Hamburg - Spätestens seit Collien Fernandes (44) die Vorwürfe gegen ihren Ex-Mann Christian Ulmen (50) öffentlich gemacht hat, dürfte den meisten Menschen in Deutschland "Deepfakes" ein Begriff sein. Von dieser Art der digitalen Gewalt ist auch Hamburgerin Atessa (32) betroffen. Auch in ihrem Fall ist der Täter jemand aus ihrem Umfeld.
"Meine Identität wurde gestohlen, um online sexualisierte Inhalte zu verbreiten", erzählt die 32-Jährige in der ZDF-Doku "37 Grad Leben". "Das hat sich angefühlt, als hätte mir jemand mit der flachen Hand ins Gesicht geschlagen", beschreibt sie ihre Gefühlslage, als sie davon erfuhr.
Völlig aus dem Nichts sei sie im Juli vor drei Jahren von einem Fremden angeschrieben worden, mit dem sie zuvor angeblich über die Plattform Knuddels gechattet hatte.
Was sie dort vorfand, sprengte all ihre Vorstellungskraft. Bereits seit zwei Jahren wurde ein Profil in ihrem Namen und mit von Instagram geklauten Fotos betrieben. Die falsche Atessa war demnach bis dahin 21.000 Minuten in verschiedenen Foren aktiv.
"Das netteste Forum war noch Matratzensport", blickt sie zurück. Unter ihren bearbeiteten Bildern fanden sich Hunderte Kommentare, in denen sie auf ihren Körper reduziert wurde und die User auf widerliche Art und Weise schrieben, was sie gern mit der jungen Frau anstellen würden.
"Ich saß heulend auf dem Boden mit meinem Laptop, weil ich einfach nur gedacht habe: Wie bösartig!", so Atessa. In der Zeit danach "habe ich mich klein gefühlt, machtlos und wehrlos". Zeitweise habe sich die Hamburgerin die Fingernägel blutig gekaut, so sehr litt sie unter der Situation.
"37 Grad Leben": Atessa verdächtigt nach Deepfakes viele aus ihrem früheren Umfeld
Gleichzeitig beschäftigte sie natürlich die Frage, wer ihr das antat. Sie überprüfte jeden einzelnen Follower, grenzte die Möglichkeiten ein, vermutete schließlich, dass der Täter nur jemand aus ihrer Heimat sein kann. Jemand, den sie schon vor ihrem Umzug nach Hamburg kannte. "Jeder von damals war irgendwie verdächtig", gibt sie zu.
Irgendwann kam der Anruf von der Polizei, bei der sie Anzeige erstattet hatte. Der Beamte habe sich mehrfach versichert, ob sie den Namen wirklich wissen wolle.
Das wollte sie - dennoch riss ihr die Information den Boden unter den Füßen weg: Es handelte sich um einen "sehr, sehr guten Freund in der Abizeit". "Da hab’ ich angefangen zu heulen", erinnert sie sich mit den Tränen kämpfend zurück.
Zwei Monate später habe sie über Anwälte ein Schreiben des früheren Freundes bekommen. Darin habe er sich versucht zu rechtfertigen, aber eine wirkliche Erklärung oder Entschuldigung gab es nicht. "Ich war so sauer danach", so Atessa.
Die erhofften Konsequenzen für den Täter blieben trotz allem aus - das Verfahren wurde eingestellt. Heute findet die junge Frau nach und nach wieder zu sich, auch wenn sie nicht mehr die Atessa von vor drei Jahren sei.
Dabei, sich größer und stärker zu fühlen, hilft ihr Sport. "Mittlerweile denke ich mir: Ich bin deutlich stärker und deutlich besser als diese ganzen Schwächlinge, die diese Kommentare schreiben", so ihre selbstbewusste Ansage.
Die ganze Folge "37 Grad Leben: Deepfakes - Leben nach digitaler Gewalt" mit Atessa und einer weiteren Betroffenen läuft am Sonntagmorgen um 9.03 Uhr im ZDF. Wer sie verpasst hat, kann sie jederzeit als Stream in der Mediathek ansehen.