Dreister Schockanruf funktioniert, 120.000 Euro weg: "Das wirkte so glaubwürdig!"

Kassel - Aus dem Enkeltrick wurden die Schockanrufe! Immer wieder muss die Polizei über diese geglückte Masche berichten, immer wieder fallen die Opfer aus allen Wolken, wenn der Betrug herauskommt. Doch dann ist es zu spät, meist viele Zehntausend Euro weg. Mindestens. Wie auch in diesem Fall.

ZDF-Szenenfoto: Das Opfer erhält einen Anruf des vermeintlichen Neffen.
ZDF-Szenenfoto: Das Opfer erhält einen Anruf des vermeintlichen Neffen.  © ZDF

Hannah F.* (Name geändert) aus Kassel hat keine eigenen Kinder, dafür nehmen ihre elf Nichten und Neffen einen höheren Stellenwert in ihrem Leben ein. Dies soll ihr zum Verhängnis werden.

Eines Sommertages erhielt sie einen Anruf. "Ich hörte etwas, was mir durch Mark und Bein gegangen ist", erzählt sie bei "Aktenzeichen XY ungelöst". Ein aufgelöster Mann mit weinerlicher Stimme sagte, er brauche dringend Hilfe, da er einen Unfall verursacht hat, bei dem eine Mutter gestorben ist. F. ist sich sicher, dass sie mit ihrem Neffen Moritz spricht.

Anschließend schaltet sich ein zweiter Mann ein, der vorgibt, dass ihr Neffe nur mit einer Kaution in Höhe von 70.000 Euro freigelassen werden kann.

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"Durch das Aufbauen eines hohen emotionalen Drucks und der absoluten Notwendigkeit zum sofortigen Handeln nehmen die Täter ihren Opfern die Möglichkeit nachzudenken und so den Betrug zu erkennen", weiß Polizeioberkommissarin Nadja Strege von der Kripo Kassel.

Über einen längeren Zeitraum wird das meist ältere Opfer am Telefon gehalten, damit es keine Verwandten oder Bekannten zurate ziehen kann.

Aktenzeichen XY ungelöst: "Ich wusste, ich tu alles für ihn!"

ZDF-Szenenfoto: Als der Abholer weg ist, wird das Ausmaß klar.
ZDF-Szenenfoto: Als der Abholer weg ist, wird das Ausmaß klar.  © ZDF

"Er sagte, ich sei die einzige Telefonnummer, die Moritz angegeben hätte. Er wollte seine Familie wohl schonen. Das wirkte so glaubwürdig. Ich wusste, ich tu' alles für ihn", sagt Hannah F.

Die Seniorin hetzt durch ihr Haus, sucht sämtlichen Schmuck zusammen, da sie keine 70.000 Euro in bar daheim hat. "Die haben begriffen, dass ich nicht aufhöre, bis das letzte gefunden ist."

Sie übergibt an einen angeblichen Boten des Amtsgerichts Schmuck im Wert von rund 120.000 Euro. Direkt danach bricht der vermeintliche Polizist das Telefonat ab. Die Rentnerin ruft daraufhin ihren Neffen an und schon in den ersten Augenblicken des Gesprächs bemerkt sie den Betrug.

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"Auf die Schockanrufe haben sich vor allem Tätergruppen aus Osteuropa spezialisiert", so Strege. Dabei werden Geld- oder Vermögenswerte erzielt, die nicht selten in die Zehn- bis Hunderttausende Euro gehen.

Ihre potenziellen Opfer finden die Betrüger meist in Telefonverzeichnissen, suchen dort gezielt nach älter klingenden Vornamen, schauen sich auch die Wohngegend an.

Die Strafverfolgung gestaltet sich schwierig, doch es wurden auch schon Betrügerbanden hochgenommen. Ein Mann wurde jüngst in Traunstein zu einer zehnjährigen Haftstrafe verurteilt.

Folgende Tipps geben Euch die Behörden:

  • Streicht Euren Vornamen aus Telefonbüchern und -registern bzw. löscht Euren Eintrag dort komplett!
  • Beendet sofort das Telefonat, wenn Ihr Auskunft über Eure Finanzen geben sollt! Solche Fragen stellt die Polizei nicht! Auch eine Übergabe von Geld oder Wertgegenständen würde eine Ermittlungsbehörde niemals verlangen!
  • Prüft die Richtigkeit der Geschichte, in dem Ihr bei dem echten Verwandten oder Angehörigen unter seiner altbekannten Telefonnummer anruft!
  • Erzählt einer Vertrauensperson von dem Anruf und bittet diese um ihre Einschätzung!
  • Erstattet in jedem Fall Anzeige bei der Polizei!

Die komplette Spezialfolge zum Thema Betrug seht Ihr in der ZDF-Mediathek.

Titelfoto: ZDF

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