Macht nicht nur Krebspatienten Hoffnung: Radiopharmazie lässt Sachsen strahlen
Dresden - Die Weltgesundheitsorganisation WHO rechnet bis 2050 mit einem Anstieg der Krebskrankheiten um bis zu 77 Prozent. Jeder fünfte Mensch erkranke im Verlauf seines Lebens an der heimtückischen Krankheit, so die Prognose. Um Betroffenen zu helfen, wird auf der ganzen Erde fieberhaft geforscht. Eine Säule der modernen Krebsmedizin stellen heute die Nuklearmedizin und die Radiopharmazie dar. Sie helfen, wenn etwa Chemotherapie versagt. Sachsens Radiopharma-Branche ist führend in Europa und strebt an die Weltspitze. Lernt hier ihre führenden Akteure kennen.
Das Herz von Sachsens Radiopharma-Cluster schlägt im Landkreis Bautzen in Radeberg und Rossendorf (bei Dresden). Dort, wo schon zu DDR-Zeiten Kernforschung betrieben und Grundsteine für die Nuklearmedizin gelegt wurden, arbeiten heute Forscher, Innovationstreiber, Firmen und Mediziner eng zusammen.
"Der Radiopharmazie gehört die Zukunft", sagen Börsenanalysten. Der globale Markt für strahlende Pharmazeutika liegt aktuell im einstelligen bis niedrigen zweistelligen Milliardenbereich (US‑Dollar) pro Jahr und wächst mit hoher einstelliger bis teils zweistelliger Rate deutlich über dem allgemeinen Pharmamarkt.
Sachsen will von dem Kuchen etwas abhaben. Als Standort profitiert man hier von der langjährigen Erfahrung und Kompetenz in der Kernforschung sowie von Behörden, die fit sind im Umgang mit der entsprechenden komplizierten Gesetzesmaterie (von A wie Ansiedlung bis Z wie Zulassung).
Für noch mehr Strahlkraft braucht die Branche aber mutige, finanzstarke Investoren.
Das Projekt STAR (Saxon Technology Hub for Accelerator Based Radiopharmacy) kämpft um Fördermittel in Höhe von 30 bis 40 Millionen Euro. In Radeberg sollen damit eine neue Beschleuniger-Infrastruktur sowie Forschungslabore geschaffen werden.
Sachsens Wirtschaftsminister Dirk Panter (51, SPD) sieht Potenzial: "Sachsen kann zu einem europäischen Leuchtturm der Radiopharmazie werden."
ABX spielt bei den Großen mit
ABX - drei Buchstaben, ein Name, eine Erfolgsgeschichte. "Mit über 25 Jahren Erfahrung und einer Arzneimittelzulassung des erfolgreichen Prostata-Diagnostikums Radelumin® in vielen europäischen Ländern setzen wir Maßstäbe in Qualität, Sicherheit und Innovation", sagt Marco Müller (55).
Müller lenkt die Firma ABX advanced biochemical compounds. Sie beschäftigt in Radeberg über 420 Mitarbeiter. Das 1997 gegründete Unternehmen ist der größte Arbeitgeber für Radiopharmazeutika im sächsischen "Radiopharmaceutical Valley" und ein weltweit führender Anbieter in der Radiopharmazie.
ABX-Produkte ermöglichen Medizinern präzise Diagnosen von Krebs- und Stoffwechselerkrankungen durch modernste Positronen-Emissions-Tomographie (PET) und Single Photon Emission Computed Tomography (SPECT).
Marco Müller berichtet stolz: "In wenigen Tagen nehmen wir unser zweites eigenes Zyklotron in Betrieb. 35 Millionen Euro haben wir damit unsere Zukunft investiert."
Helmholtz-Zentrum forscht an einem Ort mit Geschichte
Von 1957 bis 1991 hatte das DDR-Zentralinstitut für Kernforschung in Dresden-Rossendorf seinen Sitz. Auf dem Areal ist heute das Helmholtz-Zentrum (HZDR) ansässig.
Es forscht auf den Gebieten Energie, Gesundheit und Materie.
