Möglicher US-Angriff auf Grönland: Droht der NATO-Kollaps?
Kopenhagen/Washington D.C. - Eine mögliche Übernahme Grönlands durch die USA könnte das NATO-Militärbündnis schwer auf die Probe stellen.
Als Teil des dänischen Königreichs ist die rund 57.000-Einwohner-Insel Grönland gleichermaßen auch NATO-Gebiet. Ebenso, wie es auch die Vereinigten Staaten sind. US-Präsident Donald Trump (79) hatte kurz nach dem Großangriff auf Venezuela erneut untermauert, dass die USA aus Gründen der "nationalen Sicherheit" auch Grönland benötigen würden. Damit wurden auch die Sorgen vor einem internen NATO-Konflikt befeuert.
Da ein Verkauf der Insel an die USA sowohl von Dänemark als auch seitens der autonomen Regierung Grönlands bisher ausgeschlossen wurde, müssten sich die USA das dänische Gebiet in der Arktis wohl mit militärischen Mitteln einverleiben. Damit wäre die historische Situation gegeben, dass ein NATO-Mitglied von einem anderen NATO-Mitglied angegriffen würde.
Ein bewaffneter Angriff auf ein NATO-Mitglied ist im Nordatlantikvertrag mit dem Bündnisfall dabei klar geregelt: "Die Parteien vereinbaren, dass ein bewaffneter Angriff gegen eine oder mehrere von ihnen in Europa oder Nordamerika als ein Angriff gegen sie alle angesehen werden wird", heißt es in Artikel 5. In einem solchen Fall müssten die übrigen NATO-Partner den angegriffenen Mitgliedern Beistand leisten, um die Sicherheit des NATO-Gebiets wiederherzustellen.
Auf die TAG24-Anfrage, ob und inwieweit ein potenzieller Angriff eines NATO-Mitglieds auf ein anderes NATO-Mitglied im Nordatlantikvertrag geregelt ist, verwies die NATO am Montag lediglich auf den bereits bekannten Nordatlantikvertrag. Darin findet ein bewaffneter Angriff unter Bündnispartnern jedoch keine explizite Erwähnung.
Bleibt die Frage: "Was wäre, wenn?"
US-Angriff auf Grönland: Greift Artikel 5 des NATO-Vertrags?
Grundsätzlich ist zu betonten, dass sich alle NATO-Mitgliedsstaaten per Vertrag dazu verpflichtet haben, "jeden internationalen Streitfall, an dem sie beteiligt sind, auf friedlichem Wege so zu regeln, dass der internationale Friede, die Sicherheit und die Gerechtigkeit nicht gefährdet werden" (Artikel 1).
Sollte der Streit um Grönland dennoch militärisch eskalieren, würde Artikel 5 des Nordatlantikvertrags nicht greifen, erklärte der Politikwissenschaftler Carlo Masala (57) von der Bundeswehr-Universität München Anfang 2025, nachdem Trump bereits vor Antritt seiner zweiten Amtszeit über eine Übernahme Grönlands sinniert hatte.
Masala sagte gegenüber "Bild": "Die Nato hat keinerlei Mechanismen für die Streitbeilegung zwischen ihren Mitgliedern. Artikel 5 gilt nur für einen Angriff auf ein Nato-Mitglied durch ein Nicht-Nato-Mitglied."
Stattdessen verwies der Experte auf Artikel 42 (Absatz 7) des EU-Vertrags, wonach EU-Mitgliedsstaaten im Falle eines bewaffneten Angriffs auf das Hoheitsgebiet eines Mitgliedsstaats "alle in ihrer Macht stehende Hilfe und Unterstützung" für den angegriffenen Partner bereitstellen müssten - vergleichbar mit dem NATO-Bündnisfall, nur eben unter EU-Staaten.
Bundesaußenminister Johann Wadephul (62, CDU) sagte im Rahmen seines Besuches in Litauen am Montag jedoch etwas anderes: "Grönland ist, genauso wie die Färöer, Bestandteil des dänischen Königreichs und da Dänemark der NATO angehört, wird auch Grönland prinzipiell von der NATO zu verteidigen sein."
Interner NATO-Konflikt: Bündnispartner müssen dringend Klarheit schaffen!
Fazit: Ein Angriff der USA auf Grönland wäre - um es in den Worten von Bundeskanzler Friedrich Merz (70, CDU) zu sagen - äußerst "komplex".
Oder wie es die dänische Ministerpräsidentin Mette Frederiksen (48) gegenüber dem Sender "TV2" sagte: "Sollten die Vereinigten Staaten ein anderes NATO-Land militärisch angreifen, wäre alles vorbei. Auch unsere NATO und damit die Sicherheit, die seit dem Ende des Zweiten Weltkriegs gewährleistet ist."
Es erscheint unwahrscheinlich, dass sich Teile der NATO gegen den mächtigsten Bündnispartner USA stellen, um Grönland in einem aussichtslosen Kampf zu verteidigen. Ebenso unrealistisch wirkt ein bewaffneter Konflikt zwischen der EU und den USA, zumal ein Großteil der EU-Mitglieder auch Mitglieder in der NATO sind. Beide Annahmen hätten einen riesigen Interessenkonflikt zur Folge.
Angesichts der herrschenden Unklarheit sollten sich die NATO-Partner mit Blick auf die wachsenden territorialen Begierden seitens der US-Regierung dringlichst darum bemühen, für einen solchen Fall Klarheit zu schaffen.
Titelfoto: Bildmontage: Anna Ross/dpa, Steffen Trumpf/dpa, Alex Brandon/AP/dpa

