Nach erfolgreicher Premiere, Komponist zurück im Club: "Kann in Bach genauso viel Freude finden wie in Techno"

Hamburg - Im DOCKS auf der Reeperbahn wird Ende September zum zweiten Mal ein 2,74 Meter langer Bechstein-Konzertflügel über die Hinterbühne in den Kult-Club geschoben. An den Tasten sitzt der international erfolgreiche Pianist und Komponist Leon Gurvitch (47), der mit seinem Format "Piano Unplugged Vol. 2" bewusst den klassischen Konzertsaal verlässt und gleichzeitig den Zugang dazu erleichtern will.

Statt auf dem roten Sofa sitzt Komponist Leon Gurvitch (47) im September im DOCKS wieder am 2,74 Meter langen Bechstein-Konzertflügel.  © Madita Eggers/TAG24

Zu seiner Klaviermusik ist Tanzen ausdrücklich erlaubt und sogar erwünscht. Schon bei der Premiere im vergangenen Jahr habe es kaum jemanden auf den Stühlen gehalten.

"Es war eigentlich sofort der Wunsch da, dass wir es wiederholen wollen", sagt Gurvitch im TAG24-Interview. Gleichzeitig sei der Abend schwer zu toppen. "Deshalb mache ich mir seit Monaten Gedanken darüber, wie wir das Erlebnis noch weiterentwickeln können."

Vieles bleibe dabei bewusst eine Überraschung - auch als Kontrast zu streng durchgeplanten klassischen Konzerten.

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Sicher ist jedoch: Es wird wieder einen begleitenden DJ geben, neue Arrangements aus Klassik, Beats und elektronischer Musik sowie bekannte klassische Werke.

Auch Mozart ist Teil des Programms - "allerdings in einer Form, die viele so wahrscheinlich noch nicht gehört haben", so Gurvitch. Sicher sei jedoch schon jetzt: "Bei Mozart können die Leute richtig aus sich herausgehen." Auch Bach könnte vorkommen, ebenso eigene Stücke des Komponisten.

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Das DOCKS auf der Hamburger Reeperbahn ist eigentlich vor allem für alles andere als klassische Musik bekannt. Auf TAG24-Nachfrage erklärt das Haus: "Piano Unplugged zeigt, dass es auch anders geht. [...] Man kann auch ein bisschen außerhalb der vorgegebenen Box denken - und es funktioniert trotzdem."  © Madita Eggers/TAG24

Leon Gurvitch: "Als würde man mit 300 km/h über die Autobahn fahren"

Schon mit sechs Jahren hat Leon Gurvitch sich in die klassische Musik verliebt. Nach seiner Ausbildung (u. a. Klavier, Geige, Dirigieren) gründete er 2000 das "Leon Gurvitch Project", das Klassik, Jazz, Klezmer und Weltmusik verbindet.  © Henriette Mielke

Die Idee zu "Piano Unplugged" sei auch aus einem seiner eigenen Werke entstanden: "Perpetuum Mobile".

"Normalerweise spiele ich solche Stücke voller Energie im Konzertsaal. Aber ich habe mich gefragt: warum nicht im Club? Und warum nicht gemeinsam mit einem DJ?", so Gurvitch.

Als er DJ Vlader daraufhin fragte, ob er elektronische Beats dazu entwickeln könne, antwortete dieser: "Why not?"

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Das Ergebnis habe selbst die beiden Künstler überrascht. "Wenn diese rasend schnellen Läufe auf dem Klavier auf die Beats treffen, fühlt es sich an, als würde man mit 300 km/h über die Autobahn fahren."

Lichtdesign, Projektionen und Visuals machten den Abend zu einem Gesamterlebnis: "fast wie ein Stadionkonzert im Club".

Für Gurvitch ist entscheidend, dass Klassik nicht steif wirken muss. "Ich mache keine große Trennung zwischen Klassik, zeitgenössischer Musik oder anderen Genres. Für mich gibt es nur gute und schlechte Musik. Man kann in Bach genauso Freude finden wie in Techno."

Viele junge Menschen hätten Berührungsängste mit dem Konzertsaal, der oft als langweilig empfunden werde. Dabei komme es weniger darauf an, was gespielt werde, sondern wie es präsentiert werde. "Wenn jemand einfach nur seinen Job macht, wird es langweilig. Man muss Begeisterung ausstrahlen. Meine Aufgabe ist es, eine Verbindung zu den Menschen aufzubauen", so der 47-Jährige.

Gurvitch: "Gerade in Zeiten von KI bleibt das Live-Erlebnis etwas Einzigartiges"

Bei "Piano Unplugged" setzt das Team auf ein hybrides Konzept: Vorne stehen Sitzplätze zur Verfügung, hinten gibt es Platz zum Tanzen.  © Madita Eggers/TAG24

Viele Kolleginnen und Kollegen trauten sich solche Projekte nicht zu, aus Angst, in der Klassikwelt nicht mehr ernst genommen zu werden.

Dabei sollen diese laut Gurvitch klassische Konzertsäle wie die Hamburger Elbphilharmonie gar nicht ersetzen, sondern ergänzen.

"Wir brauchen neue, ergänzende Formate. Im 19. Jahrhundert gab es Salonkonzerte, im 20. Jahrhundert waren Hauskonzerte und gesellschaftliche Zusammenkünfte wichtig. Heute leben viele Menschen in einer Social-Media-Welt. Sie wollen etwas erleben."

Je mehr Menschen eine offene Haltung gegenüber Live-Konzerten entwickeln, desto besser. Am Ende ist Gurvitchs Hoffnung, dass durch Formate wie "Piano Unplugged" auch die klassischen Konzerte profitieren.

"Gerade in Zeiten von KI und Digitalisierung bleibt das Live-Erlebnis etwas Einzigartiges. Diese Emotionen kann nichts ersetzen - das hoffe ich zumindest!" Emotionen seien auch der Grund, warum Komponisten wie Bach oder Mozart bis heute relevant sind.

"Musik kann ohne Worte alles erzählen: Liebe, Trauer, Verlust, Glück. Jeder Mensch entwickelt beim Hören seine eigene Geschichte. Für mich ist ein Konzert fast wie ein Ereignis. Wenn nach Jahren jemand sagt: 'Ich erinnere mich noch an diesen Abend', dann ist das das schönste Kompliment."

Tickets für "Piano Unplugged Vol. 2" am 27. September im DOCKS gibt es unter eventim.de.

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