Hamburg - Experte Fabian Ritter (58) hat die Pressekonferenz von Dr. Kirsten Tönnies im Livestream verfolgt. Sein Urteil ist vernichtend.
Bereits Mitte Mai hatte Ritter im Gespräch mit TAG24 erläutert, warum die Identität des Wals vor Anholt nahezu zweifelsfrei geklärt werden konnte.
Damals lagen dem Experten Bilder vom lebenden Wal und den sterblichen Überresten vor der dänischen Insel vor.
"Die Fluke hat einen sehr typischen, individuellen Verlauf ihrer Kante. Das ist keine flache Linie oder gerade Linie am Ende der Fluke, sondern da sind Kerben drin und ein sehr typischer Verlauf", erläuterte der Autor des Buches "Wir Wale".
Die beiden Bilder würden einen Flukenkantenverlauf zeigen, der im Grunde identisch sei, erklärte der Experte damals.
Dementsprechend überrascht dürfte Ritter von den am Morgen an die Öffentlichkeit gedrungenen Ergebnissen der DNA-Analyse gewesen sein. Der Experte verfolgte die Pressekonferenz am Mittwochnachmittag, TAG24 bat um eine Einschätzung.
"Ich möchte die Pressekonferenz inhaltlich nicht kommentieren. Was dort präsentiert wurde, bietet dasselbe Bild, das die Privatinitiative mit ihrer vermeintlichen 'Rettung' - die keine war - von Beginn an abgegeben hat: unprofessionell, undurchsichtig, inkonsistent und deswegen unglaubwürdig. Ich frage mich, warum diese Pressekonferenz überhaupt abgehalten wurde. Für mich ist das alles nicht ernst zu nehmen", kritisiert der Experte.
Deutsches Meeresmuseum und das Umweltministerium beziehen Stellung
Auch das Deutsche Meeresmuseum bezog Stellung. Auf TAG24-Nachfrage erinnerte das Museum daran, dass an dem toten Tier vor Anholt der Tracker gefunden wurde, der dem zuvor in der Barge transportierten Wal eingestanzt worden war.
"Diese Tatsache, die veröffentlichten Ortungsdaten des Trackers, der zeitliche und örtliche Verlauf des Tiertransportes, der Ort der Aussetzung, Strömungsdaten, der Fundort des toten Buckelwals sowie die Art und Größe des Tieres deuten darauf hin, dass es sich um dasselbe Tier handelt", teilte das Meeresmuseum weiter mit.
Das Umweltministerium Mecklenburg-Vorpommern schlug in dieselbe Kerbe und erklärte in einer Mitteilung: "Der am Buckelwal angebrachte Satellitentracker wurde bei dem vor Anholt gestrandeten Tier wiedergefunden. Größe und Art des Wals, der Tracker sowie die vom Tracker übermittelten Ortungsdaten und der dokumentierte Bewegungsverlauf ergeben aus unserer Sicht weiterhin ein schlüssiges Gesamtbild. Bislang liegen dem Ministerium keine belastbaren wissenschaftlichen Erkenntnisse vor, die diese Einordnung widerlegen."
Die Pressekonferenz habe neue Fragen aufgeworfen, diese aber nicht beantwortet, hieß es zudem in der Mitteilung. Minister Till Backhaus (67, SPD) appellierte erneut an die Initiative, "sämtliche verfügbare Daten, Proben, Laborberichte und wissenschaftlichen Auswertungen vollständig offenzulegen".
Retter fühlt sich verraten
Die Rettungsinitiative scheint sich währenddessen selbst von den Ausführungen der Tierärztin distanzieren zu wollen.
"Um das erst mal zu differenzieren: Ich spreche heute aus dem Team Hope, ich spreche nicht für die Initiative Hope. Da bin ich ausdrücklich drum gebeten worden, dass man das unterscheidet. Das ist für mich auch völlig in Ordnung", stellte Tönnies zu Beginn klar.
Sergio Bambaren, der Teil der Initiative war, die den Buckelwal in einer Barge bis in die Nordsee schleppte, äußerte sich kurz vor Beginn via Instagram.
Er sei glücklich, dass Hope lebe und irgendwo auf der Welt herumschwimmt. Die DNA-Proben würden belegen, dass Hope nicht der tote Wal vor Anholt sei. Aber er habe gemischte Gefühle.
"Gestern Abend hatte das gesamte Team ein Treffen, ein Gespräch, und wir haben alle versprochen, die Ergebnisse der DNA-Analyse gleichzeitig bekannt zu geben", so Bambaren, der Tönnies vorwarf, die Informationen vorab gestreut zu haben.
Er fühle sich daher verraten. "Und ich kann auch für den Rest des Teams sprechen: Wir fühlen uns alle verraten", sagte der 65-Jährige.