Deutschland - Die Frage, ob der deutsche Fußball ein Nachwuchsproblem hat, beschäftigt Experten und Verantwortliche schon seit Jahren. Jetzt hat Weltmeister Philipp Lahm (42) die Strukturen im Jugendbereich hierzulande unverblümt auseinandergenommen.
"Wo sind all die Supertalente?", fragt sich der 113-fache Nationalspieler in seiner Kolumne für "The Athletic".
Deutschland habe mit der Bundesliga eine der stärksten Ligen der Welt, der DFB zudem gut acht Millionen Mitglieder und an sich würden bis in den Amateurbereich gute Bedingungen herrschen, doch Ausnahmetalente wie Lennart Karl (18) blieben dennoch eine Seltenheit - gerade im Vergleich zu anderen Top-Nationen.
Das große Problem sieht der 42-Jährige dabei im Übergang vom Nachwuchs- in den Profibereich. Die Vereine würden ihren jungen Spielern kaum noch echte Chancen geben, außerdem fehle es an einer klaren Spielidee, die sich von der Jugend bis zu den Profis durchziehen müsse.
"Der Weg an die Spitze wird nicht professionell unterstützt. Und es fehlt generell an einem eindeutigen Ansatz, weshalb viel Potenzial ungenutzt bleibt", erklärt Lahm.
Der frühere Rechtsverteidiger hat aber nicht nur Kritik, sondern auch Lösungen parat. Eine gewisse Durchlässigkeit sollte laut ihm für Bundesligavereine zur Pflicht werden.
Philipp Lahm wünscht sich klares Konzept für echte "Spezialisten"
Aussehen könnte das wie folgt: "Ein Profikader sollte nicht mehr als 23 Spieler umfassen, mindestens drei davon sollten Eigengewächse sein. (...) Jedes Jahr sollten drei weitere Nachwuchsspieler getestet werden, ob sie zum Erfolg beitragen können. Wenn das keiner macht, sind Jugendakademien sinnlos."
Darüber hinaus wünscht sich der gebürtige Münchner auch geschulte Experten, die besondere Talente in jeder Altersgruppe frühzeitig identifizieren und herausfiltern können. Und letztlich müssen die Rohdiamanten auch Spielzeit bekommen. "Talent entwickelt sich im Wettbewerb", so Lahm.
Dafür müsse ein Konzept in den Klubs existieren, das auch unabhängig vom handelnden Personal, also den Trainern, fortbesteht. Der FC Barcelona mache dies in "La Masia" seit Jahrzehnten vor. Und so würden auch wieder "Spezialisten" aus den Akademien hervorgehen, die auf ihre Position zugeschnitten sind - und dem deutschen Fußball im Moment fehlen würden.
"Es gibt kaum noch echte Mittelstürmer wie Gerd Müller, Rudi Völler, Miroslav Klose oder Innenverteidiger wie Jürgen Kohler und Karlheinz Förster", kritisiert Lahm. "Akademien beantworten eine entscheidende Frage nicht: Für was trainieren wir überhaupt?"