Oft ungerechte Kritik an Tierparks: "Zoos machen Artenschutz! Andere reden nur"

Leipzig - Dem letzten großen Artensterben der Erdgeschichte fielen die Dinosaurier zum Opfer. Das neuerliche Massensterben ist aber vor allem von Menschen verschuldet. Raubbau, Umweltverschmutzung und Wilderei treiben Tausende Arten an den Rand der Existenz. Experten schätzen, dass täglich etwa 150 Pflanzen- und Tierarten aussterben. Im Kampf gegen den Verlust der Artenvielfalt kommt deshalb Zoos eine immer wichtigere Rolle zu. TAG24 sprach mit Michael Meyerhoff (34), dem Artenschutzbeauftragten des Zoos Leipzig.

Verbindet Job und Leidenschaft: Michael Meyerhoff (34) brennt für seine Arbeit als Artenschutzbeauftragter des Zoos Leipzigs.
Verbindet Job und Leidenschaft: Michael Meyerhoff (34) brennt für seine Arbeit als Artenschutzbeauftragter des Zoos Leipzigs.  © Zoo Leipzig

TAG24: Herr Meyerhoff, was sind ihre Aufgaben als Artenschutzreferent?

Meyerhoff: Ich bin die Schnittstelle zu den lokalen und internationalen Artenschutzprojekten. Wir unterstützen über 25 Projekte weltweit und mit den Projektmanagern vor Ort tausche ich mich regelmäßig aus. Denn der Zoo hört nicht bei uns am Zaun auf, sondern ist global aktiv. So haben wir zum Beispiel eine eigene Primatenschutzstation und ein Feldprojekt in Vietnam mit fast 40 Mitarbeitern.

TAG24: Wie steht es um unsere Artenvielfalt?

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Meyerhoff: In der Roten Liste sind über 40.000 Arten von Tieren und Pflanzen bedroht und es werden jedes Jahr Tausende mehr. Die globale Lage ist also ziemlich deprimierend. Man kann gar nicht so schnell neue Strategien entwickeln, wie bedrohte Arten dazukommen.

Deshalb macht man die Strategieplanung zunehmend für mehrere Arten gleichzeitig, wenn diese zum Beispiel gleiche Bedrohungen im gleichen Lebensraum haben. Oder man fokussiert sich auf den Schutz einer attraktiven Flaggschiffart und schützt somit auch viele andere Tier- und Pflanzenarten.

TAG24: Im Mittelpunkt des Artenschutzes der Zoos steht die Erhaltungszucht. Was heißt das?

Meyerhoff: Es gibt das Europäische Erhaltungszuchtprogramm (EEP) für weit über 400 Arten. Auf europäischer Verbandsebene wird geklärt, welche Arten Priorität haben. Manche EEP haben nur eine Arche-Funktion, um eine Backup-Population als Versicherung für die Zukunft aufzubauen. Einige der Projekte gehen aber einen Schritt weiter.

Da schließt sich der Kreis, dass eine Art, die fast ausgerottet war, in den Zoos so weit vermehrt worden ist, dass man genügend Tiere hat und in einem gesicherten Gebiet die Wiederansiedlung gewagt wird.

Vielen Tier-Arten fehlt der natürliche Lebensraum

Der Biologe Peter Müller verwaltet im Zoo Leipzig unter anderem das internationale Zuchtbuch für Tiger.
Der Biologe Peter Müller verwaltet im Zoo Leipzig unter anderem das internationale Zuchtbuch für Tiger.  © picture alliance/dpa-Zentralbild/Waltraud Grubitzsch

TAG24: Warum wird der Nachwuchs nicht immer ausgewildert?

Meyerhoff: Das ist sehr Art-spezifisch. Wir haben in unserem Aquarium zum Beispiel den Monterrey-Platy, ein kleiner unscheinbarer Fisch aus Mexiko. Der ist seit Jahrzehnten in der Natur ausgerottet. Die könnten wir gar nicht auswildern, weil der natürliche Lebensraum fehlt. So könnten viele Arten nicht überleben, weil Feldprogramme zur Wiederherstellung von Lebensraum noch nicht so weit sind oder die politische Lage es nicht zulässt.

TAG24: Werden künftig nur noch gefährdete Arten in Zoos gehalten werden?

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Meyerhoff: Jein. Umweltbildung und Forschung sind auch zwei Kernaufgaben eines modernen Zoos. Manche Arten sind so selten, dass es zu wenige Tiere gibt, um sie im Zoo zu halten.

Daher gibt es in einigen Fällen Zuchtprogramme in zooeigenen Artenschutzzentren in den Ursprungsländern. Zudem gibt es Zuchtprogramme für Arten, die nicht kurz vorm Aussterben stehen. Sie bringen den Besuchern die Artenschutzproblematik als Stellvertreterart nahe.

