Vorbild "Elblandrevolte": Sorge vor wachsender Gewaltbereitschaft junger, rechter Gruppen im Osten

Leipzig - Seit den 1990er-Jahren ist Rechtsextremismus wieder ein gravierendes Problem in Ostdeutschland. Im Rahmen der Anti-CSD-Proteste drängten sich im vergangenen Jahr vor allem junge Nachwuchs-Neonazis wie etwa Finley P. (19), Stützpunktleiter der "Jungen Nationalisten Dresden" ("Elblandrevolte"), in den Vordergrund. "MDR exactly" geht dieser Entwicklung in einer neuen Dokumentation mit dem Titel "Jung, männlich, rechtsextrem - Nachwuchs-Nazis im Osten" auf den Grund.

"HIV, hilf uns doch - Schwule gibt es immer noch", ruft Finnley P. 2024 auf einem Gegenprotest zum CSD in Görlitz.
"HIV, hilf uns doch - Schwule gibt es immer noch", ruft Finnley P. 2024 auf einem Gegenprotest zum CSD in Görlitz.  © PR/MDR/Lotze,

"Du brauchst gar nicht denken, dass ich dir nicht irgendwann mal eine reinschieße, nur weil du 'ne Fo*** bist", sagte P. am 4. November 2024 am Rande einer rechten Kundgebung in Görlitz zu einer Gegendemonstrantin. "Da kannst du dich drauf freuen."

Sechs Wochen später macht er seine Drohung gemeinsam mit seinen Kameraden wahr. Das Handyvideo eines Anwohners zeigt dabei das Ende einer Jagd auf die jungen Linken. Darauf ist auch zu sehen, wie Finley P. zuschlägt. Drei Linke erleiden an diesem Abend Kopfverletzungen durch Tritte und müssen behandelt werden, zwei von ihnen sind Frauen.

"Ich dachte, ich sterbe", erinnert sich Lokalpolitikerin Samara Schrenk (21, Linke) später vor Gericht. "Meine nächste Erinnerung ist, dass der Krankenwagen und die Polizei kam."

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Da die Behörden befürchteten, Finley P. könne weitere politisch motivierte Gewalttaten begehen, kommt er für mehrere Monate in Untersuchungshaft. Im November 2025 wurde P. dann unter Einbeziehung weiterer Taten zu einer Bewährungsstrafe von neun Monaten, ausgesetzt auf zwei Jahre Bewährungszeit, verurteilt. Auch beim demnächst beginnenden Prozess um den 2024 angegriffenen Europapolitiker Matthias Ecke (41, SPD) sitzen mit Quentin J. (18), Justin S. (17), Tobias R. (18) und Leander H. (18) junge Männer auf der Anklagebank, denen zum Teil Verbindungen zur "Elblandrevolte" nachgesagt werden.

Kulturbüro Sachsen e.V. und Verfassungsschutz zeigen sich besorgt

Solvejg Höppner und Michael Nattke vom Kulturbüro Sachsen e.V. sind von den Entwicklungen im Osten nicht überrascht.
Solvejg Höppner und Michael Nattke vom Kulturbüro Sachsen e.V. sind von den Entwicklungen im Osten nicht überrascht.  © PR/MDR/Lotze

"Wir sind einerseits besorgt über diese Entwicklung, aber andererseits auch nicht überrascht", sagt Michael Nattke vom Kulturbüro Sachsen e.V dem MDR. "Wir haben seit zehn Jahren eine Entwicklung, dass die gesamte Gesellschaft sich immer mehr nach rechts ausrichtet. Warum soll das vor jungen Menschen haltmachen?"

Nattkes Kollegin, Solvejg Höppner, sieht eine Zuspitzung der gesellschaftlichen Verhältnisse sowie eine zunehmende Krisenwahrnehmung als einen möglichen Grund für den hohen Zulauf rechter Jugendbewegungen. Auch die Nachwirkungen der Corona-Zeit spielten womöglich eine Rolle.

Der Leiter des sächsischen Verfassungsschutzes, Dirk-Martin Christian, erkennt in dem Vorgehen der "Elblandrevolte" einen Strategiewechsel rechter Akteure im Freistaat und darüber hinaus: "Weg von der strammen Kadertruppe, die eben den Nachwuchs zu generieren hat, hin zu einer Vorfeldorganisation, die ganz bewusst mit niedrigschwelligen Angeboten quasi in die Szene hineinwirkt", sagte Christian dem MDR-Magazin. "Die Elblandrevolte ist vielleicht das erste Produkt dieses Strategiewechsels."

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Das Modell "Elblandrevolte" werde bereits von verschiedenen Gruppen, die sich häufig über soziale Netzwerke fänden, nachgeahmt. "Die Gewaltbereitschaft ist ein ganz wesentliches Element, gerade auch bei den sehr jungen Leuten. Es ist möglicherweise auch ein Motiv, sich diesen Gruppierungen anzuschließen."

Dirk-Martin Christian vom sächsischen Verfassungsschutz sieht Gewaltbereitschaft als wesentliches Merkmal von neuen Gruppierungen wie der "Elblandrevolte".
Dirk-Martin Christian vom sächsischen Verfassungsschutz sieht Gewaltbereitschaft als wesentliches Merkmal von neuen Gruppierungen wie der "Elblandrevolte".  © PR/MDR/Lotze

Die Gewaltbereitschaft ist ein Mittel der Durchsetzung der politischen Ziele

Das gemeinsame Feindbild, seien es Linksextremisten oder politisch Andersdenkende, diene der Identitätsfestigung der Gruppe. "Es geht nicht nur alleine darum, diese Personen zu bekämpfen, sondern sie zu vernichten. Die Gewaltbereitschaft ist ein Mittel der Durchsetzung der politischen Ziele dieser Gruppierungen", so der Verfassungsschützer weiter.

Die komplette Dokumentation "Jung, männlich, rechtsextrem - Nachwuchs-Nazis im Osten" seht Ihr jederzeit auf Abruf in der ARD-Mediathek.

Titelfoto: PR/MDR/Lotze,

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