Christian Oheims harter Weg zum Ausgleich: Ein blanker Faustkampf gegen 1000 Ameisen
Bautzen - Christian Oheim (32) würde sich lieber die Hand brechen, als Handschuhe zu tragen. Beim altehrwürdigen "Bare Knuckle"-Kampfsport darf er das ohnehin nicht. Im "Ringlife"-Boxring stellt er sich auch seiner Vergangenheit. Und eintausend Ameisen. TAG24 durfte ihn bei seinem letzten Kampf begleiten.
Freitagabend auf dem Parkplatz des Bautzner Röhrscheidtbads, noch 28 Stunden bis zum Kampf. "Sport frei!", dröhnt es aus dem Flachbau des "SV Post Germania Bautzen" dort.
Ein Dutzend Männer, eine Frau, drehen Laufrunden vorbei an Muhammad Ali, Mike Tyson, Klitschko. Nach der Erwärmung ziehen sie Boxhandschuhe an. Nur der große Stille in der Ecke nicht.
Patsch. Patsch. Patsch. Christian Oheim, 1,86 Meter groß, 114 Kilo schwer, drischt auf die Pratzen seines Trainers Ronny Brückner ein. Ohne Handschuhe schallen die Schläge noch trockener durch die schweißdurchnässte Luft.
"Der Druck ist auch ein ganz anderer", schnauft Brückner. Der 46-Jährige ist Erzieher von Beruf, B-Lizenz-Trainer aus Leidenschaft. "Der Verschleiß ist auch für den Trainer höher", lacht er.
Seit Monaten trainiert er den Wahl-Bautzner Christian, der eines Tages vor der Halle stand. "Er hat seitdem einen großen Schritt nach vorn gemacht. Schlaghärte, Schnelligkeit, Beinarbeit sind einfach viel besser geworden."
Nächtelang hat er Christians nächsten Gegner analysiert. "Ich denke, wir haben ein paar Lücken gefunden", grinst er und ist sich sicher: Christian Oheim siegt.
Christian wurde wegen Körperverletzung verurteilt
Doch warum tut er sich das an? Schon als Kind konnte Christian nicht still sitzen, erzählt er TAG24 im Gym.
"Meine ersten Kampfsportarten waren Karate und Judo." Doch fürs Judo war der sechsjährige Christian zu schwer und unbeweglich, lacht er.
Mit 17 zog er zu Hause aus, begann als Türsteher in Plauen. Der Job versprach Sicherheit, doch lieferte ihm Macht. "Ich habe mich viel zu oft geprügelt, weil ich wusste, ich geh' als Sieger raus und dann ist gut."
Mit 25 erhielt Christian seine erste Verurteilung wegen Körperverletzung. Nach einer langen Therapie zog er einen Schlussstrich: "Den Fehler haben wir gelernt. Und jetzt machen wir Sport."
Nach vier Jahren Kraftsport stößt er auf Bare-Knuckle-Fights in Polen und bricht nach vier Wochen Training und ohne Team auf. "Das ist, als wärst du noch nie Motorrad gefahren und du kaufst dir eine 1000-Kubik-Maschine und fährst jetzt los."
Cuts im Gesicht, gebrochene Knochen, allein die Rechtfertigung vorm Arbeitgeber. Teils mehrere Monate lange Heilungsphasen nach jedem Kampf in einer Randsportart, die nur allmählich in Deutschland ankommt. Warum tut man sich das an?
"Es ist die Urform", sagt der gelernte Baumaschinenmechatroniker. Er könne nicht wie beim Boxen mit 100-prozentiger Kraft zuschlagen. "Triffst du den vorderen Knochen beim Kopf, kannst du dir die Hände brechen."
Und wenn er selbst getroffen wird? "Ich vergleiche es mit 1000 Ameisen, die über dein Gesicht krabbeln: Wenn sie im Nacken ankommen, musst du dich fangen." So blöd das klinge, man müsse es genießen.
2400 Menschen verfolgten den Boxkampf
Samstagabend in Europas größtem Viermast-Zelt an der Washingtonstraße in Dresden. 2400 Menschen drängen sich um sechs Ecken Boxring, um achtmal zu sehen, wie sich Männer ohne Handschuhe hauen.
Für den Veranstalter Edmon Avagyan ist das schon das sechste große Bare-Knuckle-Event in Deutschland. Verletzungsbedingt musste er seine eigene Boxerkarriere an den Nagel hängen. Und baute sich auf YouTube eine Neue auf, wo er als "Ringlife" den größten Kanal seiner Art betreibt.
Schwergewicht Christian ist der letzte Kämpfer, der an diesem Abend die Manege betritt. Sein Gegner Erik Reisenhauer, 26, 1,90 Meter, 115 Kilo, springt sich bereits in der roten Ecke warm.
In der blauen Ecke wird der Große still. Der Richter gibt den Ring frei. Dann vergehen 36 Sekunden.
Mit einem Haken erwischt Reisenhauer ihn zunächst am Kiefer, bevor Christian von ein Schwinger auf die Schläfe zu Boden gezwungen wird. Er stemmt sich hoch, doch der Ringrichter winkt ab. Der Kampf ist vorbei. Die Ameisen gewinnen.
"Ich habe immer gedacht, man muss sich beweisen, man muss der Stärkste sein", sagt Christian. "Aber der Starke zu sein, heißt halt auch, sich manchmal umzudrehen und zu gehen." Für Christian geht es jetzt zurück ins Gym. Ein nächster Faustkampf steht an.
Was ist Bare Knuckle Boxing?
Bare Knuckle Boxing ("Faustkampf mit bloßen Knöcheln") ist die älteste Form des Boxens.
Schon bei den Olympischen Spielen eine Disziplin, entstand die regulierte Form im England des 17. Jahrhunderts, blieb bis 1867 die vorherrschende Art des Boxens. Danach verschwand er für über ein Jahrhundert in den Untergrund.
Seit den 2010er-Jahren erlebt Bare Knuckle eine Renaissance. Gekämpft wird ohne Handschuhe, die Fäuste werden lediglich an den Handgelenken bandagiert.
Anders als beim klassischen Boxen darf im Clinch aktiv geschlagen werden, fünf Knockdowns beenden den Kampf automatisch.
Titelfoto: Bildmontage: TAG24, Norbert Neumann

