Napoleon an der Pfeife: Kleinere Schiedsrichter zücken offenbar schneller Gelb
Deutschland - Die Fußball-WM 2026 neigt sich dem Ende entgegen und auch in den USA, Kanada und Mexiko standen nicht zuletzt die Schiedsrichter im Mittelpunkt. Während sich Fans und Experten seit jeher um Karten und Fouls streiten, sollen einige Entscheidungen laut einer Studie nicht bloß mit der Regelkunde zusammenhängen, sondern mit einem viel unbewussteren Aspekt: der Körpergröße.
"Wenn der Schiedsrichter kleiner ist als der Spieler, steigt die Wahrscheinlichkeit einer Sanktion um etwa zehn Prozent, und zwar bei Fouls wie bei Gelben Karten", erklärte Sport- und Wirtschaftswissenschaftler Hendrik Sonnabend seine Ergebnisse im Interview mit dem "Spiegel".
"Umgekehrt, wenn der Schiedsrichter größer ist, wird tendenziell großzügiger gepfiffen - da sehen wir bis zu gut 15 Prozent weniger Fouls und Gelbe Karten", fügte der Forscher der FernUniversität Hagen an.
Gemeinsam mit Mario Lackner von der JKU Linz untersuchte er 2340 Bundesligaspiele zwischen den Saisons 2014/15 und 2021/22. Die Ergebnisse wurden inzwischen im Journal of Behavioral and Experimental Economics (JBEE) veröffentlicht.
Auf die Idee kam Sonnabend durch eine ähnliche Untersuchung im Basketball, dort gibt es allerdings drei Schiedsrichter, während beim Fußball der Haupt-Referee eine größere Entscheidungsgewalt besitzt.
"Die Grundidee war: Ein Schiedsrichter, der deutlich kleiner ist als ein Spieler, könnte versuchen, seine Autorität zu stärken und sich härter durchzusetzen", so der Wissenschaftler. "Als unbewusster Ausgleich fehlender körperlicher Dominanz."
Auch in der Frauen-Bundesliga pfeifen größere Schiedsrichterinnen eher
Die Annahme wird durch die Zahlen offenbar unterstützt. Wohingegen die Statistik nicht darauf hindeutet, dass große, robuste Spieler an sich häufiger Fouls begehen. Auch Positionsunterschiede seien in der Studie berücksichtigt.
Dafür hat das Forscherduo aber einen größeren Effekt in der ersten Hälfte einer Partie festgestellt. "Das könnte darauf hindeuten, dass Schiedsrichter früh im Spiel ein Zeichen setzen wollen, um sich Autorität zu verschaffen", so Sonnabend.
Und auch bei Platzverweisen spiele die Körpergröße keine Rolle mehr, was laut dem Wissenschaftler am geringeren Ermessensspielraum liegen könnte.
Gemeinsam mit dem Psychologen Dr. Tobias Wingen konnten die Ergebnisse übrigens auch auf die Frauen-Bundesliga übertragen werden.
"Schiedsrichterinnen sanktionieren ebenfalls häufiger mit Gelben Karten, wenn sie kleiner als die Spielerin sind. Dass sich der Zusammenhang bei Männern als auch in ähnlicher Größenordnung bei Frauen zeigt, hat uns überrascht", erklärte Sonnabend. Da bei den Damen noch kein VAR zum Einsatz kommt, ergaben sich zum Teil sogar stärkere Effekte.
In der Psychologie wird das Phänomen zumindest populärwissenschaftlich als "Napoleon-Komplex" betitelt, da dem französischen Kaiser ähnliches Kompensationsverhalten nachgesagt wurde. Eine Studie der Universität von Amsterdam kam bereits 2018 zu dem Schluss, dass die Körpergröße tatsächlich eine große soziale Wirkung hat, Verhalten aber nie allein erklärt.
Titelfoto: Sven Hoppe/dpa

