Dresden - Der Mensch lebt nicht von Brot allein. Er braucht auch Kunst und Kultur. Sachsen hat viel davon zu bieten. Doch wie lange noch, fragt mancher sorgenvoll. Theater, Museen, Orchester oder Chöre blicken ungewissen Zeiten entgegen. Sachsens Kulturministerin Barbara Klepsch (61, CDU) hat sich auf den Weg gemacht, ein neues Kulturraumgesetz aufzusetzen. Es soll Strukturen sichern. Die Erwartungen sind groß. Ebenso die Herausforderungen.
237,38 Euro - so viel Geld gab Sachsen 2021 pro Einwohner für Kultur aus. Der Freistaat lag damit einsam an der Spitze im Vergleich der Flächenbundesländer bei den Pro-Kopf-Ausgaben für Kultur (durchschnittlich 128,81 Euro).
Die Crux: Das Geld reicht nicht, um die Vielzahl an Einrichtungen und Akteuren im Land zufriedenzustellen.
"Wir brauchen dringend eine auskömmliche Finanzierung – dazu gehören dynamisierte Zuschüsse, ein reformiertes Kulturraumgesetz und endlich Planungssicherheit", sagt etwa Sandra Kaiser.
Sie ist Geschäftsführerin vom Theater Plauen-Zwickau. Ihr Haus fährt seit Jahren einen Sparkurs und steht - wie fast alle anderen Bühnenbetriebe im Land - trotzdem wirtschaftlich enorm unter Druck.
Diese Kosten bereiten Sorge
Schuld an der Finanzmisere der Kulturbetriebe sind vor allem steigende Personalkosten. Sie stellen den Löwenanteil der Gesamtausgaben dar. Tarifsteigerungen wirkten sich daher besonders stark aus.
Hinzu kommt, dass es bei den öffentlichen Zuschüssen bislang keine Dynamik gibt. Die kommunalen Haushalte geben das nicht her. Die allgemeinen Preissteigerungen etwa bei Energie, Mieten und Dienstleistungen bereiten den Einrichtungen zudem weitere Sorgen.
Das Kulturraumgesetz regelt die Finanzierung von nicht staatlichen Kultureinrichtungen wie Theatern, Museen, Musikschulen oder Orchestern. Es legt fest, dass die drei kreisfreien Städte Chemnitz, Dresden und Leipzig jeweils einen urbanen Kulturraum bilden.
Dazu kommen fünf ländliche Kulturräume. Über die Förderung von Einrichtungen und Projekten wird dort eigenverantwortlich entschieden. Die Kulturräume selbst erheben zudem eine Umlage, um ihren Anteil zu finanzieren.
Großes Pfund bei den Verhandlungen
Im aktuellen Doppelhaushalt stellt das Land für die Kulturräume jährlich 104 Mio. Euro bereit. Entlastung verschaffen zudem weitere neun Mio. Euro aus dem sogenannten Kulturpakt für neun kommunale Theater und Orchester.
Kulturministerin Barbara Klepsch (60, CDU) kämpft kommende Woche bei der Haushaltsklausur darum, dass diese Summen mindestens auch zukünftig im Haushalt bereitstehen.
Ihr großes Pfund bei den Verhandlungen: Sachsen hat in seiner Verfassung die Bewahrung von Kunst und Kultur als Staatsziel verankert. Kultur ist ein Wirtschaftsfaktor.
Der Anteil Erwerbstätiger in Kulturberufen ist mit 3,3 Prozent in Sachsen überdurchschnittlich hoch.
Daniel Morgenroth: "Wer jetzt kürzen will, der schafft einzelne Bereich ab"
Der Landesverband Sachsen im Deutschen Bühnenverein begleitet die anstehenden Verhandlungen um den Landeshaushalt sowie die Novelle des Kulturraumgesetzes kritisch.
Er betont, dass die Kulturlandschaft in Sachsen sich in den vergangenen 25 Jahren bereits deutlich konsolidiert hat. Durch Fusionen, Spartenschließungen und Haustarifverträge wurde das Maximum an Effizienz erreicht, so der Verband.
