Tödliches Flixbus-Unglück bei Leipzig: "Als der Bus lag, war es kurz ganz ruhig!"

Leipzig - Für 75 Insassen eines Flixbusses sollte der 19. Mai 2019 in einer Tragödie enden. Während sich der Großteil mit teils schweren Verletzungen aus dem verunfallten Fahrzeug befreien kann, kann eine Frau nur tot geborgen werden. Doch auch für einige Überlebende änderte sich nach dem Vorfall das ganze Leben.

Aufgespießt von der Leitplanke liegt der Flixbus am 19. Mai 2019 neben der A9 bei Leipzig.
Aufgespießt von der Leitplanke liegt der Flixbus am 19. Mai 2019 neben der A9 bei Leipzig.  © Jan Woitas/dpa-Zentralbild/dpa

Mit einem Fernreisebus macht sich Verena Wagner am 17. Mai 2019 auf den Weg von München nach Berlin, um an einer Weiterbildung teilzunehmen. Zwei Tage später soll es für die Frauenärztin wieder zurück in die bayerische Landeshauptstadt gehen.

An jenem Sonntag stehen zahlreiche Menschen auf dem Bussteig für die Flixbus-Fahrt. "Es war klar, dass der Bus knallvoll werden wird", erzählt sie in der MDR-Sendung "Lebensretter".

Ganz allein muss der damals 59-jährige Busfahrer das Gepäck der Dutzenden Fahrgäste verladen. Immer unter dem Druck, die straff getakteten Zeitpläne einzuhalten.

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Verena Wagner findet in dem Doppelstockbus einen Platz in der vorletzten oberen Reihe. Das Gefährt startet pünktlich seine etwa siebenstündige und 580 Kilometer lange Fahrt. Doch schon nach zwei Stunden endet diese abrupt.

Auf der A9 westlich von Leipzig habe es kurz vor dem Restplatz Bachfurt plötzlich Schabegeräusche von der rechten Seite gegeben, der Bus wackelte. "Dann hat man gemerkt, dass sich der Bus dreht. Es war ein riesiges Gekreische", erinnert sich die Medizinerin.

Der Flixbus senst Verkehrszeichen um, fährt auf einen Hang und stürzt auf seine linke Seite. Die Leitplanke bohrt sich in den Frontbereich, der völlig zerstört wird. Verena Wagner fällt auf eine andere Insassin, deren Gesicht blutig ist.

Mit Leitern werden eingeschlossene Passagiere befreit.
Mit Leitern werden eingeschlossene Passagiere befreit.  © Jan Woitas/dpa-Zentralbild/dpa

Flixbus-Drama auf der A9 bei Leipzig: "Es war ein Chaos!"

Rund 200 Einsatzkräfte waren am 19. Mai 2019 im Einsatz.
Rund 200 Einsatzkräfte waren am 19. Mai 2019 im Einsatz.  © Jan Woitas/dpa-Zentralbild/dpa

"Als der Bus lag, war es kurz ganz ruhig in dem Bus, bevor alle anfingen, den Ausgang zu suchen", so Wagner.

Viele klettern über die kaputte Heckscheibe ins Freie, bemerken aber, dass der Busmotor noch läuft, während eine offensichtliche Benzinlache immer größer wird.

Immer wieder holen die weniger Verwundeten schwerer Verletzte und teilweise leblos wirkende Personen aus dem Bus. Eine Gruppe Männer befreit auch den Busfahrer, den Verena Wagner aufgrund des blutüberströmten Gesichtes zunächst nicht erkennt.

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Die Ärztin selbst registriert bei sich eine Blessur am Arm, eine blutende und angeschwollene Nase. Erst Stunden später bemerkt sie, dass sie viel schwerer verletzt ist.

Für die am späten Sonntagnachmittag nach und nach eintreffenden Rettungskräfte bietet sich eine unübersichtliche Lage auf der Autobahn. "Es waren gefühlt Tausende Menschen, die dort rumliefen. Es war ein Chaos", so Matthias Fiedler von der Freiwilligen Feuerwehr Leuna.

Weil immer mehr Verletzte lokalisiert werden, wird das Stichwort MANV (Massenanfall von Verletzten) ausgerufen. Insgesamt 200 Einsatzkräfte sollen am Unfallort gewesen sein.

Traurige Bilanz: Eine Tote, 72 teils schwer Verletzte

Die Italienerin Cristina P. (†63) überlebte den Unfall nicht.
Die Italienerin Cristina P. (†63) überlebte den Unfall nicht.  © privat

Die ersten Schwerverletzten werden in umliegende Krankenhäuser geflogen, acht Rettungshubschrauber sind dafür im Einsatz.

Das Klinikum St. Georg stellt seinen Routinebetrieb ein, beendet laufende Operationen und verschiebt noch nicht begonnene, die nicht lebensnotwendig sind.

Die Feuerwehr kann derweil eine eingeklemmte junge Italienerin befreien, ihre Mutter befindet sich da noch im Bus. Doch für Cristina P. (†63) kommt jede Hilfe zu spät, sie ist tot.

Die Bilanz des Unfalls: eine Tote, 64 leicht- sowie acht schwerverletzte Menschen, darunter auch der Fahrer. Gegen ihn wird wegen fahrlässiger Tötung und Körperverletzung vorgegangen. Doch die Ermittlungen werden eingestellt, da die Unfallursache offenbar ein Hirnschlag war.

Verena Wagner, das stellte sich später heraus, erleidet gar einen Bruch des zwölften Brustwirbels. Ihr drohte eine Querschnittslähmung, die mit zwei Operationen verhindert werden konnte.

Ihren früheren Job verliert sie vor dem zweiten Eingriff. Ihr Arbeitgeber hat sie aus Angst vor dauerhafter Invalidität und häufigem Krankenstand gekündigt. In einen Bus will sie "nie mehr" steigen.

Titelfoto: Bildmontage: privat, Jan Woitas/dpa-Zentralbild/dpa

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