Deutscher Scherbenhaufen, Rot-Skandal, Torflut: Was von der XXL-WM 2026 in Erinnerung bleibt
USA/Kanada/Mexiko - Die WM 2026 hat mit Spanien ihren verdienten Sieger gefunden, nach fast sechs Wochen ist die Zeit der täglichen Spiele, sportlichen Höhe- und Tiefpunkten sowie zahlreichen Randgeschichten jetzt vorbei. Was von der Weltmeisterschaft in den USA, Kanada und Mexiko in Erinnerung bleibt.
Turnier der Rekorde
So viele Teams wie noch nie, so viele Spiele wie noch nie, so viele Zuschauer wie noch nie: Die WM 2026 war ein Turnier der Superlative.
Fünfeinhalb anstatt der sonst üblichen vier Wochen dauerte es, bis alle 104 Partien gespielt waren, Underdogs wie Kap Verde schrieben dabei auch dank der Erweiterung auf 48 Mannschaften Geschichte und begeisterten Fans auf der ganzen Welt. Doch damit nicht genug: Für 2030 steht offenbar schon eine Erweiterung auf 64 Teams im Raum.
Die zusätzlichen Spiele sorgten zudem für eine regelrechte Torflut. Nicht nur wurde mit 308 Treffern ein neuer absoluter Rekord aufgestellt, auch klingelte es mit im Schnitt knapp drei Toren so häufig pro Partie wie seit 1970 nicht mehr. An der Spitze der Torjägerliste lieferten sich Kylian Mbappé (10 Tore), Lionel Messi (8), Jude Bellingham (7) und Erling Haaland (7) ein irres Rennen um den Goldenen Schuh, Mbappé und Messi überboten dabei auch noch wechselseitig den Allzeit-Rekord von Miroslav Klose.
Nächste deutsche Enttäuschung
"Es tut weh, dass man zwei Jahre warten muss, bis man Weltmeister wird", hatte Julian Nagelsmann nach der Europameisterschaft 2024 getönt und musste sich entsprechend an diesem Anspruch messen lassen.
Doch schon vor der WM kamen unangenehme Nebengeräusche auf wie die ebenso unnötige wie schlecht kommunizierte Rückkehr von Manuel Neuer oder der Streit um Deniz Undavs Jokerrolle. Das 7:1 gegen Curaçao zum Auftakt war noch ein kurzer Hoffnungsschimmer, danach konnte Deutschland kein einziges Mal mehr glänzen und schied sang- und klanglos im Sechzehntelfinale gegen Paraguay aus - zum ersten Mal überhaupt in der deutschen Geschichte im Elfmeterschießen.
Am Ende brach das ohnehin schon fragile DFB-Konstrukt durch das dritte frühzeitige WM-Aus in Folge komplett zusammen, Nagelsmann wurde zum Rücktritt gedrängt, jegliches vermeintliche oder tatsächliche Fehlverhalten des Bundestrainers und seiner Spieler durch die Medien gezogen. Ein Neuanfang soll nun wohl mit Jürgen Klopp gemacht werden.
Nebengeräusche ohne Ende
Der Ausrichter der WM im Krieg mit einem Teilnehmerland, dessen Spieler darum nur an den Spieltagen einreisen dürfen. Horrende Ticketpreise sowie Kosten für den öffentlichen Nahverkehr zum Stadion oder die Parkplätze vor Ort. Einreiseverbot für Omar Artan, Afrikas Schiedsrichter des Jahres aus Somalia. Trinkpausen in jeder Halbzeit, die für Werbung genutzt wurden.
Die Liste an Nebengeräuschen, die die selbst proklamierte "beste WM aller Zeiten" begleitet hat, ist immens lang. Statt sportlicher Euphorie herrschte vielerorts Ernüchterung und Frust über die Umstände, gerade in Europa lagen zudem die Anstoßzeiten so, dass nur ein Bruchteil der Spiele überhaupt tagsüber geguckt werden konnte.
Richtige WM-Stimmung kam so eher wenig auf - und gerade aus deutscher Sicht war das frühe Scheitern der DFB-Elf vielerorts der endgültige Sargnagel für die Begeisterung für das XXL-Turnier.
Skandal um aufgehobene Rote Karte für Folarin Balogun
Das wohl größte Nebengeräusch löste der US-Präsident aus: Trump war nämlich darüber informiert worden, dass US-Stürmer Folarin Balogun nach seiner Roten Karte aus dem Sechzehntelfinale gegen Bosnien-Herzegowina eine Runde später gegen Belgien gesperrt sein sollte.
Wie der Präsident freimütig zugab, rief er prompt Kumpel Gianni Infantino an und regte die Aufhebung der Sperre an, und das mit Erfolg. Per Einzelrichterentscheid wurde Baloguns Strafe zur Bewährung ausgesetzt, ohne dass er die Mindestsperre von einer Partie abgesessen hatte, auch wenn das in den Regeln fest verankert ist.
Dass hinter den Kulissen Deals abgeschlossen werden oder die Politik Einfluss auf den Sport nimmt, ist wohl kaum zu verhindern. Die Unverfrorenheit, das auch noch vor den Augen der Weltöffentlichkeit zu tun, setzt den Korruptionsskandalen der WM-Geschichte aber die Krone auf.
Ansonsten hielt sich Trump erstaunlich weit von der WM-Bühne fern, tauchte erst beim Finale persönlich unter Buhrufen auf und wiederholte den peinlichen Moment der Klub-WM 2025, als er bei der Siegerehrung nicht von der Bühne verschwinden wollte. Dadurch ist der 80-Jährige nun auf den Siegerfotos der spanischen Nationalmannschaft verewigt, auch wenn selbst Infantino versuchte, ihn von der Bühne zu zerren.
"Decision is: Red Card!"
Bei allen Diskussionen bot die WM aber auch viel Unterhaltungswert sowohl auf dem Platz als auch auf den Rängen. Unvergessen bleiben die rudernden norwegischen Fans oder die mitunter schwierig zu verstehenden VAR-Durchsagen der Schiedsrichter.
So wurde etwa Iván Barton aus El Salvador zum Meme, als er bei der Partie zwischen Paraguay und der Türkei Miguel Almirón vom Platz stellte, weil dieser sich im Gespräch mit dem Gegner verbotenerweise den Mund zugehalten hatte: Sein "After review. Number 10, Paraguay, covered his mouth. Decision is: Red card!" ging viral.
Das Ende einer Ära
Seit mehr als 20 Jahren begleiten Fußballfans die ganz großen Spieler wie Cristiano Ronaldo (41), Lionel Messi (39) und Luka Modrić (40), alle drei spielten ihre erste Weltmeisterschaft bereits 2006. Jetzt ist für sie das Ende ihrer WM-Karriere erreicht.
Während Modrić und Ronaldo bereits verhältnismäßig früh scheiterten und ihre WM-Laufbahn somit ohne Titel beenden müssen, hatte Messi im Finale gar die Chance, den Pokal zum zweiten Mal in Folge in die Luft zu stemmen.
Das gelang zwar nicht, trotzdem verabschiedet sich der Argentinier mit einem fulminanten Turnier von der Weltbühne, in dem er sich mit acht Treffern beinahe noch zum Torschützenkönig ballerte.
Titelfoto: Bildmontage: Rebecca Blackwell/AP/dpa, Tom Weller/dpa, Martin Rickett/PA Wire/dpa, Julio Cortez/AP/dpa, Tom Weller/dpa