Jagd nach den "Vulkangruppen": Ex-RAF-Terroristin erklärt, warum es Menschen in den Extremismus zieht
Leipzig - Spätestens mit dem Anschlag auf das Berliner Stromnetz im Januar 2026 brannten sich die sogenannten "Vulkangruppen" in das öffentliche Bewusstsein. Seither macht die deutsche Justiz Jagd nach den Tätern, hat dazu sogar ein Kopfgeld von einer Million Euro ausgelobt. "MDR Exactly" hat sich nun auf die Spur der Gruppen gemacht und dabei sogar mit Ex-RAF-Terroristin Silke Maier-Witt (76) gesprochen, um herauszufinden, warum es junge Menschen in den Extremismus zieht.
Für das einstige Mitglied der Roten Armee Fraktion sei vor allem Frust ein Grund für den Weg in den Untergrund. "Was kann ich denn tun? Ich will unbedingt was tun! Dann kommt so ein Angebot: 'Dann schlagen wir die zusammen und machen was Extremes.' Ich hab ja erst später für mich gesehen, dass es überhaupt gar nichts nützt", so die 76-Jährige in dem Gespräch, das Teil der neuen MDR-Reportage "Linksextreme Sabotage: Wie die 'Vulkangruppen' Deutschlands Infrastruktur angreifen" ist.
Silke Maier-Witt trat 1977 im Alter von 27 Jahren der RAF bei, war laut "Exactly" dort für die Logistik zuständig und noch im selben Jahr an der Entführung von Arbeitgeberpräsident Hanns Martin Schleyer (†62) beteiligt. Schleyers Fahrer sowie drei Leibwächter sterben im Kugelhagel. Nach 43 Tagen erfolgloser Erpressungsversuche erschießt die RAF schließlich auch Schleyer.
Als die Terrorgruppe 1979 eine Bank überfällt und eine unbeteiligte Passantin erschossen wird, steigt Maier-Witt aus und taucht in der DDR unter. 1990 wird sie festgenommen und zu zehn Jahren Haft verurteilt.
Heute bereue sie ihre Taten. "Ich hab das ja dann später auch verglichen, wie wenn man in so eine Sekte eintritt. Dass man sich dann ja auf der richtigen Seite fühlt und dann nicht mehr darauf hört, was jetzt mein eigener moralischer Kompass sagen würde."
Kriminalhauptkommissar: Erfolgschancen durch Kopfgeld gering
Der Reportage zufolge sind die "Vulkangruppen" bereits seit 2011 in Deutschland aktiv. Vorbild für ihren Namen sollen demnach Vulkane auf Island sein, deren Naturgewalt Anfang der 2010er Jahre den Flugverkehr in Europa nahezu zum Erliegen brachte.
Die erste Gruppe unter dem Namen "Das Grollen des Eyjafjallajökull" verübte 2011 einen Anschlag auf das Berliner Bahnnetz. Ende 2012 folgt ihnen das "Hekla-Empfangskommitee", 2013 "Grimsvötn" und die "Vulkangruppe Katla". Erstmals tauchte damit auch der Überbegriff auf.
Seit 2016 nutzt die Gruppe nicht mehr nur die Namen von Vulkanen. So tauchten auch schon "Gegen den Fortschritt der Zerstörung", "Friends of the Last Generation" und "Tesla abschalten!" auf. Insgesamt 13 Taten werden den Gruppen heute zugerechnet.
Mit dem Kopfgeld von einer Million Euro, eines der höchsten der Bundesgeschichte, wird laut "Exactly" deutlich, dass die Justiz unbedingt einen Ermittlungserfolg erzielen will. Große Chancen, damit Unterstützer oder sogar geläuterte Mittäter anzusprechen, verspricht sich Dirk Peglow, Bundesvorsitzender des Bund deutscher Kriminalbeamter, jedoch nicht.
"Das sind überzeugte Angehörige eines linksextremistischen Spektrums, die einen Kampf gegen das System führen. Da werden sie einen Teufel tun, das System beim Kampf gegen sie selbst zu unterstützen, indem sie ihre Mittäter verraten", so der Kriminalhauptkommissar.
Die gesamte Reportage über die "Vulkangruppen" läuft am Mittwoch ab 20.45 Uhr im MDR und ist bereits jetzt als Video-on-Demand in der ARD-Mediathek verfügbar.
Titelfoto: Montage: MDR + Sebastian Christoph Gollnow/dpa + dpa

