Torgau - Wer kann, der zieht weg. Wer bleiben muss, der verlässt in der Dunkelheit kaum noch seine Wohnung. Das Torgauer Plattenbauviertel Nordwest gilt seit Jahren als sozialer Brenn- und Kriminalitätsschwerpunkt. Am Montag erlebte Wildwest in Nordwest einen neuen Höhepunkt.
Berge von Müll, Ratten zwischen den Platten, junge Männer, die in ihren Autos mit aufheulendem Motor rücksichtslos durch Tempo-30-Zonen brettern, vor den Hauseingängen herumlungernde Gruppen mit hämmernden Beats aus Ghettoblastern.
Rund um die sogenannten "blauen Blöcke" hat Torgau-Nordwest etwas von der Verwahrlosung der New Yorker Bronx der 1980er-Jahre.
Auch Gangs gibt es hier – größtenteils rekrutiert aus dem Nachwuchs der osteuropäischen Wanderarbeiter, die vor Jahren über Zeitarbeitsfirmen an einen großen Geflügelbetrieb in der Region und eine Holzpellets-Firma vermittelt wurden. Slowaken, Rumänen, Bulgaren, Russen – sie wohnen in den blauen Blöcken. Doch nicht mehr für alle gibt es Jobs.
Am Montag kam es hier zu heftigen Auseinandersetzungen zwischen zwei Gangs. Ein Dutzend Tschetschenen überfiel nachts einen Bulgaren (23) in seiner Wohnung und verletzte ihn schwer. Der Mann rief nicht die Polizei, sondern seine Gang.
Kurz darauf erschienen zahlreiche Bulgaren und prügelten sich mit den Tschetschenen. Erst ein Großaufgebot der Polizei mit Kräften aus Leipzig konnte die Nacht befrieden.
Jahrelange vergebliche Versuche, Verwahrlosung zu stoppen
Worum es bei der Auseinandersetzung konkret ging, konnte die Polizei bislang nicht ermitteln.
Seither hält sie in Torgau eine schnelle Eingreiftruppe der Inspektion Zentrale Dienste in Dauerbereitschaft. Die zusätzlichen Kräfte sollen die öffentliche Sicherheit gewährleisten, wie Polizei-Sprecher Moritz Peters auf Anfrage erklärte.
Seit Jahren schon versucht die Torgauer Stadtpolitik, das Verwahrlosungs-Problem in den Griff zu bekommen.
Es gab Stadtrundgänge mit Politikern und Polizeiführern, Bürgerdialoge und Müllberäumungsaktionen. Geholfen hat es bisher alles nicht.