Zum anderen sind viele Forschungserkenntnisse natürlich unter Menschenobhut gemacht worden. Wenn man die Technologien und das Wissen nicht in Zoos entwickelt hätte, könnte man sie nicht in Afrika oder Asien im Feldprojekt anwenden. Aber grundsätzlich versuchen Zoos sich mehr auf hoch bedrohte Arten zu fokussieren.

"Zoos machen Artenschutz! Andere reden nur".

1927 waren Wisente in Europa ausgerottet. Nur durch die Züchtung in Menschenobhut konnten die Riesen in die Wildnis zurückkehren. Heute gibt es weltweit wieder über 6000 Tiere, die von nur 12 Individuen abstammen.
1927 waren Wisente in Europa ausgerottet. Nur durch die Züchtung in Menschenobhut konnten die Riesen in die Wildnis zurückkehren. Heute gibt es weltweit wieder über 6000 Tiere, die von nur 12 Individuen abstammen.  © imago/VWPics/Jon G. Fuller

TAG24: Wie wichtig ist der Artenschutzeuro?

Meyerhoff: Der hat uns befähigt, uns noch mehr im Artenschutz zu engagieren. Wir haben sowohl bestehende Projekte finanziell intensiviert als auch neue Projekte dazu genommen. Mein Kollege sagt immer: "Es gibt mehr Patienten, als wir verarzten können". Deswegen war der Artenschutzeuro ein großer Fortschritt für uns.

TAG24: Tierrechtler wie PETA werfen Zoos vor, sie würden den Artenschutz nur vorschieben.

Meyerhoff: Wir geben fast eine Million Euro jährlich für Artenschutz aus. Die Frage ist, wie viel gibt PETA? Ich verstehe die großen ethischen Fragen wie "Ist es in Ordnung, Tiere in Menschenobhut zu halten?". Aber wenn man die Möglichkeiten hat, dem Menschen gemachten Massensterben entgegenzusteuern und das nicht tut, ist das aus meiner Sicht auch unethisch.

Wer populistisch behauptet, dass Zoos keinen Artenschutz betreiben, erzählt nicht die Wahrheit. Wir haben beispielsweise seit Bestehen unseres Primatenzentrums in Vietnam 500 Affen unter anderem aus schlechter Haltung beschlagnahmt und davon 200 Tiere wieder auswildern können. Zoos machen Artenschutz! Andere reden nur.

TAG24: Apropos: Was kann jeder tun?

Meyerhoff: Bewusster konsumieren! Viele Grillkohlen kommen aus dem tropischen Regenwald in Nigeria, vermeintlich zertifiziertes Tropenholz wird in vielen Ländern in Südamerika, Afrika und Asien über dubiose Wege zertifiziert. Palmöl ist auch so ein Beispiel. Für die Massenmonokulturen in Malaysia ist wertvoller Lebensraum zerstört worden.

Wir haben im Kleinen in Deutschland eine globale Auswirkung.

Bei Wildpferden gelang ein "Comeback"

Nachdem sie fast 30 Jahre lang in ihrem Lebensraum ausgestorben waren, leben heute wieder Przewalski-Pferde in der mongolischen Steppe.
Nachdem sie fast 30 Jahre lang in ihrem Lebensraum ausgestorben waren, leben heute wieder Przewalski-Pferde in der mongolischen Steppe.  © 123RF

Dass Artenschutz in Zoos funktionieren kann, zeigen mehr als 50 Tierarten, die in der freien Wildbahn schon als ausgerottet galten, in Zoos aber durch Zuchtprogramme überlebten und wieder erfolgreich in ihre natürlichen Lebensräume zurückkehren konnten. Als Paradebeispiel gilt dabei das Przewalskipferd, das einst weitverbreitet in eurasischen Steppengebieten lebte.

Ausgerottet durch Jagd und Lebensraumverlust Ende der 1960er-Jahre hatten nur 53 der Wildpferde in Menschenobhut überlebt. Nur ein Bruchteil davon war zur Zucht geeignet. Trotzdem gelang es, die Population auf bis zu 1500 Tiere zu erhöhen, sodass in den 1990er-Jahren erste Tiere in der Mongolei wieder ausgewildert werden konnten.

Federführend für das Projekt ist bis heute der Prager Zoo. Sowohl der Leipziger Zoo als auch der Chemnitzer Tierpark steuerten mehrere Jungtiere bei.

Heute gilt die Art mit über 2000 Tieren noch immer als "stark gefährdet" - vor allem durch extrem harte Winter und die Verpaarung mit Hauspferden.

Titelfoto: Zoo Leipzig

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