Meine Meinung zum "Layla"-Verbot: Wenn Kunstfreiheit die Gesellschaft spaltet

Würzburg - Vor drei Tagen hat es angefangen. Ich öffnete Twitter und sah (bis heute übrigens) den #Layla in den Trends. Oh, dachte ich, wie schön. Eric Clapton ist zurück. Na ja. Weit gefehlt.

Auf Instagram bedanken sich DJ Robin und Schürze für die Aufmerksamkeit durch die Debatten. Ihrem Kontostand wird es sicher nicht schaden.
Auf Instagram bedanken sich DJ Robin und Schürze für die Aufmerksamkeit durch die Debatten. Ihrem Kontostand wird es sicher nicht schaden.  © Screenshot/Instagram/DJ Robin, Schürze Music

Das Thema, das die Gemüter erhitzt, ist der Party-Schlager "Layla" von DJ Robin & Schürze.

Der Vorwurf: Sexismus. Wow. Die 2020er werden in die Geschichte eingehen als die Dekade, in der Politiker bemerkt haben, dass es bei Party-Schlagern auch um den Sexualtrieb geht.

Nachdem die Stadt Würzburg bereits das seit einigen Monaten umstrittene - allerdings seit 1800-irgendwas bekannte - "Donau-Lied" auf dem Kiliani-Volksfest untersagt hatte, ging es nun dem seit Wochen auf Platz 1 in manchen Charts stehenden Ballermann-Gejohle an den Kragen. Okay, das Donau-Lied fand ich inhaltlich schon immer fragwürdig - aber verbieten? Und was hat es jetzt mit "Layla" auf sich?

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Der Song ist von bemerkenswerter Schlichtheit, der Text könnte von jedem F-Promi-Rapper mit 4 Promille geschrieben sein: "Er hat 'nen Puff und seine Puffmama heißt Layla. Sie ist schöner, jünger, geiler." Dieser Satz macht gefühlt 90 Prozent der literarischen Meisterleistung aus. Später fällt noch das Wort "Luder". Und viel "La-la-la". Das war's.

Im Grunde sollte die Debatte ja darüber gehen, wie ein Song mit derart ausgedünnter Sprachleistung in die Charts kommen konnte. Allerdings mochte ich auch von Queen den Song "Flash" - also halte ich mich hier mal besser zurück.

Aber Layla ist eine Puffmutter - muss also Sexismus sein. Noch nicht einmal zwangsläufig eine Prostituierte, sondern mutmaßlich eine Betriebsleiterin, die hier gleich mal pauschal als Nutte abgestempelt wird. Unter 32-16-8 hat Rosi lauthals aufgelacht.

Sexuelle Triebe als Tabu in der Kunstfreiheit. Außer bei Roland Kaiser

Das Kiliani-Volksfest in Würzburg macht bereits Tage vor der Eröffnung von sich reden. Immerhin ist das Top-Thema hier nicht der Bierpreis.
Das Kiliani-Volksfest in Würzburg macht bereits Tage vor der Eröffnung von sich reden. Immerhin ist das Top-Thema hier nicht der Bierpreis.  © Karl-Josef Hildenbrand/dpa

Aber Layla ist jung, attraktiv und entweder das, was man bei Männern diskussionslos als "wilden Hengst" bezeichnen würde oder hat einfach nur ein extrem anziehendes Auftreten. Also im Grunde der fleischgewordene Instagram-Inhalt.

Die (toxic) Wokeness-Bewegung verliert offenbar zunehmend die ehrbaren Gesellschafts-Ziele aus den Augen und betreibt Fettnäpfchen-Weitsprung.

Den Menschen wird zunehmend unterstellt, dass sie nicht mehr in der Lage wären, zwischen Kunst und Realität zu unterscheiden. Sexworker zu stigmatisieren, ist dagegen en vogue. Was wären wir nur ohne Lokal-Politiker?

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Und ja, ob man es nun mag oder nicht, aber auch "Layla" fällt unter die Kategorie "Kunst". Und genießt daher gemäß Artikel 5, Absatz 3 des Grundgesetzes eine stark geschützte Freiheit.

Diese Freiheit wird nun doppelmoralisch umgangen. Warum eigentlich? Weil Männer sonst automatisch zu Sexworkern gehen könnten?

Wir singen lauthals auf den Bierbänken mit, wenn Joanna mit Roland Kaiser jeden erdenklichen Kink ausleben will, wenn jeder Rosis Nummer hat, wenn Peter Maffay mit 16 Jahren von einer 31-Jährigen missbr... Pardon ... "verführt" wird oder Mickie Krause im Tierheim die Pflegerin auffordert, mal die Möpse zu zeigen.

Aber ein Nachtgewerbe zu betreiben? Nein, hier ist der Bogen aber mal sowas von überspannt.

Ein Musikvideo wie ein Porno - mit einem Kasten Bier als Budget

Auf den Volksfesten war der Song "Layla" von den meisten Party-Coverbands wohl fest ins Repertoire eingeplant - und von den Fans erwartet.
Auf den Volksfesten war der Song "Layla" von den meisten Party-Coverbands wohl fest ins Repertoire eingeplant - und von den Fans erwartet.  © Daniel Bockwoldt/dpa

Dann lieber wieder 500 neue Selbstvergiftungs-Werbesongs wie "Saufen, morgens, mittags, abends, ich will saufen" oder "Geh mal Bier holen - Du wirst schon wieder hässlich".

Vielleicht sollten genau das manche Stadträte und Entscheidungsträger künftig lassen - und sich öfter mal von einem jungen attraktiven Menschen in den Arm nehmen lassen. Darf dann auch mal was kosten.

Oder man wirft einen Blick auf das offizielle Musikvideo. Zugegeben, es wirkt wie ein deutscher Amateur-Porno ohne Sex mit einem Budget von einem Kasten Bier, aber es macht eines deutlich: Dass keiner der Beteiligten etwas anderes in dem Song sieht, als das, was es nun mal ist.

Ein riesiger - leider muss ich zugegeben - sehr ohrwurmtauglicher Quatsch, der einfach nur zum Mitgrölen und Tanzen animieren soll. Also genau das symbolisiert, was es in Bierzelten benötigt, damit jede Junge Union Landesgruppe ihre wilde, hippe Seite zeigen kann.

Selbst den Akteuren im Video kommt bei so viel Unsinn das Lachen aus. Spätestens, wenn Layla in Netzstrümpfen und Lederrock verführerisch in die Kamera blickt - mit Bartansatz und Adamsapfel. Die wunderschöne Layla - unser liebstes Sommerloch.

Titelfoto: Montage: Karl-Josef Hildenbrand/dpa + Screenshot/Instagram/DJ Robin, Schürze Music

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