Wien - Anfang März jährte sich zum 28. Mal ein Verbrechen, das weltweit für Entsetzen sorgte: In Österreich wird die damals zehnjährige Natascha Kampusch entführt und für unfassbare 3096 Tage von Wolfgang Priklopil (†44) in einem Verlies gehalten. Nach ihrer Flucht im Alter von 18 Jahren bringt sich ihr Täter um. Für Kampusch beginnt ein Leben in Freiheit, was für sie aber auch viele Schattenseiten bereithalten soll. Während sie in den vergangenen Jahren ruhig und gefasst auftrat, herrscht aktuell große Sorge um die 38-Jährige. Ihre Familie spricht von einem gesundheitlichen Zusammenbruch.
Wie Nataschas Schwester, Claudia Nestelberger, gegenüber dem ORF-Journalisten Christoph Feurstein erklärt, sei das einstige Entführungsopfer "wieder in einer Art Gefangenschaft". "Jeder weiß, wie Natascha früher vor der Kamera gesprochen hat. Das gibt es jetzt überhaupt nicht mehr."
Natascha sei "meist in einer eigenen Welt". Ihre Familie beschreibt ihren derzeitigen Zustand als "herzzerreißend". "Wir fühlen uns hilflos."
Um möglichen Gerüchten rund um Natascha entgegenzuwirken, entschloss sich Nestelberger, die sich größtenteils um die Angelegenheiten ihrer Schwester kümmert, an die Öffentlichkeit zu gehen. Man wolle sensibel über den Zusammenbruch berichten.
Die Spezialsendung über Natascha Kampusch, welche am Montag (16. März) im "ORF" laufen sollte, hatte der österreichische Sender aber nun aufgrund von Protesten vorerst zurückgezogen.
Die Rundfunkanstalt begründete die Entscheidung mit "unterschiedlichen Auffassungen betreffend die Persönlichkeitsrechte" der 38-Jährigen.
ORF-Dokumentation sollte aktuellen Zustand von Natascha beleuchten
Die Dokumentation "Natascha Kampusch - Gefangen in Freiheit" sollte anlässlich des 20. Jahrestages ihrer Selbstbefreiung das heutige Leben von Kampusch beleuchten. Dabei hätte es auch Verweise zu ihrem aktuellen Gesundheitszustand gegeben. Demnach seien selbst medizinische Fachleute mit der Situation des einstigen Entführungsopfers überfordert.
Die Opferhilfeorganisation "Weißer Ring" hatte deshalb im Vorfeld zu bedenken gegeben, dass die Berichterstattung bei Betroffenen zu schweren Retraumatisierungen führen könnte.
Kampusch, die mittlerweile mehrere Bücher über ihr Schicksal veröffentlicht hat, wurde 1998 nach ihrer Entführung in ein fünf Quadratmeter kleines, fensterloses Verließ gesteckt.
Ihr Kidnapper, der Nachrichtentechniker Wolfgang Priklopil, wollte sie laut dpa zu einer Frau ganz nach seinen Vorstellungen formen.
Kampusch wurde als Lügnerin abgestempelt
Während der Gefangenschaft wurde Kampusch unter anderem sexuell missbraucht und erlebte schwere Gewalt. Obwohl Priklopil ihr mit dem Tod drohte, wagte sie mit 18 Jahren schließlich die Flucht.
Anschließende Ermittlungen zeigten grobe Fehler der Behörden auf. So hätte die Österreicherin möglicherweise schon sechs Wochen nach ihrer Entführung wieder frei sein können.
In Freiheit erlebte Kampusch zwar viel Anteilnahme, musste allerdings auch unter den Vorwürfen leiden, sie sei "mediengeil und geldgierig".
Manche stempelten sie laut Frankfurter Rundschau sogar als Lügnerin ab, wodurch ihr Fall mehrfach auf dem Prüfstand landete.
Und jedes Mal kam man zu dem Ergebnis: Nataschas Worte entsprechen der Wahrheit.