Zwölf Menschen tot, weil Fahrdienstleiter am Handy zockte: Was tut die Bahn für mehr Sicherheit?

Bad Aibling - Die Bilder sind unvergessen: Zwei komplett ineinander verkeilte Züge, aufgerissene Waggons, zersplitterte Scheiben. Bei dem Frontalzusammenstoß zweier Meridian-Züge der Bayerischen Oberlandbahn starben zwölf Menschen, 89 Passagiere wurden verletzt.

Rettungskräfte stehen an der Unfallstelle in der Nähe von Bad Aibling. Beim Zusammenstoß zweier Nahverkehrszüge am 9. Februar 2016 kamen zwölf Menschen ums Leben.
Rettungskräfte stehen an der Unfallstelle in der Nähe von Bad Aibling. Beim Zusammenstoß zweier Nahverkehrszüge am 9. Februar 2016 kamen zwölf Menschen ums Leben.  © Peter Kneffel/dpa

Es war menschliches Versagen: Ein Fahrdienstleiter hatte mit seinem Handy gezockt und - dadurch abgelenkt - falsche Signale gesetzt. Am 9. Februar jährt sich das Zugunglück zum fünften Mal.

Morgens um 6.47 Uhr, dem Zeitpunkt des Unglücks, werden am Jahrestag in Bad Aibling im oberbayerischen Landkreis Rosenheim die Glocken läuten. Am Vormittag ist am Mahnmal für die Opfer ein stilles Gedenken geplant. Kränze sollen niedergelegt werden. Mehr ist Corona-bedingt nicht möglich.

Das Drama ereignet sich am Faschingsdienstag. Weniger Fahrgäste als sonst sind deshalb frühmorgens zwischen Bad Aibling und Kolbermoor unterwegs. An einem normalen Tag hätte es wohl noch mehr Opfer gegeben.

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Die Bergung in dem unzugänglichen Gelände zwischen einem bewaldeten Hang und dem Mangfall-Kanal ist eine Herausforderung. Hunderte Kräfte helfen, auch Bergwacht und Wasserwacht.

"Die ganze Hilfskette hat wie ein Uhrwerk funktioniert", sagt Feuerwehr-Kommandant Reinhard Huber, der damals dabei war.

Zug-Katastrophe könnte sich wiederholen - das Risiko Mensch bleibt

Eine Gedenkstätte an das Unglück an der Bahnstrecke zwischen Bad Aibling und Rosenheim.
Eine Gedenkstätte an das Unglück an der Bahnstrecke zwischen Bad Aibling und Rosenheim.  © picture alliance / Matthias Balk/dpa

Nach etwa drei Stunden haben die Helfer den letzten Verletzten aus den Trümmern befreit: ein Auszubildender auf dem Weg zur Arbeit, eingeklemmt, schwer verletzt. Eine Bundespolizistin hält während der gesamten Bergung seine Hand.

Vielfach zitiert sind die Worte, die sie mantraartig wiederholt: "Heute wird nicht gestorben." Der junge Mann stirbt nicht. Aber sein Leben wird nicht mehr sein wie vorher.

Auch an den Helfern geht die Katastrophe nicht spurlos vorbei. "Beim Einsatz selbst ist man mit Adrenalin vollgepumpt", sagt Huber. "Das meiste kommt, wenn man wieder zu Hause ist, wenn man alleine ist." Einige seiner Kollegen geben danach ihren Helfer-Job auf.

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Ein solches Unglück könne es wieder geben, warnen Fachleute. "Das, was in Bad Aibling passiert ist, kann jederzeit in Deutschland wieder passieren", sagt Thomas Strang, Experte für Kommunikation und Navigation am Deutschen Zentrum für Luft- und Raumfahrt (DLR).

Vor allem das Risiko Mensch bleibe. Bedienstete könnten etwa "völlig regelkonform in bestimmten Situationen die Sicherheitssysteme ausschalten", sagt Strang. Diese Möglichkeit sei für bestimmte Situationen allerdings notwendig.

