Fünf junge Politiker packen nach einem Jahr im Bundestag aus: So geht es dort zu

Berlin - Den 26. September 2021 werden fünf Jungpolitiker wohl nie vergessen. An diesem Tag wurden Fabian Funke (25, SPD), Merle Spellerberg (25, Grüne), Rasha Nasr (30, SPD), Philipp Hartewig (28, FDP) und Heidi Reichinnek (34, Linke) zum ersten Mal in den Deutschen Bundestag gewählt und damit teilweise selbst überrascht. TAG24 hat sie seitdem auf ihrem Weg begleitet und wollte gut ein Jahr später wissen: Wie ist das Abgeordneten-Leben in Berlin so?

Sie sind in Berlin angekommen: Philipp Hartewig (28, FPD, l.), Rasha Nasr (30, SPD) und Fabian Funke (25, SPD).
Sie sind in Berlin angekommen: Philipp Hartewig (28, FPD, l.), Rasha Nasr (30, SPD) und Fabian Funke (25, SPD).  © Montage: Christian Kielmann

"Es ist schon ein wenig verrückt, wenn man bedenkt, dass die Wahl schon über ein Jahr her ist", sagt Funke. "Mein erstes Jahr im Bundestag ist tatsächlich schnell vergangen." Kein Wunder.

Wie Spellerberg erzählt, ist in dieser Zeit doch so unfassbar viel passiert: "Ich habe mein Team aufgebaut, mich in meine Berichterstattungen tiefer eingearbeitet und mich generell gut eingelebt."

In der Tat war für unsere Jung-Politiker vieles neu. Binnen kürzester Zeit mussten Büros aufgebaut, entsprechende Mitarbeiter eingestellt und eingearbeitet werden - und das nicht nur in Berlin, sondern auch im heimischen Wahlkreis. Zudem galt es, sich in die Abläufe im Bundestag einzuleben.

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"Der Parlamentsalltag war neu für mich. Inzwischen habe ich die vielen Abläufe und Prozesse aber ganz gut darauf und kann mich voll auf die inhaltliche Arbeit konzentrieren", freut sich Hartewig.

Für den leidenschaftlichen Sportpolitiker bleibt vom ersten Jahr in Berlin, wie für Fabian Funke oder Heidi Reichinnek auch, die erste Rede vor dem Parlament in spezieller Erinnerung. "Es ist noch immer etwas Besonderes, die Stimmung dort vorne zu greifen und die eigenen Gedanken am Rednerpult zu platzieren."

Bundestagsabgeordnete Rasha Nasr gesteht: "Die Aufmerksamkeit der Öffentlichkeit hat sich in den letzten zwölf Monaten verständlicherweise stark auf die großen Krisen fokussiert"

Merle Spellerberg (25, Grüne, l.) und Heidi Reichinnek (34, Linke)
Merle Spellerberg (25, Grüne, l.) und Heidi Reichinnek (34, Linke)  © Montage: Holm Helis & DIE LINKE. / Felix S. Schulz

Doch das Anbringen eigener Themen ist seit dem 24. Februar nicht mehr so einfach. Der russische Angriffskrieg auf die Ukraine und die damit verbundene Energiekrise überlagern viele Dinge, die den Jung-Abgeordneten am Herzen liegen.

"Die Aufmerksamkeit der Öffentlichkeit hat sich in den letzten zwölf Monaten verständlicherweise stark auf die großen Krisen fokussiert – Corona, Ukraine, Energie", so SPD-Frau Rasha Nasr, die dennoch Fortschritte in der "Modernisierung unseres Landes" sieht.

"Wir haben den §219a abgeschafft, der es Ärzt:innen verboten hat, über Schwangerschaftsabbrüche zu informieren. Wir haben den Mindestlohn wie versprochen auf 12 Euro erhöht. (Und) wir arbeiten gerade an der Umsetzung des Bürgergelds", erklärt sie.

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Also alles halb so schlimm? "Ich brenne für meine Politikbereiche und Gehör verschaffe ich mir in jeder Situation", sagt Reichinnek selbstbewusst, hinter der ein besonders turbulentes Jahr liegt. Spontan entschied sie sich, im Juni um den Vorsitz der Linken zu kandidieren.

35,8 Prozent der Stimmen reichten nur für Platz zwei hinter Janine Wissler (41), antreten würde sie nach dieser kleinen Enttäuschung trotzdem wieder.

Wie haben sich die Jung-Abgeordneten in Berlin eingelebt?

Das Reichstagsgebäude ist seit einem Jahr das berufliche Zuhause der fünf Jungpolitiker.
Das Reichstagsgebäude ist seit einem Jahr das berufliche Zuhause der fünf Jungpolitiker.  © Christoph Soeder/dpa

Apropos Enttäuschung: "Eine große Enttäuschung gab es bisher nicht, wobei die Mühlen oft langsamer mahlen, als man das als motivierter Abgeordneter manchmal gern hätte", sagt Philipp Hartewig. Ein bisschen konkreter wird da Merle Spellerberg.

"Dass sich die 100 Milliarden Sondervermögen ausschließlich auf das Militär beziehen, anstatt auch Cybersicherheit, Zivil- und Katastrophenschutz miteinzubeziehen", findet sie doof. "Wie nötig das wäre, zeigen nicht nur die Angriffe auf die Nord-Stream-Pipelines, sondern beispielsweise auch die Waldbrände hier bei uns. Militär ist nur ein Teil unserer Sicherheit."

Auch wenn die Fünf seit gut einem Jahr Berufspolitiker sind, haben sie trotzdem noch ein Privatleben - und das in einer für sie neuen Stadt. Haben sie sich dort inzwischen eingelebt?

"Mein Zuhause ist und bleibt Dresden, wo ich jede freie Minute verbringe. Nach einer langen Berlin-Woche in Dresden aus dem Zug auszusteigen, durch meine Stadt zu laufen und mich mit meinen Freund:innen und meiner Familie zu treffen, ist ein unbeschreiblich schönes Gefühl", sagt Nasr.

Die Sächsin backt in ihrer Freizeit unglaublich gern, was für sie ein weiterer Grund ist, schnell den Weg zurück in die Heimat zu suchen. Mit einem Augenzwinkern ergänzt sie: "Die Kantinen im Bundestag überlassen mir ihre Küchen ja nicht."

Im Gegenzug hat Philipp Hartewig Berlin schon ein bisschen für sich entdeckt. "Ich gehe gern morgens eine Runde am Spreeufer laufen und genieße den Fußweg entlang des Flussufers zum Büro oder Reichstag." Und Fabian Funke ergänzt: "Ganz ehrlich, Berlin und der Bundestag hat natürlich ein paar schöne Ecken und ich schätze das Zusammensein mit den Kollegen und Kolleginnen sehr, vor allem wenn man ab und zu auch mal etwas Zeit abseits des Politischen verbringen kann."

Ab dem morgigen Montag findet Ihr bis Freitag tagtäglich ein Interview mit einem unserer Jung-Politiker auf TAG24!

Titelfoto: Montage: Christoph Soeder/dpa & David Inderlied/dpa

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