Sein Institut für Radiopharmazeutische Krebsforschung widmet sich der Tumorforschung und der Entwicklung sogenannter theranostischer Radiopharmaka. Diese Arzneimittel enthalten sowohl diagnostische Tracer-Komponenten (Bildgebungsverfahren) als auch therapeutische Radionuklide, um für jeden Patienten passende Diagnostik und Therapie zu ermöglichen.
Der Wissenschaftliche Direktor Prof. Sebastian Schmidt (58) sagt: "Das HZDR ist ein etablierter Lieferant von Nukliden und Radiopharmaka. Es besitzt das Know-how und die Infrastrukturen, um zentraler Treiber und wissenschaftlicher Impulsgeber für die Radiopharmazie-Branche zu sein."
Rotop knackt Millionengrenze
Die Firma Rotop Pharmaka (beschäftigt 200 Mitarbeiter) ist seit über 25 Jahren in Rossendorf ansässig. Sie hat sich weltweit einen Namen gemacht als Anbieter von Radiopharmaka für die nuklearmedizinische Breitenversorgung.
Über eine Million Menschen wurden 2025 mit Rotop-Pharmaka behandelt.
Das Unternehmen plant gegenwärtig die Erweiterung seiner Produktions- und Servicekapazitäten in unmittelbarer Nähe des HZDR.
"Wir investieren 40 Millionen Euro", sagt Rotop-Manager Dr. Eik Schiller. Er hat für Radiopharmazie-Produkte perspektivisch nicht nur onkologische Anwendungen im Blick. Schiller: "Wir entwickeln gerade gemeinschaftlich Produkte, die helfen sollen, neurodegenerative Erkrankungen zu behandeln."
Eckert & Ziegler liefert Lösungen
In Nachbarschaft des HZDR werden derzeit Gewerbeflächen erschlossen. "Eckert & Ziegler Isotope Technologies Dresden" gehört zu den ersten Firmen, die dort nicht kleckern, sondern klotzen.
Die Firma ist eine 100-prozentige Tochtergesellschaft des Berliner Konzerns Eckert & Ziegler SE (über 1000 Mitarbeiter). Sie hat sich auf den Anlagenbau für die Nuklearmedizin und Strahlentherapie spezialisiert und offeriert der Medizin, Forschung und Industrie maßgeschneiderte technische Lösungen.
"Wir investieren bis zu 50 Millionen Euro in den Ausbau dieses Produktionsstandortes", berichtet Vorstand Gunnar Mann. Ein Zyklotron aus eigener Produktion soll in den kommenden Jahren vor Ort aufgebaut und in Betrieb genommen werden.
CUP hilft Ärzten und Patienten
"Mich treibt an, wissenschaftliche Exzellenz mit konkretem medizinischem Nutzen zu verbinden. Unser Ziel ist es, Technologien zu schaffen, die Ärzten helfen und Patienten eine bessere Perspektive geben", sagt Dr. Dirk Freitag-Stechl.
Er ist Geschäftsführer der Firma CUP contract labs, die in Radeberg 70 Mitarbeiter beschäftigt. Kunden aus aller Welt beauftragen sein serviceorientiertes Unternehmen mit mikrobiologischen Prüfungen, Sterilitätstests sowie der analytischen Untersuchung von medizinischen Präparaten und radiopharmazeutischen Produkten.
CUP hält Patente, die ihm eine herausragende Stellung in der boomenden Branche sichern.
So wirken Radiopharmaka
Radiopharmaka nennt man jene Arzneimittel, die mit radioaktiven Elementen ausgestattet sind – sogenannten Radionukliden. Sie bieten die Möglichkeit, Tumore präzise, zielgerichtet und personalisiert zu diagnostizieren und zu behandeln.
Anders als bei herkömmlichen Therapien wirken Radiopharmaka direkt im erkrankten Gewebe, wodurch das umliegende gesunde Gewebe weitgehend geschont wird.
Zur Herstellung von Radionukliden werden hierzulande sogenannte Zyklotrone (Teilchenbeschleuniger) benutzt. Um noch mehr Forschung und höhere Ausbeuten an Radionukliden zu ermöglichen, regte der Radeberger ABX-Chef Dr. Marco Müller (55) an, dass Sachsen einen Atom-Forschungsreaktor bekommt.
Titelfoto: Bildmontage: ronaldbonss.com (2)

