Heute vor 51 Jahren, am 10. August 1975, griffen Hunderte Menschen in Erfurt algerische Vertragsarbeiter an – ein Kapitel, das in der DDR lange verschwiegen wurde.
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Wenn von rassistisch motivierten Ausschreitungen in Deutschland die Rede ist, denken viele zuerst an Hoyerswerda oder Rostock-Lichtenhagen. Kaum bekannt ist dagegen, dass sich bereits im August 1975 in Erfurt ähnliche Szenen abspielten.
Die DDR verstand sich als antifaschistischer Staat, in dem Rassismus offiziell keinen Platz hatte. Umso stärker widersprachen die Ereignisse vom 10. bis 13. August 1975 diesem Selbstbild: In Erfurt griffen mehrere hundert Menschen algerische Vertragsarbeiter an, verfolgten sie durch die Innenstadt und bedrohten ihre Unterkünfte.
Die betroffenen Algerier waren erst wenige Monate zuvor nach Erfurt gekommen, um den Arbeitskräftemangel in Ostdeutschland zu verringern. Sie arbeiteten in Industriebetrieben und lebten überwiegend in Wohnheimen. Ihr Aufenthalt war zeitlich befristet, eine Integration in die Gesellschaft war unerwünscht, Kontakte zur Bevölkerung blieben oft begrenzt.
Gleichzeitig verbreiteten sich über die ausländischen Arbeitskräfte nicht nur rassistische Vorurteile, sondern auch unbegründete Gerüchte über angebliche Vergewaltigungen, Messerstechereien, Tötungsdelikte oder eine bevorzugte Behandlung.
Vom Konflikt zur rassistischen Gewalt
Am 10. August 1975 eskalierte während eines Volksfestes auf dem Erfurter Domplatz ein Konflikt zwischen algerischen Vertragsarbeitern und DDR-Bürgern - ein Algerier soll versucht haben, eine deutsche Frau gegen ihren Willen zu küssen, woraufhin der Mann verprügelt wurde.
Nach Unterlagen der Staatssicherheit wurden anschließend bis zu 25 Algerier von einer Menschenmenge mit bis zu 300 Beteiligten durch die Stadt verfolgt. Die Volkspolizei brachte die Betroffenen schließlich in Sicherheit. Mehrere Menschen wurden verletzt.
In den folgenden drei Tagen kam es erneut zu Angriffen und Bedrohungen, unter anderem vor dem Hauptpostamt und am Wohnheim der algerischen Arbeiter. Erst ein verstärktes Polizeiaufgebot beendete die Ausschreitungen.
Die DDR reagierte - und schwieg zugleich
Die DDR leitete Ermittlungen gegen zahlreiche Beteiligte ein, verurteilte mehrere Haupttäter zu Haftstrafen und ahndete weitere Beteiligte mit Ordnungsstrafen. Öffentlich wurde über die Ausschreitungen jedoch kaum berichtet, schließlich widersprachen sie dem Selbstverständnis der DDR als antifaschistischer Staat.
Erst nach der Wiedervereinigung ermöglichten Akten der Staatssicherheit und historische Forschungen eine umfassendere Aufarbeitung.
Schon gewusst? Die Ausschreitungen von Erfurt waren kein Einzelfall. Auch in anderen DDR-Städten wie Merseburg, Ost-Berlin oder Dresden kam es zu Spannungen und rassistischen Übergriffen gegen ausländische Vertragsarbeiter. Diese wurden jedoch ebenso wenig öffentlich diskutiert.
Heute erinnern die Ausschreitungen von Erfurt daran, dass rassistische Gewalt auch in der DDR existierte. In der historischen Forschung werden die Ereignisse aufgrund ihres Ausmaßes teilweise als pogromartig beschrieben oder als Pogrom eingeordnet.
Unabhängig von der verwendeten Bezeichnung verdeutlichen sie, wie schnell Vorurteile und Gerüchte in kollektive Gewalt umschlagen können – und warum die kritische Auseinandersetzung mit diesem Kapitel der deutschen Geschichte bis heute von Bedeutung ist.