Ulrikes "Schwester" als Kind jahrelang vom Vater vergewaltigt: "Meine Schwester ist meine Mutter"
Koblenz - Ulrike Dierkes (68) ist das Ergebnis jahrelangen Missbrauchs innerhalb der eigenen Familie. Sie erfuhr mit elf Jahren, was ihr Vater seiner Tochter angetan hatte. Wie sich das auf ihr ganzes weiteres Leben auswirkte, erzählt sie in der ZDF-Doku "37 Grad".
"Meine Schwester ist meine Mutter, mein Vater ist gleichzeitig mein Großvater, aber auch ihr Vater", so die heute 68-Jährige, die im Münsterland eine zunächst vermeintlich normale Kindheit hatte.
Doch der Schein von der heilen Familie trog, denn hinter verschlossenen Türen erlebte ihre älteste Schwester Ursula ein Martyrium: Sie wurde seit ihrem siebten Lebensjahr vom eigenen Vater immer wieder vergewaltigt. Ihre Mutter wusste davon und tat nichts.
Als das Mädchen 13 Jahre alt war, wurde es schwanger. Die Familie zog eine Abtreibung in Erwägung, "um das Verbrechen damit einfach aus der Welt zu schaffen", erzählt Ulrike. Doch es war zu spät, die Schwangerschaft zu weit fortgeschritten.
Zwar ermittelte die Polizei wegen Vergewaltigung gegen einen Unbekannten, doch erst ein Dorfbewohner habe schließlich den Verdacht geäußert, dass der eigene Vater die Tat begangen haben könnte.
Als Ulrike zur Welt kam, überführte ein Bluttest ihren Erzeuger. "Meine Geburt war nun der Beweis, dass der eigene Vater seine eigene Tochter vergewaltigt hatte."
Er wurde zu einer Haftstrafe verurteilt, doch nachdem er freigekommen war, machte er einfach weiter wie zuvor. Der Missbrauch ging weiter, irgendwann kam er erneut in den Knast.
Inzestkind Ulrike erfährt mit elf Jahren, wer ihre Schwester wirklich ist
"Als er das zweite Mal seine Strafe abgesessen hatte, da hab ich das so hingeknallt gekriegt", erinnert sich Ulrike. Ihre vermeintliche Mutter, eigentlich also ihre Oma, habe ihr außerdem gesagt: "In dir sah ich immer das Kind der Sünde meines Mannes."
Die damals Elfjährige verstand die Welt nicht mehr, sah sich gleichzeitig damit konfrontiert, dass das ganze Dorf über ihre Familie sprach - sie war das "Kind der Blutschande". Eine Schulfreundin ihrer Mutter, zu der Ulrike heute noch Kontakt hat, bestätigt das: "Das war ja der Skandal des Jahrhunderts."
Sie erinnert sich, dass Ursula ein sehr stilles Mädchen gewesen sei, die voller Ehrfurcht von ihrem Vater, aber nie von ihrer Mutter gesprochen habe. Sie lebte auch nach den Haftstrafen des Vaters weiter in der Familie, zog erst aus, als sie von ihrem ersten Freund schwanger wurde - ohne Ulrike.
Überhaupt schwieg die Familie die Taten des Vaters einfach tot. Bis heute: Ulrikes Mutter will nicht mit den Machern der Doku sprechen, habe mit der Vergangenheit abgeschlossen.
"Inzest ist ein geschlossenes System, das nur von außen aufgebrochen werden kann", so Ulrike. Die 68-Jährige konnte in ihren ersten zwei Ehen auch nicht offen über diesen Teil ihres Lebens sprechen, schämte sich. Erst mit ihrem jetzigen Mann Dieter kann sie über die Vergangenheit reden.
Ulrike gründet bislang einzigen Verein für Inzestkinder
1996 gründete sie den Verein M.E.L.I.N.A. e.V. - der bis heute erste und einzige Verein für Inzestgeborene in Deutschland. Ulrike ist damit die Anlaufstelle für bundesweit Betroffene.
"Diese Kinder haben keine Hilfe, im Familienverband sowieso nicht. Die Täterfamilien haben sehr viele Mechanismen, das unterm Deckel zu halten", so die Koblenzerin. Sowohl innerhalb als auch außerhalb der Familie werde den Opfern meist nicht geglaubt.
Die ganze Folge "37 Grad: Kein Kind der Liebe" läuft am Dienstagabend um 22.15 Uhr im ZDF oder schon jetzt in der Mediathek.
Titelfoto: Bildmontage: ZDF/Babak Asgari, 123RF/yupachingping

