Paris/Crans-Montana (Schweiz) - Die Brand-Katastrophe im Schweizer Nobel-Skiort Crans-Montana mit 41 Toten liegt ein halbes Jahr zurück. Einen der Überlebenden und seine deutsch-französische Familie hat das SWR-Fernsehen begleitet und zeigt die Spätfolgen, die Valentins (17) Leben für immer bestimmen werden.
Valentin und Bruder Ferdinand (19) verreisen erstmals ohne ihre Eltern und mit mehreren Kumpels. Der Trip wird in einem Desaster enden.
Nach Mitternacht zum Jahreswechsel 2025/26 ziehen die Freunde noch mal los. Weil so gut wie alle Bars geschlossen haben, treffen sich zahlreiche Teenager im "Le Constellation", der zum tragischen Unglücksort wird.
Dort werden immer wieder Champagnerflaschen mit Sprühfontänen zu Tischen gebracht. Den verheerenden Brand löst eine Kellnerin aus, die um 1.26 Uhr auf den Schultern eines Kollegen sitzend den Akustik-Schaumstoff anzündet. "Ich hab das zwar gesehen. Aber am Anfang war es so klein, ich dachte, das macht jemand aus", sagt Valentin in der Weltspiegel-Doku "Crans-Montana - Leben nach dem Feuer".
Es sei kein Alarm ertönt, die Musik laut weitergelaufen. Irgendwann steigt die Temperatur so stark an, dass alle nach draußen rennen wollen. Doch vor dem schmalen Ausgang tummeln sich die Menschen, fallen übereinander. Und die Außenscheiben lassen sich in der Panik nicht sofort aufschieben.
Valentin und seine Bekannten schaffen es, doch ihn erwischt es besonders schlimm. Laut Augenzeugenberichten fällt seine Haut vom Armen und Händen, seine Kleidung ist verbrannt. "Mir war es super kalt und ich wollte schlafen. Ich wusste aber nicht, ob es schlafen war oder ich sterbe."
Bar-Brand in Crans-Montana: "Es wäre egoistisch, diese Bilder zu teilen"
Erst zwei Stunden nach dem Brand wird er von Rettungskräften versorgt, von denen es in dieser Nacht viel zu wenige für zu viele Opfer gegeben haben soll.
40 Menschen sterben in der Nacht, ein weiterer wenige Tage später im Krankenhaus.
Valentins Haut ist zu 40 Prozent verbrannt, er wird im Krankenhaus Sion in ein künstliches Koma versetzt, schwebt in Lebensgefahr.
Bruder Ferdinand sah viele Tote in der Bar. "Ich könnte jeden Einzelnen beschreiben. Aber es wäre egoistisch, diese Bilder zu teilen." Der 19-Jährige möchte die schrecklichen Erinnerungen lieber für sich behalten.
Bei der Aufarbeitung der Geschehnisse kommt heraus: Eigentlich muss es jährliche Brandschutzkontrollen geben. Doch die letzte im "Le Constellation" lag sechs Jahre zurück. Schon 2019 war der leicht entzündliche Decken-Schaumstoff verbaut gewesen. Beanstandet wurde er nicht.
Barbesitzer wollen zwei andere Lokale vor Abschluss der Ermittlungen wieder öffnen
Unter Tränen entschuldigt sich Besitzerin Jessica Moretti nach dem Brand. "Niemals" hätte sie sich vorstellen können, dass eine solche Tragödie ausgerechnet in ihrer Bar passiert.
Unbestritten hatte aber ihr Mann Jacques das Material verbaut. Bei einem früheren Selbsttest habe es kein Feuer gefangen. Und die Gemeinde behauptet, die Beschaffenheit nicht kontrollieren zu müssen.
Brisant: Im Dezember 2019 teilte Jessica Moretti ihren Mitarbeitern nachweislich mit, mit Feuerfontänen vorsichtig zu sein - wegen des Schaumstoffs, der das "Le Constellation" zum Brennen bringen könnte.
Vor Gericht sagt sie aus, sie könne sich an jene Nachricht nicht erinnern, sei, wenn dann nur ironisch gemeint. Wahrheit oder Schutzbehauptung?
Während die Ermittlungen noch immer laufen, planen Jacques und Jessica Moretti, zwei andere Lokale in Crans-Montana wieder zu öffnen. Schwer zu ertragen für die Hinterbliebenen, bevor die Schuldfrage geklärt wurde.
Noch heute werden Valentins Wunden alle zwei Tage versorgt
Valentin wird nach dem Unglück künstlich beatmet, bringt etliche Operationen hinter sich, in dem verbrannte Haut abgetragen und neue transplantiert wird. Noch heute werden seine Wunden alle zwei Tage versorgt.
In der Therapie lernt er, sich mit seiner transplantierten Haut flüssiger zu bewegen. Bis zu zwei Jahre kann es noch brauchen, bis die noch immer entzündete Haut abgeheilt und nicht mehr so rot ist. Am Ende ist der 17-Jährige aber froh, überhaupt noch am Leben zu sein. 41 andere Partygäste blieb das verwehrt.
TV-Tipp: Die Weltspiegel-Doku "Crans-Montana - Leben nach dem Feuer" ist ab sofort streambar in der ARD-Mediathek. Am 21. Juli wird sie zudem ab 23.35 Uhr im Ersten ausgestrahlt.