Von Jakob Anders, Marcus Scholz
Neustadt in Sachsen - Einen Tag nach dem Fund zweier Leichen und einer Schwerverletzten in Neustadt/Sachsen ist die Kleinstadt-Idylle getrübt. Der Schock sitzt tief.
Anwohner hörten am Dienstag gegen 12.40 Uhr Schüsse im Bereich der Maxim-Gorki-Straße und wählten den Notruf.
Im dortigen ASB Mehrgenerationenhaus "Sächsische Schweiz" machte die Polizei eine schreckliche Entdeckung. Sie fand die Leichen von Nico K. (†54) und einer Frau (†48). Neben ihnen lag Helena P. (49). Sie wurde mit schweren Verletzungen in ein Krankenhaus gebracht.
Gerüchte, dass die 49-Jährige inzwischen verstorben sei, konnte die Polizei Dresden nicht bestätigen. Nach TAG24-Informationen sollen Nico K. und Helena P. bis vor wenigen Wochen noch ein Paar gewesen sein.
Am Tatort entdeckten die Einsatzkräfte obendrein eine Schusswaffe. In Sicherheitskreisen kursierte, dass Nico K. für das Unheil verantwortlich sein soll, er erst auf die beiden Frauen schoss und sich danach selbst richtete. Den Fall aufzuklären, beschrieb die Polizei als Puzzlearbeit, die noch Tage in Anspruch nehmen könnte.
Kurz vor der Bluttat spielten noch Babys im Raum des ASB
TAG24 machte sich am Mittwoch ein Bild von der Lage und erfuhr, dass sich das Unglück im Raum einer Paarberatung abgespielt haben soll. Zuvor spielten dort am Vormittag Muttis mit ihren Babys.
Weil die Betreuerin der Krabbelgruppe fehlte, durften sich die Eltern alleine organisieren. "Nach einer Stunde sind die Kinder müde geworden und wir sind nach Hause gegangen", sagte eine Zwillingsmama gegenüber TAG24. Zuvor habe sie noch die Heizung zugedreht und das Fenster geschlossen.
Etwa eine Stunde später erhielt sie den Anruf, dass im Raum, in dem die Krabbelgruppe gespielt hatte, der Mord geschehen war.
Florian Baumgart, Präsident des Pistolenschützenvereins Neustadt kannte Nico K. seit Jahren persönlich: "Er war nie bei uns im Verein. Wir haben 2010 Fenster in einer Schule in Pirna ausgetauscht. Nico hat bei der Montage geholfen."
In persönlichen Gesprächen habe er erfahren, dass Nico K. Waffen besitzt. Ob er auch die dafür notwendige Waffenbesitzkarte (WBK) in der Schublade hatte, ist nicht klar. Nur damit sei es zulässig, Waffen zu lagern oder zu transportieren. Mitglieder von Schützenvereinen müssen zudem eine Art Stempelheft führen und eintragen, wo, wann und zu welchem Zweck mit erlaubnispflichtigen Waffen geschossen wurde. "Darüber lässt sich feststellen ob jemand aktiv ist oder nicht", teilte Baumgart mit. Dem Schießsport könne man aber auch ohne WBK nachgehen. Zum Beispiel mit Vereins- oder Druckluft-Waffen.
Der mutmaßliche Täter wohnte derweil nur unweit vom Tatort, ganz in der des Neustädter Busbahnhofs. Nachbarn beschrieben den 54-Jährigen als cholerisch. "Das nachbarschaftliche Verhältnis war alles andere als gut", sagte ein Anwohner.
ASB Ortsverband Neustadt/Sachsen zeigt sich erschüttert
Eine andere Bekannte berichtet von "heftigen Diskussionen am Gartenzaun", und stemmt ihren glasigen Blick in Richtung Zukunft: "Sie sehen doch, das Leben geht weiter. Meine Sorge ist, ich möchte den Kindern von ihr und ihm morgen ins Gesicht sehen und Kraft geben können."
Der Ortsverband des Arbeiter-Samariter-Bundes zeigte sich nach den Geschehnissen erschüttert. "Unsere Gedanken sind bei den Opfern, ihren Familien und Angehörigen und unseren Mitarbeitern", heißt es in einem Statement auf der Internetseite.
Das Mehrgenerationenhaus bleibt vorerst bis zum 8. Mai zu. Alle Kurse und entsprechende Angebote wurden abgesagt.