Fahrdienstleiter wird wegen fahrlässiger Tötung verurteilt

Weil ein Fahrdienstleiter am Handy zockte, rauschten zwei Züge frontal ineinander.
Weil ein Fahrdienstleiter am Handy zockte, rauschten zwei Züge frontal ineinander.  © picture alliance / dpa

Nicht nur in Bad Aibling kostete menschliches Versagen viele Leben. Etwa beim Unglück von Hordorf in Sachsen-Anhalt mit zehn Toten, das sich vor wenigen Tagen zum zehnten Mal jährte, übersah der Lokführer eines Güterzuges zwei Haltesignale und kollidierte frontal mit einem Regionalzug. Auch dort war die Strecke eingleisig.

Der Fahrdienstleiter von Bad Aibling wiederum spielt - im Dienst verboten - auf seinem Handy "Dungeon Hunter 5". Dabei setzt er ein falsches Signal: Er gibt die Strecke für den Meridian M 79505 Richtung Kolbermoor frei - obwohl dort gerade der Meridian M 79506 nach Bad Aibling gestartet ist.

Zwei Minuten später bemerkt er den Irrtum, setzt einen Notruf ab - und drückt den falschen Knopf. Der Notruf erreicht andere Fahrdienstleiter, aber nicht die Lokführer - die somit ins Verderben rasen.

Juristisch ist das Unglück aufgearbeitet. Der Fahrdienstleiter wird wegen fahrlässiger Tötung zu dreieinhalb Jahren Haft verurteilt. Er habe große Schuld auf sich geladen, sagt er in dem Prozess in Traunstein an die Adresse der Angehörigen und Überlebenden.

Als er im August 2018 das Gefängnis nach Verbüßung von zwei Dritteln der Strafe als freier Mann verlässt, liegt der Abschlussbericht der Bundesstelle für Eisenbahn-Unfalluntersuchung noch immer nicht vor.

Experte fordert zusätzliche elektronische Sicherung

Die Züge kollidierten frontal und wurden völlig zerstört.
Die Züge kollidierten frontal und wurden völlig zerstört.  © Josef Reisner/dpa

Er kommt zwei Monate später und gibt Empfehlungen, die laut einem Jahresbericht der Behörde bis September 2019 und teils September 2020 erst zum Teil berücksichtigt sind. "Das Verfahren ist noch nicht abgeschlossen", heißt es jeweils unter drei der sechs Empfehlungen.

Umgesetzt ist die Empfehlung, aus zwei Notruftasten eine zu machen - so dass nicht mehr eine falsche Taste gedrückt werden kann. Zudem wird in Schulungen stärker auf die Gefahr von Ablenkung hingewiesen und auf Simulatoren trainiert. Noch nicht umgesetzt war 2019 etwa die Optimierung des Regelwerks für Fahrdienstleiter.

"Auch nach fünf Jahren machen uns die Folgen des schweren Unfalls in Bad Aibling tief betroffen. Sicherheit hat für uns oberste Priorität", sagt eine Bahnsprecherin. Die Modernisierung technischer Anlagen, Kontrollen sowie Aus- und Fortbildung würden kontinuierlich weiterentwickelt.

Grundsätzlich will die Bahn eingleisige Strecken technisch weiter aufrüsten. Die Strecke bei Bad Aibling sei nicht berührt. Die Strecke verfüge schon über eine hohe Sicherheitsstufe.

Für Strang reicht das nicht. Nötig sei eine zusätzliche elektronische Sicherung - die etwa verhindert, dass zwei Züge auf eingleisigen Strecken aufeinander zufahren. In der Luftfahrt seien solche Systeme längst Standard.

Es klingt einfach: Ein kleiner Rechner, der die Position des Zuges in kurzen Abständen per Funk anderen Zügen in der Gegend meldet. Fahren zwei Minirechner auf einer eingleisigen Strecke aufeinander zu, geben sie Alarm oder leiten eine Bremsung ein, wie Strang erläutert. Das sei einfach und kostengünstig.

Titelfoto: Peter Kneffel/dpa

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