Attentat-Ersthelfer Hüseyin: "Er hat einer Dame, die bereits verstorben war, noch mal in den Kopf geschossen, dann auf mich gezielt"

München - Dijamant Zabërgja. Armela Segashi. Sabine Sulaj. Guiliano Kollmann. Sevda Dağ. Hüseyin Dayicik. Can Leyla. Roberto Rafael. Selçuk Kiliç: Neun Menschen, acht davon zwischen 14 und 20 Jahre alt, deren Leben ein rassistischer Attentäter im Juli 2016 sinnlos ein Ende gesetzt hat. Zehn Jahre später läuft eine bewegende Doku erstmals im Free-TV.

Sechs der neun Opfer (o.l. nach u.r.): Dijamant Zabërgja (†20), Guiliano Kollmann (†19), Can Leyla (†14), Roberto Rafael (†15), Hüseyin Dayicik (†17), Selçuk Kiliç (†15).  © ZDF/2022 Sky Deutschland Fernsehen GmbH & Co. KG | OneGate Media GmbH

"Ich dachte, München ist die sicherste Stadt der Welt, da kann nichts passieren", sagt der Überlebende Hüseyin Bayri in "22. Juli. Die Schüsse von München", die von Sky produziert wurde und nun erstmals ZDFinfo im Free-TV auf ZDFinfo läuft.

Er kam Giuliano als Erster zu Hilfe und versuchte, die drei Einschusslöcher im Oberkörper abzudrücken. Plötzlich habe der Attentäter neben ihm gestanden, "keine zwei Meter entfernt. Er hat einer Dame, die bereits verstorben war, noch mal in den Kopf geschossen und dann auf mich gezielt", so Bayri.

Der Ersthelfer schaut in den Pistolenlauf, hört ein Klicken, fällt in Ohnmacht. Verletzt ist er nicht. Heute sagt er über Guiliano: "Ich hätte mir gewünscht, dass wir uns die Kugeln teilen - Hauptsache, er ist am Leben."

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Kurz vor 18 Uhr schießt David "Ali" Sonboly im Obergeschoss des McDonald's am Olympia-Einkaufszentrum (OEZ) auf fünf Jugendliche. Vier sind sofort tot, eine 13-Jährige wird lebensgefährlich verletzt.

Die Einsatzkräfte finden ein schreckliches Bild vor. "Da lagen mehrere tote Kinder über den Tischen", berichtet Notarzt David Anz. Und das Mädchen habe auf dem Boden gelegen, "blutüberströmt mit Kopfschuss, hat aber 20 Minuten nach der Schussabgabe noch geatmet".

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Ebenfalls tot (v.l.n.r.): Sevda Dağ (†43), Sabine Sulaj, Armela Segashi (beide †14).  © ZDF/2022 Sky Deutschland Fernsehen GmbH & Co. KG | OneGate Media GmbH

Weitere schlimme Anschläge kurz vor München

In dieser Münchner McDonald's-Filiale erschoss  © ZDF/2022 Sky Deutschland Fernsehen GmbH & Co. KG | OneGate Media GmbH

Und Kriminalbeamtin Uta Berberich erinnert sich: "Von der ersten Minute bis zum Abtransport haben die Handys der vier jugendlichen Leichen geklingelt, die im ersten Obergeschoss von McDonald's sitzen. Ich hätte die Handys am liebsten ausgeschaltet, weil ich dieses Leiden und das Elend nicht mehr hören konnte."

Sonboly hat aber noch nicht genug. Auf der Straße vor dem Burger-Restaurant erschießt er drei weitere Personen, im OEZ muss sein letztes Opfer, Dijamant Zabërgja (†20), sterben. Die Polizei ist mit 2300 Beamten alarmiert, weiß nicht, ob es sich um Einzeltäter oder einen IS-Angriff mit mehreren Attentätern handelt.

73 Tatorte werden an den glühenden Notruf-Leitungen registriert, alle müssen gecheckt werden. Bewahrheiten wird sich nur ein einziger.

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Die Anspannung ist auch deswegen so groß, weil sich das München-Attentat in eine Reihe ähnlicher Anschläge reiht.

Innerhalb von acht Tagen davor gab es den Zug-Angriff bei Würzburg mit fünf Verletzten sowie den Lkw-Mord in Nizza mit 86 Toten und 400 Verletzten. Zweieinhalb Wochen davor starben 45 Menschen beim Anschlag auf den Istanbuler Atatürk-Airport. Und auf den Tag genau fünf Jahre vor München erschoss der damals 32-jährige Anders Behring Breivik 77 Menschen in Oslo und auf der Insel Utøya.

Schnell wird deutlich: Breivik dürfte Sonboly als Vorbild gedient haben. Nicht nur das Datum ist gleich. Auch die Waffe.

Hüseyin Bayri überlebte das Attentat und war Ersthelfer.  © ZDF/2022 Sky Deutschland Fernsehen GmbH & Co. KG | OneGate Media GmbH

"16 uhr oez meggi" lockte Jugendliche in die Todesfalle

Ein Schulfreund des Attentäters berichtet.  © ZDF/2022 Sky Deutschland Fernsehen GmbH & Co. KG | OneGate Media GmbH

David "Ali" Sonboly, ein Deutsch-Iraner mit eindeutig rechtsradikalem Gedankengut, hatte an jenem 22. Juli 2016 Jugendliche in besagten McDonald's gelockt, um sie dort dann hinzurichten.

Ein Schulfreund, der nicht erkannt werden möchte, habe die Nachricht "16 uhr oez meggi" ebenfalls erhalten. Nur weil er die Uhrzeit verpeilt und nicht in das Fast-Food-Restaurant kommt, überlebt er wohl, sieht dann die ersten Videos vom Tatort.

"Ich konnte meinen Augen nicht trauen. Ich hab sofort Ali erkannt, an seiner Gangart, seinem Rucksack", so der Mitschüler. Der 18-Jährige wird wenige Gehminuten entfernt tot in der Henckystraße entdeckt. In seiner Tasche befinden sich Drähte und mehrere Hundert Schuss Munition. Er hätte möglicherweise weiter gemordet.

Er sei früher gemobbt, sogar körperlich misshandelt worden, schreibt Sonboly in einem Manifest, das auf seinem gelöschten PC wiederhergestellt wird. Offenbar einer der Auslöser für schreckliche Tat, die sich nun zum zehnten Mal jährt.

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Das Denkmal "Für Euch" vor dem OEZ.  © ZDF/2022 Sky Deutschland Fernsehen GmbH & Co. KG | OneGate Media GmbH

Die vierteilige Doku "22. Juli. Die Schüsse von München" wird als Free-TV-Premiere in der Nacht zum 25. Juli ab 1.15 Uhr auf ZDFinfo ausgestrahlt. Schon jetzt sind alle vier Teile in der ZDFmediathek streambar.

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