Boris Palmer gedenkt seines Vaters und nimmt DFB-Keller nach Freisler-Aussage in Schutz

Tübingen - Am Vatertag hat Tübingens OB Boris Palmer (48, Grüne) seines verstorbenen Vaters Helmut (†74) gedacht. Bei der Gelegenheit äußerte er sich auch zum in die Schlagzeilen geratenen Noch-DFB-Präsidenten Fritz Keller (64).

8. August 1944: Roland Freisler (Mitte) während der Urteilsverkündung gegen acht der Beschuldigten des Hitler-Attentats vom 20. Juli 1944.
8. August 1944: Roland Freisler (Mitte) während der Urteilsverkündung gegen acht der Beschuldigten des Hitler-Attentats vom 20. Juli 1944.  © DPA

Roland Freisler (†51) war im Dritten Reich gefürchtet und als "Blutrichter" bekannt. Rund 2600 Todesurteile verhängte Freisler, etwa gegen die Mitglieder der "Weißen Rose" oder gegen Widerstandskämpfer um Claus Schenk Graf von Stauffenberg (†36) wegen des Attentats auf Adolf Hitler (†56) vom 20. Juli 1944.

"Der Freisler wird das schon machen", zeigte sich der Nazi-Diktator zuversichtlich, als die Juli-Attentäter vor den Volksgerichtshof kamen, dessen Präsident der "Blutrichter" war.

Freislers Prozesse waren geprägt von Demütigungen der Angeklagten, die er mit Häme überzog und anschrie.

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Doch Hitlers "Blutrichter" war als Teilnehmer der Wannseekonferenz auch maßgeblich mitverantwortlich für die Organisation des industriellen Massenmords an den europäischen Juden.

Der oberste Nazi-Richter starb schließlich am 3. Februar 1945 bei einem US-Luftangriff auf Berlin.

Dieser Tage war Freisler wieder Gesprächsthema. Grund: eine Äußerung von DFB-Präsident Fritz Keller (64).

Der hatte Ende April seinen Vize Rainer Koch (62) mit dem Terror-Richter verglichen. Eine Anzeige bei der DFB-Ethikkommission folgte, nun wird das Urteil des DFB-Sportgerichts erwartet. Keller selbst hat sein Amt danach bereits zur Verfügung gestellt.

Am Vatertag meldete sich nun auch Deutschlands wohl bekanntester Rathauschef zu Wort. Boris Palmer (48, Grüne) nutzte den Donnerstag, um an seinen 2004 verstorbenen Vater Helmut (†74) zu erinnern - den "Remstal-Rebellen".

Aber auch auf das Freisler-Tohuwabohu und den Fall Fritz Keller kam er in seinem Facebook-Posting zu sprechen.

Helmut Palmer ging für Nazi-Vergleiche ins Gefängnis

Asperg, im August 2000: Der "Remstal-Rebell" Helmut Palmer (†74) demonstriert lautstark gegen eine gegen ihn verhängte, dreimonatige Freiheitsstrafe.
Asperg, im August 2000: Der "Remstal-Rebell" Helmut Palmer (†74) demonstriert lautstark gegen eine gegen ihn verhängte, dreimonatige Freiheitsstrafe.  © Norbert Försterling dpa/lsw

"Roland Freisler stand bei uns vor dem Haus", schrieb Palmer. "Mein Vater hat ihn als Vorbild furchtbarer Juristen in der BRD (...) auf der Hecktür seines Obstlasters verewigt."

"Mein Vater ist für Nazi-Vergleiche ins Gefängnis gegangen", so der 48-Jährige weiter. "Er konnte es nicht ertragen, dass besonders in der Justiz des Landes alte Nazis führende Positionen errangen, bis hin zu Ministerpräsident Hans Filbinger."

Palmers Vater habe seine Gegner schon mal "verkappte Faschisten und Haupteinfädler des verbrecherischen Terrors ehemaliger Nazis im CDU-Tarngewand" genannt oder im Talar, mit Hakenkreuz oder Judenstern gegen Urteile protestiert. "Mir kommt das alles angesichts des immer repressiveren Meinungsklimas in unserem Land in den Sinn."

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Den unter Beschuss geratenen DFB-Präsidenten kenne Palmer persönlich. "Ein absolut freundlicher Ehrenmann."

Dieser habe "offenbar im Jest und nur für wenige Menschen hörbar" einen Richter im DFB-Präsidium "Freisler" genannt: "Da wäre mein Vater sehr viel weiter gegangen."

Palmer: "Was zählt, ist die Absicht"

Meldet sich oft meinungsstark zu Wort und musste diverse Shitstorms über sich ergehen lassen: Boris Palmer (48, Grüne).
Meldet sich oft meinungsstark zu Wort und musste diverse Shitstorms über sich ergehen lassen: Boris Palmer (48, Grüne).  © Fabian Sommer/dpa

Der Grüne wisse nicht, was da vorgefallen sei. Der Richter müsse Keller sehr hart angegangen sein.

Eines sei sicher: "Weder Helmut Palmer noch Fritz Keller dachten auch nur eine Sekunde daran, die Opfer des Nazisystems zu verhöhnen. Was zählt, ist doch die Absicht, und nicht, was andere einem erkennbar ohne jeden Grund unterstellen."

Im Englischen gebe es den Begriff des "Principle of Charity", eingeführt von einem Rabbiner: "Danach sollte man im Streit immer die beste denkbare Bedeutung einer Aussage zugrunde liegen. Wir haben uns das Gegenteil angewöhnt."

Der Shitstorm frage nicht mehr danach, was gemeint war, sondern giere danach, die schlechtestmögliche Deutung einer Aussage zur Grundlage einer Verurteilung zu machen, kritisiert er.

Palmer muss es wissen. Seit Tagen ist er unter Beschuss, nachdem er sich auf Facebook über Ex-VfB-Kicker Dennis Aogo (34) geäußert hatte.

Der spätere Verweis darauf, dass das Posting satirisch gemeint gewesen sei, besänftigte die Wogen im über ihn hereingebrochenen Shitstorm nicht. Inzwischen haben die Grünen gar für ein Partei-Ausschlussverfahren gegen Palmer gestimmt.

Titelfoto: Montage: Norbert Försterling dpa/lsw, Fabian Sommer/dpa

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