Schorndorf/Tübingen - Es scheint unmöglich und doch ist es passiert: Eine Mutter hat im baden-württembergischen Schorndorf ihr 20 Monate altes Kind im Auto vergessen. Stunden später war das Mädchen tot. Eine furchtbare Tragödie. TAG24 hat bei Psychologin Dr. Ines Riessen nachgefragt, was da im Kopf der Mutter vorgegangen sein könnte.
TAG24: Wie kann das passieren, dass eine Mutter ihr Kind im Auto vergisst?
Dr. Ines Riessen: Scheinbar kaum nachvollziehbar und dennoch passiert es immer wieder. David M. Diamond hat sich seit 2004 mit diesem Thema wissenschaftlich beschäftigt und den Begriff des "Vergessenes-Baby-Syndroms" kreiert. Die meisten Kinder, die vergessen werden, sind im Kleinkindalter, also unter zwei Jahren und man geht schätzungsweise von 37 Fällen pro Jahr in den USA aus. Für Deutschland gibt es keine Daten.
TAG24: Was geht dabei in der Psyche vor?
Dr. Ines Riessen: Im Alltagsgedächtnis sind Routinen verankert, die oftmals die Oberhand übernehmen. Hinzu kommen andere Motive, etwa der Wunsch, es anderen recht zu machen – zum Beispiel am Arbeitsplatz – sowie Stress, Schlafmangel oder kurzfristig veränderte Tagesabläufe. Eine Kombination der erwähnten Faktoren begünstigt Fehlleistungen des Gedächtnisses.
Das Gedächtnissystem, das automatisierte Handlungen steuert, überlagert dann das zugrundeliegende kurzfristige intentionale beziehungsweise prospektive Gedächtnis, das für das "Daran-Denken, etwas noch zu tun" zuständig ist. In der Regel handelt es sich also nicht um eine Handlung aus böser Absicht.
Vielmehr wird die Situation unterschätzt. "War es wirklich so heiß? War ich so lange weg?", oder es bildet sich sogar eine falsche Überzeugung aus, das Kind bei der Tagesmutter oder in der Kita bereits abgegeben zu haben.
Dr. Ines Riessen: "Es ist anzunehmen, dass die junge Mutter vollkommen unter Schock steht"
TAG24: Was bedeutet das Vergessen eines Kindes für die Psyche der Mutter?
Dr. Ines Riessen: Für die betroffene Mutter ist das traumatisch: Sie erlebt einen plötzlichen Verlust ihres Kindes, begleitet von massiven Schuld‑ und Schamgefühlen, weil sie zugleich Täterin und Angehörige ist. Das hinterlässt sie tief verunsichert in ihrer elterlichen Identität und stellt ihre Fähigkeit, weiterzuleben und sich wieder an andere zu binden, fundamental infrage.
TAG24: Wie sollte die Mutter in der aktuellen Krise unterstützt werden?
Dr. Ines Riessen: Es ist anzunehmen, dass die Mutter vollkommen unter Schock steht. Sie braucht einen geschützten Rahmen ohne Schuldvorwürfe. Die Gefahr eines massiven psychischen Zusammenbruchs ist gegeben, auf jeden Fall sollte man die Mutter in dieser Situation nicht allein lassen.
Mutter leidet sicher unter starken Schuldgefühlen
TAG24: Sie arbeiten gerade an ihrem Buch "Schuldgefühle", das im August veröffentlicht wird. Wie kann die Mutter mit dieser Schuld fertig werden?
Dr. Ines Riessen: Rein rechtlich wäre zu prüfen, ob der Tatbestand einer fahrlässigen Tötung erfüllt ist.
Es ist anzunehmen, dass die junge Mutter unter massivem moralischen Schulderleben leidet, was ihre weitere Lebensführung nachhaltig beeinflussen kann. Die soziale Ächtung in einem solchen Fall macht eine Verarbeitung zudem schwierig.
In einer längerfristigen Therapie wird die Stabilisierung und Traumabearbeitung, Trauerarbeit sowie die differenzierte Auseinandersetzung mit Schuld und Scham bearbeitet.
Ein Viertel aller Eltern hat Kind schon vergessen
TAG24: Kann jeder Elternteil sein Kind unter bestimmten Umständen vergessen?
Dr. Ines Riessen: Viele Menschen sind überzeugt: "So etwas kann mir nicht passieren." Tatsächlich zeigen Umfragen aber, dass ungefähr ein Viertel aller Eltern schon einmal für einen Moment vergessen hat, dass ihr Kleinkind mit im Auto sitzt – meist nur für Sekunden oder Minuten. In der Regel fällt es ihnen noch vor dem Aussteigen wieder ein.
Eine Kinderdecke oder die Wickeltasche im Auto helfen, dass dies nicht passiert.
Die Wahrscheinlichkeit des längerfristigen Vergessens des Kindes im Auto ist eher sehr gering, aber wenn es geschieht – wie in dem geschilderten Fall – unfassbar traurig.