Heute vor 55 Jahren: Was diese Frauen öffentlich zugaben, war ein Skandal
Heute vor 55 Jahren, am 6. Juni 1971, veröffentlichte das Magazin Stern eine Titelstory, die eine der größten gesellschaftlichen Debatten in Deutschland auslöste. Unter der Überschrift "Wir haben abgetrieben!" bekannten sich 374 Frauen öffentlich zu einem Schwangerschaftsabbruch.
Unter "heute vor ... Jahren" gibt es noch viele weitere Jubiläen zu entdecken.
Initiiert wurde die Kampagne maßgeblich von der deutschen Journalistin und Feministin Alice Schwarzer (*1942). Ihr Ziel war es, eine Debatte anzustoßen und die Realität zu einem Thema sichtbar zu machen, das bis dahin kaum öffentlich diskutiert wurde: Schwangerschaftsabbrüche - sie fanden seit vielen Jahren statt, jedoch meist illegal und zum Teil unter lebensgefährlichen Bedingungen.
1971 galt in Deutschland der § 218 StGB, nachdem ein Schwangerschaftsabbruch grundsätzlich strafbar und nur in ganz bestimmten Ausnahmefällen erlaubt war. Die Frauen riskierten mit ihrem öffentlichen Bekenntnis somit nicht nur ihren Ruf oder berufliche Nachteile, sondern auch rechtliche Konsequenzen.
Ihre Forderung: das Recht auf mehr Selbstbestimmung und im Zuge dessen auf einen legalen Schwangerschaftsabbruch sowie das Ende der Kriminalisierung einer Abtreibung.
Zu den Unterzeichnerinnen gehörten sogar einige prominente Persönlichkeiten wie die Schauspielerinnen Romy Schneider und Senta Berger, was die mediale Aufmerksamkeit deutlich erhöhte.
Schon gewusst? Jahre nach der Veröffentlichung des Beitrags gaben einige der Frauen - darunter auch Alice Schwarzer selbst - zu, dass sie viel mehr aus Solidarität unterschrieben und in Wirklichkeit gar keinen Schwangerschaftsabbruch vorgenommen hatten.
Auswirkungen der Schlagzeile
Die Aktion "Wir haben abgetrieben!" im Stern von 1971 wurde von vielen Historikerinnen und Historikern als deutsches Pendant zur französischen Kampagne "Le manifeste des 343" im April 1971 gesehen - einer ähnlichen öffentlichen Selbstbezichtigung von Frauen in Frankreich, die ebenfalls Abtreibungen zugaben und damit das Tabu brechen wollten.
Die deutsche Initiative war somit Teil einer internationalen feministischen Protestwelle Anfang der 1970er-Jahre, die sich gegen strafrechtliche Verbote von Abtreibungen richtete.
Die Veröffentlichung im Stern löste eine breite gesellschaftliche Debatte aus. Das Thema Abtreibung sowie Fragen nach Gleichberechtigung und Selbstbestimmung rückten stärker in den Fokus von Öffentlichkeit und Politik.
In den folgenden Jahren wurde die Gesetzeslage mehrfach überarbeitet.
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Die Stern-Aktion blieb nicht gänzlich ohne persönliche Konsequenzen: Einige der beteiligten Frauen wurden wegen ihrer öffentlichen Selbstbezichtigung tatsächlich strafrechtlich verfolgt bzw. mussten sich rechtlich verantworten, was die Tragweite des Protests zusätzlich unterstrich. Die Verfahren sollen jedoch später eingestellt und keine Frau verurteilt worden sein.
Titelfoto: Fotomontage: Oliver Berg/dpa
