Leipzig - Als Winfried Behlau ein Heranwachsender ist, wird er darüber in Kenntnis gesetzt, bei einer Vergewaltigung entstanden zu sein. Ein Schock für den heute 80-Jährigen, der seine Vergangenheit erst im hohen Alter verarbeiten konnte.
Seine Mutter Martha war in Kaliningrad aufgewachsen, später ins heute polnische Olsztyn umgezogen. Dort wurde sie im Juli 1945 von einem sowjetischen Soldaten vergewaltigt. Martha möchte das Kind abtreiben, doch das Vorhaben misslingt, wie in der ZDF-Sendung "37 Grad: Kein Kind der Liebe" berichtet wird.
In der Schule wird Winfried nach eigenen Aussagen ins Lehrerzimmer gebeten und ausgehorcht, wer sein Vater sei. Stolz berichtet er, sein Papa sei Schuhmacher gewesen, 1942 aber im Krieg gefallen.
Dass er nicht sein Erzeuger sein kann, da Winfried erst 1946 geboren wird, weiß der Junge zu diesem Zeitpunkt nicht. Fortan sei er von seinem Klassenlehrer als "Bastard" bezeichnet worden.
Erst einen Tag nach seinem 13. Geburtstag erzählt seine Mutter ihm von seinem leiblichen Vater. "Damals kamen Russen, die haben mich vergewaltigt." Nachfragen blockt Martha in den Jahren danach immer wieder ab.
Mit stolzen 102 Jahren stirbt sie. Ohne ihrem Sohn die drängendsten Fragen beantwortet zu haben.
Winfried Behlau gründet Verein "Distelblüten Russenkinder"
Seiner Frau Hildegard erzählt er erst mit 66 Jahren, woher er stammt. Nachdem Winfried diese Last des Schweigens und Verdrängens ablegt, sei er lockerer, freier geworden, berichtet sie in der ZDF-Doku.
Das Kind eines Kriegsverbrechers habe sich in seinem Leben oft wertlos gefühlt. Das gipfelte stellenweise gar in Suizidgedanken. "Wenn ich auf einem hohen Turm gestanden hab, war die Idee: Wenn du jetzt runterspringen würdest, wäre innerhalb von ein paar Sekunden dein Leben zu Ende." Aber immer wieder brach er das Vorhaben ab. "Ich wollte das meinen Kindern nicht antun."
Später nimmt der Lehrer im Ruhestand an einer Studie der Universität Leipzig teil, gründet den Verein "Distelblüten Russenkinder", deren Jahrestreffen im Mai 2026 in der Messestadt stattfand.
Winfried ist mit seinem Schicksal nicht allein. Schätzungsweise 200.000 bis 400.000 Kinder sind durch Sex von alliierten Soldaten mit deutschen Frauen entstanden - meist durch Vergewaltigungen oder es wurde Geschlechtsverkehr für damals knappe Lebensmittel angeboten.
Die Doku "Kein Kind der Liebe" aus der "37 Grad"-Reihe des ZDF ist in der Mediathek abrufbar.