"Wer jetzt kürzen will, der schafft einzelne Bereich ab", sagt Daniel Morgenroth (42). Der Intendant vom Gerhart Hauptmann-Theater Görlitz-Zittau ist Vorsitzender des Landesverbandes.
Der Bühnenverein ermittelte für die Haushaltsjahre 2027 und 2028 einen Fehlbedarf von insgesamt rund 15 Millionen Euro pro Jahr bei seinen Mitgliedshäusern.
Morgenroth: "Das ist auch der Aufwuchs, den wir im Kulturraumgesetz brauchen, damit unsere Kulturlandschaft stabil bleibt." Er unterstreicht: "Kultur ist kein schmückendes Beiwerk, sondern zentrale Säule einer freiheitlichen und demokratischen Gesellschaft."
Clubszene will mehr Anerkennung
Sachsen belegt Platz 1 unter den Flächenländern in Bezug auf die höchste Dichte von Clubs und Livemusikspielstätten. Kulturförderung bekommt in der Clubszene allerdings niemand.
"Das muss sich ändern", fordert Sascha Möckel (47). Der Dresdner ist Mitglied der "Live Initiative Sachsen" (LISA), dem Landesverband für Clubkultur. Möckel will keinen Kulturkampf - nur Gerechtigkeit und Anerkennung.
Er betont dabei, dass die Clubszene Besuchermagnet, Wirtschaftsfaktor und Tourismusturbo ist. Sie dient Talenten als Sprungbrett. Kreative und Ideen finden dort Nährboden. Clubs bieten Räume für soziale, kulturelle, demokratische Erfahrungen und gelebte Vielfalt.
Zur Gegenwart gehört aber auch: Das Gros der Clubs ist bedroht, steht vor existenziellen Problemen.
Live Initiative Sachsen macht konkrete Vorschläge
"Die Gründe dafür liegen in den enormen Kostensteigerungen bei Gagen, Mieten, Energie, Löhnen sowie geringeren Umsätzen bei Eintritt und in der Gastronomie", sagt Möckel.
Von sicheren Jobs und einem Gehaltsniveau wie im öffentlichen Dienst träumen die meisten Beschäftigten in der Szene.
"Die konservative Kulturpolitik sollte die freie Clubszene endlich mit einbeziehen und auch unterstützen im neuen Kulturraumgesetz", sagt Sascha Möckel.
Konkrete Vorschläge dafür macht die Live Initiative Sachsen auch. Sie verlangt für die Clubszene die jährliche Ausschüttung von zwei Millionen Euro Förderung oder zwei Prozent der gesamten Fördersumme, die bereitgestellt wird.
Mission "Zukunft Kulturland Sachsen 2030"
Kulturministerin Barbara Klepsch (60, CDU) treibt momentan strategische Überlegungen voran. "Es geht dabei um die künftige Ausrichtung der Kulturlandschaft in Sachsen und insbesondere die Kulturförderung durch den Freistaat und die kommunale Ebene", sagt die Politikerin.
Sachsens Kulturpolitik muss sich auf neue Tatsachen einstellen. Dazu zählen der demografische und gesellschaftliche Wandel ebenso wie Haushaltslöcher.
Themen wie Bürokratieabbau, Mobilität, verändertes Publikumsverhalten, Generationen-Gerechtigkeit und Digitalisierung sind dabei unbedingt mitzubetrachten.
Impulse setzt in diesem Prozess ein Fachbeirat, der von Felicitas Loewe (67, ehemalige Intendantin des tjg. theater junge generation Dresden) und Christian Schramm (74, Oberbürgermeister von Bautzen a. D.) gelenkt wird.
Zwei Ziele wurden gesetzt: Noch in diesem Jahr soll das Kulturraumgesetz novelliert werden. Bis Mitte 2027 möchte man neue Förderprinzipien aufstellen. Die Vision ist eine zielgerichtete und regionale Verzahnung der Kulturraumförderung. Oberstes Gebot bei allem: Sachsens vielfältige Kulturlandschaft in ihren reichen Facetten zu erhalten.