert, die ihr möglich sind. Das ist ein tolles Vorbild für innere Stärke!"

Vorsicht, im Arbeitsalltag kann Neid das gute Verhältnis zu Kollegen zerstören: Es ist nicht leicht, mit Menschen zu arbeiten, die man beneidet. Kleine Sabotage-Akte können an der Tagesordnung sein: Akten und Dateien verschwinden auf mysteriöse Weise, vertrauliche Infos sind plötzlich Flurgespräch, Lästereien vergiften die Arbeitsatmosphäre. Neid und Missgunst führen schließlich zu emotionalem Abstand.

Tipp: Ursachen für Neid ergründen, denn Neid schadet allen Beteiligten - dem Neider, dem Beneideten, dem ganzen Team. Das Verhältnis bessert sich oft, wenn sich die Beziehung zu dem Beneideten bessert.

Fazit: Was soll der Neid?

Reiche verstecken sich lieber, als sich vor Neidhammeln rechtfertigen zu müssen.
Reiche verstecken sich lieber, als sich vor Neidhammeln rechtfertigen zu müssen.  © 123RF/alphaspirit

Er zermürbt Freundschaften, vergiftet Seelen, spaltet Gesellschaft, macht einsam und laut neuester Erkenntnisse sogar krank (führt zu Depressionen).

Schon der römische Philosoph Seneca wusste, dass ein Mensch niemals glücklich sein kann, wenn ihn stört, dass ein anderer noch mehr Glück erfährt. Wer permanent denkt, immer zu kurz zu kommen, tendiert eher zu Neidgefühlen.

Doch es gibt ein Elixier: Selbstbewusstsein schützt vor Neid.

Beim Impf-Neid gilt: Was habe ich persönlich davon, wenn jemand anderes etwas machen darf, das ich jetzt noch nicht kann? Experten raten, öfter mal 'nach unten' zu vergleichen: In der Türkei gilt zurzeit zum Beispiel ein strenger Lockdown. Das Haus darf nur zum Einkaufen, für Arztbesuche und zum Arbeiten verlassen werden. Touristen dürfen sich dagegen frei bewegen.

Die Pandemie - sie wird wohl zum Charaktertest für unsere Gesellschaft.

Titelfoto: Montage: 123RF/kzenon, dpa/Ronny Hartmann, 123RF/Ion Chiosea

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